Zeugnisangst Eine Null, Null, NullSeite 2/2

Die Instrumente, mit denen sich Pennac daranmacht, den großen Brocken Schulelend auseinanderzunehmen, wirken schlicht. Sie heißen: gesunder Menschenverstand (Hallo, ihr Eltern! Die elendeste Schulgegenwart hält nicht ein Leben). Optimismus (ein Lehrer genügt – ein einziger! –, um uns vor uns selbst zu erretten!). Zukunftsvertrauen (man muss einfach die lebensvollsten Freunde ermutigen, Lehrer zu werden). Das Wichtigste: Professionalität (Es reicht, Kollege, den Fachunterricht gut zu machen, präsent zu sein, ausgeschlafen). In der Summe geht es – um liebevolle Anerkennung von Kindern. Oje. Man kann sich vorstellen, welches Höhnen das in den Lehrerzimmern hervorrufen wird. Liebe! Aber Pennac meint keine Kuschelpädagogik. Es geht darum, dem einzelnen Schülern mit Interesse gegenüberzutreten. Schüler zu beseelen mit diesem Enthusiasmus, der doch den Lehrer einst bewogen hat, sein Fach zu wählen! Pennac, der Lehrer, verkennt nicht, wie unmöglich das erscheinen mag, er findet warme Worte für die ausgebrannten Kollegen, er erinnert sich, wie furchtbar ein Lehrer-Schüler-Verhältnis zu einer Beziehung von wechselseitiger Verachtung erstarren kann. Und Pennac, als Lehrer und Autor, nimmt Partei, er stellt sich auf die Seite der Schüler, mit Argumenten, streitbar, wenn es sein muss, mit Polemik.

Ein Blick, schreibt Pennac, reiche doch oft schon, um einem jungen Menschen das Gefühl zu geben, angenommen zu sein – sei das zu viel verlangt? Jeden Schüler also morgens aufrufen, anschauen, seinen Namen nennen. »Ein winziger Moment, in dem der Schüler spüren muss, dass er in meinen Augen existiert…« Um diesen Moment kämpft Pennac. Es gehe ja ums Ganze, nur in der Gegenwart könne sich das Ich des Schülers formen, schreibt Pennac, und nicht in der Flucht vor ihr.

Das Buch mischt theoretische Betrachtungen mit den Reminiszenzen an die eigene Schulzeit. Es berichtet von Schulstunden, die erlitten wurden, und solchen, die jenes Glücksgefühl hervorriefen, im Lehrer, bei den Schülern, das ein Leben lang nicht vergessen wird. Man muss befürchten, dass solche Beschreibungen als blauäugig abgetan werden. Auch Pennac hat das befürchtet. Leicht sind die Stichworte auszumachen, aus denen die Litaneien üblicherweise zusammengestoppelt sind, mit denen sich Lehrer wie Schüler wie Eltern selbstmitleidig entschuldigen. Das wird nie was, ich bin eben zu blöd. Die Klassen sind zu groß, in der Schulbehörde sitzen nur Idioten. Auf mich hört er doch nicht und auf seinen Vater auch nicht. Wiederholung ist auch ein Baustein der Komik, das nutzt der Rhetoriker Pennac mit Geschick, weshalb dieses Buch auch eine sehr erheiternde Lektüre ist.

Mit leichter Geste erzählt er, wie man ihm selber das Leben rettete. Daniel kann nicht Diktat? Soll er einen Roman schreiben, ein Kapitel für jede Stunde! Also das hat geklappt. Für die Kollegen Lehrer liefert Pennac ein Handbuch für die Grammatikstunde. Etwa so: Ich pack’s nicht, mault ein Schüler. Okay: Wofür steht das s? Für ein es? Wofür steht dieses Es? Das Es wird »wie ein Abszess« geöffnet, raus muss, was sich dahinter an Unrat verbirgt.

In täglichen Diktaten lassen sich also doch Texte von Proust und Valéry in die Schülerköpfe träufeln. Dann auswendig lernen! Die Worte einverleiben, bis die Sprache der Literatur ganz inwendig ist, im Kopf verankert, was schön ist und wahr: »Das Recht des Kindes ist es, Mensch zu sein. Was den Menschen ausmacht, ist die Einsicht; was die Einsicht ausmacht, ist die Bildung. Ein Kind hat also ein Recht auf Bildung.« Victor Hugo!

Pennac hat ein hochpolitisches Buch geschrieben. Der Bürger Pennac kämpft für die Bürgerrechte von Kindern. Die Jugend wird hier nicht verherrlicht, auch nicht die Lehrerschaft. Alle kommen vor, die Schläger wie der Lehrer mit Burn-out. Die depressiven Kinder, die Kinderhasser, das Mädchen mit Magersucht, der Spielkonsolen- addict, die Marken-Junkies, auch unsere städtebaulichen Wüsten, erprobte Kulissen für Gewaltexzesse. Die mediale Dröhnung. Man merkt, der Autor möchte am liebsten einmal rundum aufräumen. Man spürt, was es ihn kostet, sich zu beschränken auf jene kleinen Fluchten, die aus dem Gefängnis des magischen Denkens führen könnten, welches darauf beharrt, dass Schulkummer, das Scheitern, todsicher das ganze Leben verschlucken wird.

Das Buch endet übrigens mit einem wütenden Zwiegespräch zwischen dem cancre, der sich in Daniel festgekrallt hat, und dem Optimisten Pennac, der diesen Zangengriff abzuwehren versucht. Das sieht fast wie ein Unentschieden aus, gäbe es da nicht jene Prise Selbstironie, von der Daniel Pennac eine Menge mitbekommen hat. Was ja jedem zu wünschen ist, während und nach der Schulzeit.

 
Leser-Kommentare
    • RRan
    • 07.07.2009 um 10:53 Uhr

    "Das kennen nicht wenige, denn die wenigsten kommen durch die Schule, ohne diese Angst gefühlt zu haben, und sei es nur in Mathe."

    Kommt denn kein Artikel ohne das obligatorische Mathe-Geheule aus? Es soll tatsächlich Menschen geben, für die "nur" der Deutsch-Unterricht das entsprechende Gefühl ausgelöst hat. Aber wehe, es sagt mal jemand "Ich war in Deutsch eine Niete und es ist trotzdem etwas aus mir geworden". Das ist gesellschaftlich natürlich überhaupt nicht tragbar und man ist der Depp vom Dienst, aber nach wie vor ist es en vogue sich als Mathe-Legastheniker zu outen.

  1. oft kommt man nicht mehr aus. Ein Lehrer der das eigene Kind als Versager abstempelt ist genug um eine Schullaufbahn zum kentern zu bringen, wenn nirgends Hilfe erscheinen mag.
    Alleinerziehende sind dann oft total aufgeschmissen. Am sichersten ist es dann einen MANN möglichst mit Dr.Titel oder ähnlichem zum Lehrer oder Direktor zu schicken und richtig zu signalisieren, dass man es ernst meint. Ernst mit dem Kind (man bemüht sich es zu unterstützen, auch daheim), aber auch ernst mit der ungerechten Diffamierung!

    Denkbar wäre beides...

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Isaidy
    • 08.07.2009 um 11:18 Uhr

    desgleichen musste ich auch erleben. Eine Klassenlehrerin durch die ersten vier Schuljahre in vier Fächern, die bar jeder Selbstkritik darauf baute, dass die Schüler vor ihr eine begeisterte kompatible Masse sind, die sie anhimmelt - und aus einem aufgeweckten aber auch renitenten, selbstbewussten kleinen Jungen wurde ein Unterrichtsboykotteur, eine lebende Provokation, die der Lehrerin nur noch Verachtung entgegenbringt - mit 10 Jahren. Die Leistung auf Mittelmaß abgerutscht, im Zeugnis zusammen mit der Realschulempfehlung ein hohes Leistungspotential bescheinigt, das er dringend besser nutzen sollte. Man selbst als hilfloses Elternteil im Hintergrund, versuchend, sein Verhalten einzudämmen, in richtige Bahnen zu lenken. Ihm immer klar machend, dass er kann, wenn er will. Sich Kritik über die Lehrerin verkneifend, bis es irgendwann dann nicht mehr ging, weil ich das Gefühl hatte, meinen Sohn im Stich zu lassen. Er traute sich nichts mehr zu. Wie oft bin ich in die Schule gepilgert, um mit dieser Frau zusammenzuarbeiten - es war wie Pudding an die Wand zu nageln. Mir bescheinigte sie stets die Leistungsfähigkeit meines Sohnes und das es sich schon gebessert hat mit ihm, um kurz darauf wieder hilflose Pamphlete ins Oktavheft zu schreiben wegen seiner Unangepasstheit und seines Störens. Jene im Artikel beschriebene Verachtung im Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler - ich habe sie live erlebt und das schon in der Grundschule.

    • Isaidy
    • 08.07.2009 um 11:18 Uhr

    desgleichen musste ich auch erleben. Eine Klassenlehrerin durch die ersten vier Schuljahre in vier Fächern, die bar jeder Selbstkritik darauf baute, dass die Schüler vor ihr eine begeisterte kompatible Masse sind, die sie anhimmelt - und aus einem aufgeweckten aber auch renitenten, selbstbewussten kleinen Jungen wurde ein Unterrichtsboykotteur, eine lebende Provokation, die der Lehrerin nur noch Verachtung entgegenbringt - mit 10 Jahren. Die Leistung auf Mittelmaß abgerutscht, im Zeugnis zusammen mit der Realschulempfehlung ein hohes Leistungspotential bescheinigt, das er dringend besser nutzen sollte. Man selbst als hilfloses Elternteil im Hintergrund, versuchend, sein Verhalten einzudämmen, in richtige Bahnen zu lenken. Ihm immer klar machend, dass er kann, wenn er will. Sich Kritik über die Lehrerin verkneifend, bis es irgendwann dann nicht mehr ging, weil ich das Gefühl hatte, meinen Sohn im Stich zu lassen. Er traute sich nichts mehr zu. Wie oft bin ich in die Schule gepilgert, um mit dieser Frau zusammenzuarbeiten - es war wie Pudding an die Wand zu nageln. Mir bescheinigte sie stets die Leistungsfähigkeit meines Sohnes und das es sich schon gebessert hat mit ihm, um kurz darauf wieder hilflose Pamphlete ins Oktavheft zu schreiben wegen seiner Unangepasstheit und seines Störens. Jene im Artikel beschriebene Verachtung im Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler - ich habe sie live erlebt und das schon in der Grundschule.

  2. Ja, Suggestion wirkt erst und genau dadurch, dass sie angenommen und in Autosuggestion weiterbetrieben wird. Als Ich-kann-Schule-Lehrer wunder ich mich seit 35 Jahren, warum niemand die mit den anderen reformpädagogischen Modellen entstandene, praktisch hoch wirksame Lehre von der AUTOSUGGESTION genauer angeschaut hat? Im Gegenteil: Der dt. Lehrerverein hat das Ansuchen danach der Freunde Coués in der Schweiz 1925 einfach von oben herab zurückgewiesen. Und dabei blieb es - die ganze wftl. Leistung eines so riesigen Gebietes.
    Der VERSAGER sagt UNBEWUSST permanent NEIN zu sich selbst. Da es ihm nicht bewusst ist und da die Pädagogik dafür sorgt, dass es unbewusst bleibt, geht dieser FEHLER gegen das Leben ständig weiter. Schon deswegen muss man die Ich-kann-Schule gegen diese plumpe Du-musst-Schule setzen, damit es etwas zu vergleichen gibt.
    Man kommt so gut wie immer raus. Und es kann sogar "das schwächste Glied in der Kette", das betroffene Kind, sich selbst und alle anderen Betroffenen für eine bessere Entwicklung befreien - nach dem Ich-kann-Schule-Satz 2008: "Wenn ich mit deinen Kräften BESSER umgehe als du, mögen sie mich und folgen mir lieber als dir." Ich habe immer wieder erlebt,m wie auf diese Weise Kinder, die eigentlich Hilfe von ihrem Lehrer gebräucht hätten, sich selbst wie diesem helfen konnten. Wir müssen nur zu einem FEINsinnigen Umgang mit den Talenten finden, im Wesentlichen genau entgegengesetzt dem plumpen, die Probleme mehrenden Umgang der Pädagogik. Ich grüße freundlich.
    Franz Josef Neffe

    "Ich glaub an Dich. Schließ Dich mir an, dann sind wir schon zwei!" fjn

  3. die deutsche Industrie baut die besten Maschinen der Welt. Und das seit Jahrzehnten. Darauf beruht der Wohlstand dieses Landes. Und immer gab es das Geheule, das alles immer schlimmer wird. Und nur weil Journalisten immer schon nicht zu den Hellsten gehören, wird dieses Thema immer wieder gern hoch gehalten

    • Isaidy
    • 08.07.2009 um 11:18 Uhr

    desgleichen musste ich auch erleben. Eine Klassenlehrerin durch die ersten vier Schuljahre in vier Fächern, die bar jeder Selbstkritik darauf baute, dass die Schüler vor ihr eine begeisterte kompatible Masse sind, die sie anhimmelt - und aus einem aufgeweckten aber auch renitenten, selbstbewussten kleinen Jungen wurde ein Unterrichtsboykotteur, eine lebende Provokation, die der Lehrerin nur noch Verachtung entgegenbringt - mit 10 Jahren. Die Leistung auf Mittelmaß abgerutscht, im Zeugnis zusammen mit der Realschulempfehlung ein hohes Leistungspotential bescheinigt, das er dringend besser nutzen sollte. Man selbst als hilfloses Elternteil im Hintergrund, versuchend, sein Verhalten einzudämmen, in richtige Bahnen zu lenken. Ihm immer klar machend, dass er kann, wenn er will. Sich Kritik über die Lehrerin verkneifend, bis es irgendwann dann nicht mehr ging, weil ich das Gefühl hatte, meinen Sohn im Stich zu lassen. Er traute sich nichts mehr zu. Wie oft bin ich in die Schule gepilgert, um mit dieser Frau zusammenzuarbeiten - es war wie Pudding an die Wand zu nageln. Mir bescheinigte sie stets die Leistungsfähigkeit meines Sohnes und das es sich schon gebessert hat mit ihm, um kurz darauf wieder hilflose Pamphlete ins Oktavheft zu schreiben wegen seiner Unangepasstheit und seines Störens. Jene im Artikel beschriebene Verachtung im Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler - ich habe sie live erlebt und das schon in der Grundschule.

    • Maude
    • 09.07.2009 um 14:22 Uhr

    Bei so viel Kommunikation und Zusammenarbeit, beim Pudding-an-die-Wand-nageln, wird es doch auch um die Gründe für das Verhalten des Sohnes gegangen sein.
    Davon lese ich hier nichts.
    Warum verhält sich der Junge in der Schule renitent, boykottiert den Unterricht?
    Was sagt die Schulleitung zu einer unfähigen Lehrerin?
    Was sagen außerschulische Experten zu den Schulproblemen?
    Wurde eine Therapie in Betracht gezogen oder eine Umsetzung in die Parallelklasse, wenn das Verhältnis zwischen Kind und Lehrerin derart gestört ist? Welche Lösungen wurden gefunden?
    Warum fühlen sich die Eltern hilflos? Was sagt der Elternrat?
    Wie erklärt der Sohn sein Verhalten?
    Um das Problem zu verstehen, fehlen mir hier Antworten.

  4. Die so anschauliche Beschreibung dieser Vorstellung weckt Neugier nach einem Buch, dass sich offensichtlich in der bunten und verwirrenden Vielfalt des Lebens bewegt, wo die Schlussfolgerungen nicht mehr so einfach sind. Gleichzeitig gibt es grundlegende Botschaften, die für uns alle erfahrbar wichtig sind. Schüler als Persönlichkeiten zu respektieren, macht aus einem vertikalen Verständnis voller Anweisungen, Verboten und Strafen und den entsprechenden Abwehrreaktionen eine Spielfeld, wo sich Interessen begegnen und zusammentun können um dann das immer wieder nur propagierte gemeinsame Ziel - Bildung - anzugehen mit all den Optionen, die sich der autoritätsorientierten Eingleisigkeit häufig entziehen. Hier entsteht die Autorität, die keine Uniformen braucht und durch Vorbilder und Beispiele überzeugt.
    Mal sehen, was ich da zu lesen bekomme.

  5. ... aber wie kriegen wir jetzt auch die Leute dazu, es zu lesen? Und zwar die RICHTIGEN Leute - also die (Schein-) Pädagogen, welche in Kindern eher lästige Störenfriede ihres geregelten Tagesablaufes sehen? Und - VIEL WICHTIGER - die Eltern, welche ihren Kindern bestenfalls Geld zur Ruhigstellung (auch in Form von Unterhaltungselektonik) geben, ansonsten aber stumpfes Desinteresse?

    Das wäre wichtig - für die Kinder.

    Die Menschen (egal ob Eltern oder Lehrer), die dieses Buch aus Interesse lesen, die denken ohnehin weiter. Für die ist das Buch gar nicht wichtig.

    DARÜBER müssen wir uns auch mal Gedanken machen - wie bekommen wir die die breite Masse zum Nachdenken über das Wohl der Kinder?

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service