Theater Das Glück im Wahnsinn

Calixto Bieito und René Pollesch bei den Mannheimer Schillertagen

Schiller, der gelernte Arzt, hat schon recht mit seiner Diagnose. Der Mensch bilde sich in unserer Gesellschaft nur noch als »einzelnes kleines Bruchstück des Ganzen aus« und werde »bloß zu einem Abdruck seines Geschäfts«, klagte er vor mehr als zweihundert Jahren. Jeder verstehe sich, so der Dichterphilosoph, nur noch auf sein spezielles Handwerk – und dass zum Handwerk des Theaterkritikers die häusliche Handarbeit nicht zählt, dass dieses Weibergeschäft keinen Abdruck auf seinem Spezialistentum hinterlassen hat, erfährt er schmerzhaft in Mannheim. »Was stricken Sie da?«, will er von der Frau wissen, die im (als »Jobcenter« getarnten) Arbeitsamt geschickt Nadel und Wolle führt. »Ich stricke nicht«, entgegnet sie, »ich häkle. Ich häkle den Irrgartenfaden.«

Aha. Irrgartenfaden, gehäkelt! Die sich labyrinthisch durch die Stockwerke des Betonkastens ziehende Schnur wird noch länger werden, als sie schon ist. Neben der emsigen Handarbeiterin ruht ein weiterer Berg voller Wollknäuel, der die Kluft zwischen Arbeitsamt und Nationaltheater mühelos überbrücken könnte. Das Dreispartenhaus liegt gleich um die Ecke, geografisch sowieso, aber jetzt auch ideologisch: In seinem Softskill betitelten Projekt betrachtet Ulf Aminde das »Jobcenter als eine moralische Anstalt«, just so, wie Schiller 1784 auch die Schaubühne betrachtet hat, eben nur ein paar Wollknäuel entfernt, ums Eck im Theater, wo jetzt wieder eine Woche lang das Herz der Mannheimer Schillertage geschlagen hat. Motto des Festivals: »Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.«

Anzeige

Wie die eingangs erwähnte Zeitdiagnose stammt auch dieses Zitat aus den Briefen Über die ästhetische Erziehung des Menschen – Schiller bringt darin, erschüttert von den Auswüchsen der Französischen Revolution, eine These auf den Punkt, die es in sich hat. Im Spiel sieht er das einzig probate Mittel gegen den Ernst der Natur, die den Menschen seinen Trieben ausliefern will, seiner Sexualität, seiner Guillotinierlust. Spielend aber, so der vor 250 Jahren geborene Aufklärer, könnten wir uns die Bedrängungen vom Leib halten und wieder werden, was wir einmal waren: ganze Menschen.

Wie bringt man eine solche Kulturanthropologie auf die Bühne? Eben. Die Schillertage haben gut daran getan, ihr Motto, nun ja, spielerisch zu nehmen. Die Mannheimer Fragen lauten: Wer sind heute die Spielmacher? Wer die Falschspieler? Und wer bestimmt die Regeln?

Selbst im Jobcenter sind die Rollen keineswegs klar verteilt. Dort, wo an gewöhnlichen Tagen der Kunde seinem Kundenberater gegenübersitzt, macht Ulf Aminde alle Menschen gleich. Die für Softskill engagierten Laien stecken nicht nur unter einer Bankräubermaske, sondern auch in einer Endlosschleife. Pantomimisch verrichten anonyme Automatenmenschen ihre Tätigkeiten, die Kunden ebenso wie die Kundenberater, man sieht ein chorisches Theater mit theoretischen Pollesch-Sätzen, das in einer flirrenden Kakofonie endet.

Was aber geschehen müsste, um die Menschheit als Ganzes zum Klingen zu bringen, spielt uns Schiller in Don Carlos vor: Sie müsste aus der politischen Knechtschaft befreit werden. Bei Schiller freilich werden die Revolutionäre von der Realpolitik gefressen – und dem Irrgartenfaden folgend, verlassen wir das Jobcenter und gehen rüber ins Nationaltheater, wo der katalanische Regisseur Calixto Bieito mit seinem Teatre Romea aus Barcelona gastiert: Das fleischfressende Gestrüpp der Realpolitik wuchert hier in einem veritablen Gewächshaus.

Bieito kreuzt die Kleinfamilie mit der Weltpolitik und Schiller mit Buñuel: Spaniens König ist ein Hobbygärtner und bittet Herzog Alba, Gift gegen Ungeziefer auszubringen, auch im besetzen Flandern. Tote düngen das Reich, in dem die Sonne niemals untergeht, doch genau diese Toten lässt der wüste Bieito als Gespenster wiederauferstehen. Nachdem die Leichen aus der Pflanzung hervorgekrochen sind, zieht auch der infantile Poprevolutionär Carlos nochmals in den Freiheitskampf: Seine Stiefmutter schnürt einen Sprengstoffgürtel um seinen Körper.

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service