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Peter Roos über "Seitenblicke", das tägliche österreichische Klatschmagazin

© ORF
Seit 1987 wird die zehnminütige Sendung "Seitenblicke" täglich im ORF gesendet. Sie berichtet über das Geschehen in der prominenten Gesellschaft
815.000 Österreicher sehen seit 22 Jahren täglich zur besten Sendezeit um 20.05 Uhr die fünf Minuten der offiziellen »Societyberichterstattung« des Staatsfernsehens ORF, Titel: Seitenblicke . 7000 Ausstrahlungen mit 35.000 Sendeminuten haben bisher in 24.000 Beiträgen 77.000 Interviews in den Äther geblasen. Allabendlich kündigen die Staatsnachrichten um 19.30 Uhr eigens das Inhaltsverzeichnis des Magazins an. Falls die zehn Prozent »Seitenblicker« der acht Älpler-Millionen eine Show versäumen sollten, kann nächtlich im Spätprogramm alles noch einmal besichtigt werden.
Das Magazin schäumt auf mit Sektkorkenknall und einem schielenden Augapfel-Logo. Knackige Zitate vom Werktage zelebriert am Wochenende die austriakische Yellow Press. Verschriftlicht sind die ORF-»Events« in der wöchentlich erscheinenden Hochglanzbroschüre gleichen Titels.
»Gefeatured« wird jede Ösi-Oberfläche, die surfbar ist: Mode, Macker, Machtgestö-ber; Musi, Sport; Charity & Marketing; Filmchen, Festchen, Festivals, Ferarri; Geburt, Begräbnis; Küche, Kirche, Kitzbühel; Salzburg; Promis + Premieren; Vernissagen, Finissagen; Theater, Tourismus; Huren samt Hotels; Klatsch & Tratsch; Wer-ist-der-beste-Barkeeper-im-Land, und wie seh’n halb nackerte Winzerinnen in Brustgeschirr und Spitzentanga aus? »Es gibt kaum ein gesellschaftliches Ereignis, bei dem die Seitenblicke- Teams nicht gern gesehene Gäste sind, denn ein Beitrag zählt zu den absoluten musts in der heimischen Eventszene«, dröhnt die »Philosophie« der Tele-Werbung für des Landes Lieblingssendung.
Studios braucht’s nicht – man sei »Szene, wo’s ist, wo’s passiert, wo die angesagtesten Events abgehen«. Eine komplette Republik als Schickimickipiste. Von der strahlt dann telegen prähistorische Magazinitis aus, Interviewchen, Szenchen, Schnittchen und Zwischenschnittchen, das große Häppchen-Schnäppchen vom kollektiven Gratis-Buffet der Nation. Gierig gestürmt von den immergleichen Fingerfood-Profiteuren, auf- und abgetakelte Politpiloten, im Schlepptau Halbwelt plus dem obligaten »Staranwalt« und Beauty-Chirurgen samt Push-ups, die seit 8000 Tagen nahezu ausschließlich Unsägliches, Zeitgeistelndes, Hinterfotziges, Vordergründiges, Wichtigtuerisches und Tiefgründeleien, in Kurzform gecuttet, absondern. Ein Personal aus »Adabeis« und Gesichtsmasseuren, ein Talmi-Tross aus Altadel, Parteiadel, Geldadel und Silikonadel.
Voll Stolz präsentiert das österreichische Fernsehen eine »Top Ten«-Liste seiner Seitenblick- Sternchen, die es geschafft haben, in den insgesamt 25 Tagen zusammengezählter Sendesekunden immerzu zu blöken.
Angeführt von Austrias Darstellerdarsteller Alfons Haider, selbst ernannter schönster k. u. k. Vorzeigeschwuler, empty suit der Moderatoren, bekannt gerade noch in Braunau-am-Inn, abgeführt von der abgehalfterten Operettöse und Marmeladenfabrikantengattin Birgit Sarata.
Für diese TV-Mischpoche ersann Erhard Busek, einstiger Vizekanzler und einziger Polit-Intellektueller seiner Heimat, grimmig den Kampfbegriff »Seitenblicke-Gesellschaft«. Der ist sogar in das amtliche Österreichische Wörterbuch eingegangen.
- Datum 03.07.2009 - 13:21 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 02.07.2009 Nr. 28
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