Ballett Hier tanzt die Hölle

William Forsythe zeigt in seiner neuen Choreografie die Gegenwart als Castingshow der Verdammten

Die Bühne ist vollgestopft, wie man es bei William Forsythe nicht erwarten würde. Überall Berge von Papier, Kleiderständer, Spiegel und riesige französische Spielkarten mit den Gesichtern der Tänzer statt wie sonst stolzer Damen oder Könige. Es ist schon gruselig, bevor sich überhaupt etwas bewegt. Doch woher der Grusel? Es ist ein grob chaotisches, zerschütteltes Bühnenbild, das dort beginnt, wo die Füße der ersten Reihe vom Publikum aufhören, eine Welt, die viel zu nahe kommt, gefährlich nah, und deren Bewohner ein bisschen wie die Grinsekatze aus Alice im Wunderland sind, die durch ihre seltsame Erscheinung und ihr unvorhersehbares Auftauchen so bedrohlich wirkt.

Ein breiter Drucker rattert mühsam in die Stille hinein, bis er ein Transparent ausspuckt: »Being dead before the main story opens«. Bevor man das begriffen hat, bevor die eigentliche Geschichte beginnt, kommt Yoko Ando auf die Bühne und sinniert über Kunst. »Art!«, ruft sie bedeutsam durch den Raum, spielt mit dem Wort, streichelt das rote Klebeband auf ihren Lippen und nimmt an einem Bürotisch Platz. Eine Frau im Businesskostüm, die eine Maske mit einem breiten Grinsen trägt, stolziert an den Tisch. »No, you’re not art. « Ein Mann versucht es ebenfalls mit High Heels, er hat Tischtennisbälle im Mund und murmelt mit elektronisch verzerrter Stimme Wortfetzen in das Mikro. »You’re art«, befindet Yoko und windet sich in den Worten, »art apart, department, forgot art, for god art, no yoko, oh-no.« Wörter wie Pingpongbälle.

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Man weiß zwar noch nicht genau, was auf dem Spiel steht, aber hier passiert etwas, und das hat mit unserer Zeit zu tun oder auch mit der Hölle. William Forsythe malt ein apokalyptisches Bild unserer Zeit. Maskierte Gestalten veranstalten zu einem Höllenlärm eine Endzeitparty. Marionettenhafte Körper werden wie von fremder Hand, wie von einer diabolischen Macht hin und her geschleudert. Ist das die Unterwelt unserer oberflächlichen, schönheitsverliebten Gegenwart, wo andere bestimmen, wer du zu sein hast? Einen ersten Hinweis gab es schon von dem Mann am Einlass, der das Publikum in den kleinen Raum führte – auf seinem T-Shirt der Satz wie eine Tatsache: »See you in hell«. Da hat man noch geschmunzelt. Jetzt sieht man von Weitem eine Piratenbande in der Bühnenvertiefung zu minimalem Elektropop hüpfen. Die Beleuchtung ist so diffus, dass man glaubt, in einen Fernsehmonitor hineinzusehen. Dort, im Monitor, der das Hinterzimmer der Bühne ist, läuft ein Casting der Freaks, und Yoko führt wie eine Jurorin, Moderatorin und Talkgastgeberin durch den bunten Abend. Draußen regnet es, und drinnen gibt es einen Wir-müssen-auch-mal-kritisch-über-alles-nachdenken-Karneval.

Es ist eine verkehrte Welt als Modell der Wirklichkeit, die Forsythe auf die Bühne bringt. Die Tänzer wissen gar nicht mehr mit Armen oder Beinen umzugehen, einer hebt schwer ein Bein und setzt es vor das andere, einer biegt das Schlüsselbein nach hinten, sein Kopf dreht sich seltsam, und dann kommen die Masken. Je nachdem, unter welcher Maske ein Tänzer steckt, lacht oder schluchzt er. Überall Hinweise auf eine verrückte Welt, ein Spiegelkabinett mit verzerrten Fratzen.

Allein schauspielerisch wird den Tänzern einiges abverlangt, sie tanzen nicht nur, sondern müssen auch spielen, und mit einer selbst im Sprechtheater selten beobachteten Befreitheit erzählen sie – als wäre es längst überfällig, mal zu reden, als hätten wir uns schon längst alle einmal an den Tisch setzen und das Ganze besprechen sollen.

William Forsythe wehrt sich in seinem neuen Stück gegen jede Ästhetik oder Schönheit, wie man sie beispielsweise vergangene Woche in Wuppertal bei Pina Bauschs jüngster Premiere erleben konnte. Nein, die Welt bei Forsythe ist nicht schön. Der große Dekonstruktivist schmiegt sich einfach nicht an die Formen. Hier findet der Ekel statt. Hier ist Kunst die Darstellung einer Wirklichkeit, die längst zur Castingshow geworden ist. Unsere Welt, hat der französische Philosoph Guy Debord Ende der sechziger Jahre gesagt, verwandle sich in eine große Show, ein großes Spektakel. Willkommen in der Hölle! – William Forsythe dagegen formuliert eine elektronisch verzerrte Klage, die sich im Absurden und Surrealen auflöst. Am Ende flanieren über den Laufsteg Gestalten mit Wäschekörben statt Köpfen, humpelnde Tänzer atmen das letzte Scheinwerferlicht ein. Dann sagt Yoko: »He has a problem, but money.« Das Spiel, das die Tänzer fast wütend dem Zuschauer vorführen, ist Realität. Die Karten liegen auf dem Tisch, nichts geht mehr. Der Einsatz diesmal: wir.

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 02.07.2009 Nr. 28
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    • Schlagworte William Forsythe | Ballett | Wuppertal
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