Bundestagswahl Wahl ohne Kampf
Die Union will nicht, die SPD kann nicht – aber mit so wenig Politik kommen die Parteien nicht ungeschoren bis zum 27. September
Vielleicht hat der Wahlkampf 2009 in diesen Tagen schon seine symbolische Inszenierung gefunden: sechs Clubsessel in schwarzem Leder, in einem leichten Bogen auf der Bühne platziert. Es ist die Szenerie für eine Talkshow, die da in der Kongresshalle am Berliner Alexanderplatz aufgebaut ist. In wechselnden Grüppchen lassen sich prominente Unionspolitiker auf den Sesseln nieder und heben im Plauderton diesen und jenen Aspekt des Regierungsprogramms für die kommenden Jahre hervor. Es herrscht gelassene Harmonie. Angela Merkel schaut von der Seite aus zu, man könnte sagen, ihr Auge ruht mit Wohlgefallen auf den Ihren. Und hin und wieder zeigt sie sich demonstrativ amüsiert, wenn einem der Kochs, zu Guttenbergs, Wulffs oder Oettingers eine schöne Pointe gelingt. Oder ein besonders tiefer rhetorischer Diener vor der Kanzlerin.
So unkämpferisch, so wohltemperiert ist die Union noch nie zuvor in einen Wahlkampf gestartet. Sie regiert, und dass sie weiterregieren wird, hängt wie eine pure Selbstverständlichkeit über diesem Wahlkampfauftakt. Man erinnert sich an den schweißtriefenden Edmund Stoiber im Juni 2002, wie er auf dem Wahlparteitag in der Frankfurter Messe dem schon sicher geglaubten Sieg entgegenschwadroniert. Oder an die anstrengenden Reformlektionen, mit denen die unnachgiebige Kandidatin Merkel im Sommer 2005 dem Wahlvolk die Härten ausmalte, die es von ihr zu erwarten habe.
2009 ist alles anders, unaufdringlich entspannt, trotz Krise. »Wir haben unser Angebot vorgelegt für die soziale Marktwirtschaft, für die Menschen, für die Zukunft«, sagt die Kanzlerin. Das klingt umfassend. Es soll ja auch »kein Angebot für bestimmte Gruppen« sein. Es schwebt über den Konflikten. »Seid alle dabei!«, lädt Angela Merkel ein. »Wir bitten alle mitzumachen!«
Da darf sich vielleicht auch die SPD noch angesprochen fühlen. Ihre frühen Versuche, wahlkämpferisch Fahrt aufzunehmen, hat sie nach dem Europawahldebakel erst einmal eingestellt. Den nett-forschen Wirtschaftsminister zum neoliberalen Schrecken zu stilisieren hat nicht funktioniert. Und auch das Unbehagen einer langsam, aber sicher anschwellenden Krise lässt sich nicht einfach auf die Union projizieren. Eine gelungene Vorstellung des Kanzlerkandidaten auf dem Wahlparteitag – und schon ist die SPD wieder verschwunden. Die Kanzlerin tänzelt derweil über die Bühne. Die Genossen wirken ratlos, wie abgemeldet. Man kann schließlich nicht zwölf Wochen lang auf dem Peak laufen, wirbt man in der SPD um Verständnis.
Superwahljahr – Superwahlkampf, das war in etwa die Erwartung zu Beginn des Jahres. Dabei hat man einfach unterschätzt, wie schwierig es für die beiden Volksparteien sein würde, aus einer Großen Koalition heraus so etwas wie Wahlkampf zustande zu bringen. Normalerweise kämpfen Regierung und Opposition gegeneinander. Wahlkampf ist dann nur die gesteigerte Fortsetzung der Konfrontation, die ohnehin den politischen Alltag bestimmt. Doch diesmal regieren die beiden natürlichen Konkurrenten gemeinsam, durch die Krise sogar in verschärfter Form. Wir haben gut regiert, und wir regieren weiter bis zum Wahltag, versprechen die Koalitionäre. Gleichzeitig sollen sie glaubhaft machen, wie schlimm es für das Land wäre, wenn sie auch nach der Wahl gemeinsam weitermachen müssten.
Schon einmal gab es einen Bundestagswahlkampf aus einer Großen Koalition heraus. Vor vierzig Jahren jedoch war die Lage konträr. Die gemeinsame Regierungszeit von 1966 bis 1969 hatte die politischen Unterschiede zwischen Union und SPD nicht abgemildert, sondern verstärkt. Doch gegensätzliche Überzeugungen und Ziele, wie sie damals in der Gesellschaftspolitik oder der neuen Ostpolitik offenkundig waren, sind heute nicht im Ansatz zu erkennen. Union und SPD haben in der Großen Koalition von Beginn an ihre Differenzen eher abgeschliffen. Und die Krise hat den Konvergenzdruck noch einmal erhöht. Die Union hat inzwischen alles Liberal-Kämpferische verloren und sich in der Mitte breitgemacht. Der SPD bleibt oft nichts anderes, als das politische Urheberrecht an der gemeinsamen Politik einzuklagen oder die »wirklichen« Absichten und Ziele der Union zu beschwören.
Wer die alles umarmende Kanzlerin attackiert, wirkt wie ein Spalter
Es wirkt aufgesetzt, wenn die beiden Partner jetzt die Wahl im Herbst zur Richtungsentscheidung stilisieren wollen. Denn Richtungsalternativen sind nicht vorhanden. Vier Jahre zuvor waren die Unterschiede noch deutlich: Die SPD wollte mit ihrer selbstruinösen Reformpolitik aufhören und kämpfte wieder für die soziale Balance, die Union hingegen versprach, mit dem Reformieren jetzt erst richtig zu beginnen. Und weil sie sich ihres Sieges sicher war, verkündete Angela Merkel in aller Offenheit, was auf die Wähler an Belastungen zukommen werde.
Irgendwie übersah Merkel (und mit ihr die allermeisten Beobachter) den entscheidenden Widerspruch in ihrem Wahlkalkül: dass sie für die Verschärfung der Reformen belohnt werden wollte, für die Schröder vom Wähler so drastisch abgestraft worden war. Das wird ihr nicht wieder passieren. Der Schock von damals hat sich in eine Maxime verwandelt. Konfrontation und schmerzliche Ankündigungen sind tabu. Gerade weil die Krise die Ankündigung schwerer Zeiten in sich birgt, zeigt sich Merkel ganz in der Rolle der Mutmacherin.
- Datum 04.07.2009 - 19:03 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 02.07.2009 Nr. 28
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Guter Artikel, eine schoene Zusammenfassung des derzeitigen Dilemmas, in der sich die CDU momentan befindet.
Ich vermisse allerdings einen Vorschlag, wie die CDU sich denn nun zu den moeglicherweise noch bevorstehenden Folgen der Krise aeussern sollte, ohne sich ihre Waehlerstimmen zu verderben. Schliesslich kann sie nicht so leichtfertig, wie die SPD soziale Reformen ankuendigen, ohne ihre Stammwaehlerschaft zu verschrecken.
Sich den Sieg zu erschleichen, ist vielleicht sogar die beste Methode, zu gewinnen. Die Schwaeche der SPD in Umfragen ist nach ihren Problemen der letzten 3 Jahre nachvollziehbar. Nur hat die CDU auch nicht viel mehr zu bieten. Bevor die Menschen das merken, waere es eventuell am besten, die jetzige Umfrage-Mehrheit von schwarz/gelb noch bis ueber die Bundestagswahl zu retten.
Wichtig ist einzig, was nach der Wahl für ein Ergebnis steht.
Im Schnitt 15 mal in ihrem Leben können die heutigen Menschen ihren Wählerwillen kund tun, wenn die Legislaturperiode nicht vorzeitig endet.
Ich kann die Menschen nur auffordern, geht zur Wahl! Nutz eure demokratischen Rechte und Freiheiten. Wer weiß wie lange wir sie noch haben werden.
Geht stimmgültig Wählen, denn Nichtwähler und ungültige Stimmen interessieren niemanden in der Politik. Gebt eure Stimmen den kleinen Parteien, den Sonstigen. Es ist für jeden was dabei. Hievt sie über die 5 Prozent Hürde. Das wäre der einzige wirksame Protest, denn es dürfte sehr wohl interessant sein, wenn plötzlich 15 Parteien im Bundestag vertreten sind und nicht nur 5. Wenn keine der bisher genannten möglichen Koalitionen eine Mehrheit hat.
Watscht Schwarz-Rot ab und zeigt ihnen, dass sie nur noch Klientelparteien, aber keine Volksparteien mehr sind.
Noch etwas. Womit begründet Merkel die derzeit herrschende Oligarchie als "Soziale Marktwirtschaft"? Warum verbreiten Medien dies auch noch kommentarlos?
Niemals war die soziale Marktwirtschaft weiter entfernt als heute. Die DDR zähle ich nicht mit, denn sie wurde angeschlossen und nicht mit der BRD vereinigt.
>>Schnitt 15 mal in ihrem Leben<<
Schön, dass sie das Ansprechen!
Zu wenig! Und jetzt hat man noch nichtmal ne richtige Wahl, weil das Ergebnis quasi schon feststeht.
>>Schnitt 15 mal in ihrem Leben<<
Schön, dass sie das Ansprechen!
Zu wenig! Und jetzt hat man noch nichtmal ne richtige Wahl, weil das Ergebnis quasi schon feststeht.
Ein Artikel, der mir zu lang geraten ist, um anzudeuten, dass die Weiterführung der großen Koalition das nicht erklärte Ziel von CDU/CSU/SPD ist.
Ich möchte mich meinem Vorredner anschließen: Geht wählen! Und wählt eher kleine Parteien! Sie sind durch ihre Präsenz im Bundestag und das dortige öffentliche Einfordern von Alternativen die letzte Bastion zwischen gelebter Demokratie und der Alleinherrschaft einer faktischen Einheitspartei der Großkoalitionäre.
Alles Gute
Kai Hamann
>>Schnitt 15 mal in ihrem Leben<<
Schön, dass sie das Ansprechen!
Zu wenig! Und jetzt hat man noch nichtmal ne richtige Wahl, weil das Ergebnis quasi schon feststeht.
Der mündige Bürger glaubt, mitzubestimmen, wie regiert wird und zeigt dadurch seine Unmündigkeit. "Demokratie" - dass ich nicht lache!
Nur ein Teil der Bevölkerung darf überhaupt wählen: Kinder nicht, egal wie schlau sie sind. Menschen, die das Verbrechen begangen, kein "deutsches Blut" zu haben nicht.
Nur ein Teil jener, die wählen, haben irgend einen Einfluss. Die nicht, die Parteien wählen, die nicht 5% der Stimmen erreichen - obwohl es doch ein Leichtes wäre, statt einer festen Wahl eine Präferenzenliste zu wählen: Wenn es Partei A nicht schafft, dann soll meine Stimme für Partei B gelten. Das würde verhindern, dass Menschen nur deshalb ihre Partei nicht wählen, weil sie ganz zu recht vermuten, dass ihre Stimme verloren ist.
Die Vertreter, die gewählt werden, müssen nur eine einzige Fähigkeit besitzen: Die, gewählt zu werden. Sie können Unmenschen, Idioten, Ungebildete, Geisteskranke sein, wenn es ihnen nur gelingt, den Wähler zu überreden, sie zu wählen.
Das führt systemimmanent dazu, dass Politiker lügen müssen. (Was hier von Kommentatoren zynischerweise sogar gefordert wird.)
Und dann das ganze System der Vertreterdemokratie: Dient es der Beteiligung des Volkes an der Macht? Es gibt einen netten psychologischen Versuch. Zwei Gruppen bekamen leichte, aber unangenehme Stromschläge. Gruppe A saß nur da und litt. Gruppe B hatte ein paar Knöpfe vor sich, die sie drücken konnte, um die Häufigkeit und Stärke der Schläge zu beeinflussen. Während A eine sehr hohe Ausschüttung von Stresshormonen hatte, war B fast stressfrei. Logo. Nur: Die Knöpflein hatten überhaupt keinen Einfluss. Beide Gruppen bekamen exakt dieselben Stromschläge. So funktioniert unsere Vertreterdemokratie: Das Wahlvieh wird mit einer subtilen Strategie einigermaßen ruhig gehalten und ihm suggeriert, dass es selbst schuld an den Zuständen sei.
Bin ich gegen Demokratie? Nein. Ganz im Gegenteil: Ich bin für echte Demokratie. Das heißt: Diejenigen, die zumindest wissen, über was sie ihre Meinungen absondern, geben die Richtung an. Informieren wird zur Bürgerpflicht. Unabhängig vom Alter.
Ein Vorschlag ist das freilich nicht, im Wissen, dass die Dinge so sind, wie sie sind, der Mensch ist, wie er ist, Ängste die Hauptmotivation für alles Handeln darstellen und die Dummheit noch jedesmal gesiegt hat.
Viel Spaß beim Wählen.
1. Koalitionen
Wenn schon Parlamentarier kaum den Volkswillen repräsentieren, dann tun es Koalitionen noch weniger.
Einfaches Musterbeispiel:
Partei A mit z.B. 30% Wähleranteil sei die einzige, die eine bestimmte unpopuläre programmatische Aussage macht. Parteien mit 70% stehen also dagegen.
In der Koalitionsvereinbarung mit Partei B (25%) wird jedoch ausgekungelt, daß Partei B diese Aussage ebenfalls vertreten muß: Schließlich ist A in der Koalition die größere Partei. Nun vertritt die Regierungskoalition mit 55% eine Aussage, für die es eigentlich weder im Volk noch im Parlament eine Mehrheit gäbe.
Ich bin der Meinung, Koalitionen müßten als "Verschwörung gegen den Souverän" verboten werden.
Das absurdeste ist es, wenn Politiker schwadronieren, ihre Koalition sei Konsequenz des Wählerwillens und damit gleichsam dessen Auftrag.
Der Artikel weist zu recht auf die Diskrepanz hin: 50% Stimmenanteil schwarz-gelb, aber nur 28% wollen diese Koalition. Wenn sie dennoch nicht zu verhindern ist, sondern schicksalhaft entgegen des Wählerwillens über uns kommt, wirft das nur ein Schlaglicht auf die strukturelle Undemokratie des gegenwärtigen Systems.
2. feste Parteilisten
Ein weiterer, ebenso kritischer Punkt ist das Privileg der Parteien, Listen mit fester Reihenfolge aufzustellen. Den Einzug von Kandidaten auf den oberen Plätzen der Landeslisten lassen sich kaum verhindern. Im Grunde nur dadurch, daß der Wähler ihnen Direktmandate verweigert, aber in allen anderen Wahlkreisen Parteikollegen damit versieht, bei gleichzeitig geringem Zweitstimmenanteil, so daß neben den Direktkandidaten niemand von der Landesliste zum Zuge kommt. Und das soll das Optimum demokratischer Willensäußerung sein? Jämmerlich.
3. Volksabstimmungen
Nicht näher ausführen muß ich wohl, was unter Demokraten unbestritten ist: Daß der Souverän die Möglichkeit haben muß, im grundgesetzlichen Rahmen am Parlament vorbei seinen politischen Willen durchzudrücken, wenn nämlich das Parlament mauert (z.B. weil es von Lobbyisten gekauft wurde, oder wegen obgenannter Koalitionsverschwörungen).
Meine These ist, daß ein demokratischeres System viel besser dazu in der Lage wäre, nötige, aber schmerzhafte politische Entscheidungen durchzusetzen. Das demokratische Defizit in Deutschland kann sich noch bitter rächen, wenn die Krise ernst wird, und Extremisten zulauf gewinnen werden, mit dem korrekten Hinweis darauf, daß Volkes Wille derzeit legalerweise ignoriert wird.
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