DDR Liebe Ossiversteher!

Die DDR keinen Unrechtsstaat nennen zu dürfen beleidigt den wachen Verstand. Eine Entgegnung auf Gesine Schwan

Es wäre abwegig, Gesine Schwan vorzuwerfen, sie verharmlose die SED-Diktatur. Die streitbare Antikommunistin hat das politische System der DDR öffentlich und schonungslos bereits zu einer Zeit kritisiert, als dies vielen, auch in der SPD, noch sauer aufstieß. Und auch heute konstatiert Gesine Schwan für die DDR »fehlende Menschen- und Bürgerrechte, keine Gewaltenteilung, keine unabhängige Justiz, keine freien Wahlen«. Analog zur Analyse des NS-Staats schrieb sie in der vergangenen Woche in der ZEIT: »Auch die SED konnte jederzeit die rechtsförmigen Verfahren aussetzen und hat das mit ihrer marxistisch-leninistisch ›legitimierten‹ Avantgarde-Rolle gerechtfertigt. Daher war und blieb die DDR nicht nur eine Diktatur, sondern auch ein Ort, an dem aus Mangel an Rechtsstaatlichkeit und Gewaltenteilung Willkür jederzeit praktiziert werden konnte und von der SED auch praktiziert wurde.«

So weit, so einig. Aber warum dann dieser Streit um den Begriff »Unrechtsstaat«? Plötzlich und überraschend steht Gesine Schwan in einer Reihe mit dem Ministerpräsidenten Mecklenburg-Vorpommerns Sellering, der in seinem Urteil über die DDR allenfalls einen »Schuss Willkür« einräumt, und mit der Linkspartei, die die Vokabel »Unrechtsstaat« fürchtet wie der Teufel das Weihwasser.

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Gesine Schwans Begründung dafür, den Begriff Unrechtsstaat zu verwerfen, mag die Seele vieler Ostdeutscher streicheln – problematisch ist sie dennoch: Das »totalisierende Wort Unrechtsstaat« verweise auf die gesamte ostdeutsche Lebenswirklichkeit, und deshalb stünden alle Bürger der DDR »flächendeckend moralisch unter Verdacht« und wären »alle Lebensbereiche in der DDR diskreditiert«. Dies erinnert fatal an die von der SED propagierte Einheit von Staat und Volk. So hätte es das Politbüro nämlich gern gesehen: »Unser volksdemokratischer Staat ist die politische Organisation des Volkes.« Doch ein Staat des Volkes war der SED-Staat nie. Die DDR war eine Diktatur – und deren Wesen besteht ja gerade darin, dass die politische Macht des Staates nicht demokratisch durch das Volk legitimiert ist. Der Staat war allein das Instrument der Herrschaft der führenden Partei – ihr vollständig unterworfen. Das Volk hatte weder theoretisch noch praktisch die Möglichkeit, an diesem Machtverhältnis vorbei Einfluss auf staatliches Handeln zu nehmen.

Es liegt also ein Widerspruch darin, wenn Schwan einerseits schreibt, dass die Diktatur »den Ostdeutschen auferlegt« worden sei, andererseits erklärt, der Staat sei »keine separate Organisation innerhalb oder neben der Gesellschaft, sondern die Gesellschaft in ihrer politischen Verfasstheit«. Aber nicht nur das. Zu meinen, in einer Diktatur sei der Staat mit der Gesellschaft identisch, würde in letzter Konsequenz bedeuten, dass die Ostdeutschen kollektiv für alles DDR-Unrecht verantwortlich oder mitverantwortlich sind – eingeschlossen das Unrecht, das ihnen selbst widerfuhr. Keine freien Wahlen? Keine unabhängigen Gerichte? Mauer und Schießbefehl? Selber schuld – oder zumindest moralisch mitschuldig.

Doch nur dort, wo das Volk als Souverän seine Macht in freier Entscheidung und auf Zeit auf den Staat übertragen hat, ist es auch mitverantwortlich für staatliches Handeln. In der DDR war der Staat kein Treuhänder der Volksgewalt, sondern ihr Räuber. Er stand nicht für die Gesamtheit seiner Staatsbürger ein, sondern er fürchtete sie. Deswegen hat er für seine Sicherheit einen Apparat aufgebaut, dessen Dimension – gemessen an der Bevölkerungszahl – größer war als die jeder anderen Geheimpolizei. Der Daseinszweck des Ministeriums für Staatssicherheit bestand darin, den Staat vor den eigenen Bürgern zu schützen. Dass sich die Staats sicherheit stolz »Schild und Schwert der Partei« nannte, entlarvt die eigentlichen Verhältnisse: Statt der proklamierten Einheit von Volk und Staat gab es in Wahrheit nur die Einheit von Staat und SED.

Die DDR, meinen viele, könne schon deswegen kein Unrechtsstaat gewesen sein, weil es in ihr auch viel »richtiges Leben« gegeben habe. Mit ähnlichen Argumenten wird der totalitäre Herrschaftsanspruch des SED-Staats und anderer kommunistischer Regime bestritten: In einem Land, in dem es Opposition und unangepasste Kultur gab, in dem nicht alle Menschen, die widersprachen, umgebracht oder wenigstens inhaftiert wurden, könne die Macht nicht wirklich totalitär gewesen sein.

Doch die Rechtschaffenheit und die Selbstbehauptung vieler Menschen gegen SED und Staat, die wenigen Inseln der Angstfreiheit in den Kirchen, die immer stärker werdende Opposition – all das stellt nicht infrage, dass der Herrschaftsanspruch des SED-Staats totalitär war. Es beweist vielmehr, dass der Anspruch der SED, etwa ihr Ideal der »sozialistischen Persönlichkeit«, nicht durchsetzbar war und durch den Eigen-Sinn der Menschen begrenzt wurde.

Leser-Kommentare
  1. Der Ausdruck "Die DDR war ein Unrechtsstaat" impliziert, Rechtsstaat und Unrechtsstaat wären Gegensätze. Dann wäre die BRD, als anerkannter Rechtsstaat, automatisch moralisch aufgewertet, quasi ein Gerechtigkeits-Staat.

    Ein Rechtsstaat ist ein Staat, in dem Gesetze gelten und einklagbar sind. Ob diese Gesetze fair und gerecht sind, darüber macht der Begriff keine Aussage. Ein Staat, in dem die "Nürnberger Gesetze" gelten und angewendet werden, ist somit auch ein Rechtsstaat.

    In der Bundesrepublik (die ich schätze, in der ich gerne wohne und deren demokratische Mitbestimmungsmöglichkeiten ich nutze) musste eine Ehefrau bis 1970 ihren Arbeitsvertrag vom Ehemann unterschreiben lassen. In wenigen Ländern sind Bildungschancen und Herkunft so nahe verknüpft wie hier.
    Daher macht mir die (rein implizierte) Aufwertung zum "Gerechtigkeitsstaat BRD" leise Bauchschmerzen. Und daher ist mir die Bezeichnung "Non-Rechtsstaat" auch lieber. Die DDR hat ideologische Urteile gefällt, aber ihr Wohlstandsgefälle war wesentlich geringer.

    "Die Gerechtigkeit eines Volkes misst sich am Wohl der Schwachen" ist die Präambel der Schweizer Verfassung. Und ich fürchte, es gibt doch Leute, denen es heute in Ostdeutschland schlechter geht als vorher. Leute, die beim Schulabschluss gesagt bekamen, wo sie ihre Lehre machen sollten -und die heute keine Lehrstelle bekommen.Trotzdem will ich ganz bestimmt nicht in der DDR leben -ich halte nur auch unseren Rechtsstaat noch nicht für den besten aller möglichen.

  2. Einen Staat, der seine Bürger 40 Jahre lang hinter Stacheldraht und Minenfeldern einsperrte, wird man nie als Rechtsstaat bezeichnen.

  3. Ich hätte den Begriff ja gar nicht erst in die Debatte eingeführt, aber da er nunmal in der Welt ist und man die Gretchenfrage wohl beantworten muss: Die Bezeichnung ist m.E. aus den von Frau Birthler genannten Gründen angemessen.

    Fragt sich nur: Wem hilft derartige Wortklauberei? Schärft sie unsere Sicht auf das SED-Regime? Verhilft sie uns zu historischen Erkenntnissen, die wir so noch nicht hatten? Begünstigt sie 20 Jahre nach der politischen auch eine wirkliche, gesellschaftliche Wiedervereinigung? Wohl kaum.

    Es wäre schön, wenn sich der mediale Diskurs nicht übermäßig lange damit begnügte, Worthülsen aufzufüllen und man sich mehr auf wirkliche Aufarbeitung konzentrierte.

  4. Sie schreibt, "nur dort, wo das Volk als Souverän seine Macht in freier Entscheidung und auf Zeit auf den Staat übertragen hat, ist es auch mitverantwortlich für staatliches Handeln."

    Wenn ich mir die Wahlergebnisse anschaue - vor Allem den stark wachsenden Anteil der Nichtwähler, ist bereits grundsätzlich die Frage erlaubt, ob die Mehrheit der Deutschen Bürger wirklich ihre Macht übertragen wollten.
    Tatsächlich scheinen Wahlen jedoch die totale MacBhtergreifung seitens eines Herrschaftsapparates zu bedeuten, denn das Grundgefühl des Bürgers gegenüber dem Staat ist Ohnmacht.

    Nach Kant ist die Aufgabe des Staates nicht Macht auszuüben, sondern dem Recht zur Geltung zu verhelfen. Dieses Recht wiederum, so hat schon Goethe erkannt, wird bereits mit uns geboren.

    Insofern ist der Gedanke von Schwan interessant, die postuliert, daß auf gewissen Feldern die DDR sehr wohl ein Rechtsstaat war.

    Mangels eigener Erfahrung mit diesem DDR-Regime, wäre es schön, wenn ein anderer ZEITkommentator sich dazu äußern könnte, aber angesichts des menschenverachtenden Umgang des jetzigen Regimes mit sozial Benachteiligten, Alten und Kranken, darf man auch hier und heute einen Mangel an Rechtsstaatlichkeit konstatieren.

    Ich möchte dem ZEITleser wärmstens empfehlen, sich auch abseits der gleichlautenden "Mainstream"-Medien eine Meinung zu bilden, z.B. mit dem Onlinevideo des Vortrages von Prof. Dr. Karl A. Schachtschneider, einem der Kläger gegen den Lissabonvertrag.
    http://alles-schallundrau...

    Da kommen Einem die interessantesten Gedanken!
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    Niemand ist hoffnungsloser versklavt als der, der fälschlich glaubt frei zu sein. [J. W. Goethe]

  5. ich verstehe nicht warum auf die Vokabel "Unrechtsstaat" solch gesteigerter Wert gelegt wird. Er ist zweifelhaft und wie an den Reaktionen auf Schwan erkennbar wird er leicht mißverstanden. Daß es der DDR an Rechtsstaatlichkeit mangelte hat doch keiner bestritten. Sie war kein Rechtsstaat. Jedoch gibt es wohl einen Unterschied zwischen kein Recht und Unrecht. Die DDR-Führung hat zweifellos Recht außer Kraft gesetzt oder gebeugt, war aber nicht auf die grundsätzliche Anwendung von Unrecht ausgelegt. Anders gesagt, ein "anständiger" Bürger konnte sich mit dem Inhalt der Verfassung der DDR als Basis staatlichen Handelns sicher identifizieren ohne automatisch in den Verdacht zu geraten ein Verehrer von Unrecht zu sein. In einem Staat in dem in der Verfassung schon Unrecht als Grundlage des staatlichen Handelns festgeschrieben ist, also einem Unrechtsstaat, stellt sich der Anhänger solcher Verfasstheit in anderem Licht dar. Überspitzt formuliert: Der Bürger eines Staates, der kein Rechtsstaat ist, ist Opfer. Der Bürger eines Unrechtsstaates wird als Mittäter deklariert.
    Ihrer Vita entnehme ich, daß Sie keine Rechtsanwältin sind. Wäre denn für Sie als Nichtrechtsanwältin Unrechtsanwältin eine zutreffende Beschreibung?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    jetzt geben Sie die Verfassung der DDR als rechtliche Grundlage angemessenen Handelns zum Beispiel. Ich habe sie nicht mehr genau im Kopf, aber war da die DDR nicht als Staat beschrieben, der unter Führung der Partei der Arbeiterklasse die Zukunft zu gestalten hat? Somit waren die Wahlergebnisse, um die sich im anders verfassten Deutschlang immer wieder die Mandatsüchtigen erbittert streiten, in der DDR schon in der Verfassung festgeschrieben. Insofern war dort das Volk eben nicht der Souverän, da er keine Macht abzugeben hatte, sondern der Bürger wurde als Leibeigener einer Ideologie und ihrer Wächter geboren - und fortan auch stets so behandelt. Wieso das manche nicht bemerkt haben wollen? Na eben: Weil sie nicht wollten Stockholm-Syndrom, da hat M.B. ganz recht. Eine nette Parabel auf dieses Leben (dass ich selbst leben musste und verabscheut habe) wird im Film "Matrix" gebracht.

    jetzt geben Sie die Verfassung der DDR als rechtliche Grundlage angemessenen Handelns zum Beispiel. Ich habe sie nicht mehr genau im Kopf, aber war da die DDR nicht als Staat beschrieben, der unter Führung der Partei der Arbeiterklasse die Zukunft zu gestalten hat? Somit waren die Wahlergebnisse, um die sich im anders verfassten Deutschlang immer wieder die Mandatsüchtigen erbittert streiten, in der DDR schon in der Verfassung festgeschrieben. Insofern war dort das Volk eben nicht der Souverän, da er keine Macht abzugeben hatte, sondern der Bürger wurde als Leibeigener einer Ideologie und ihrer Wächter geboren - und fortan auch stets so behandelt. Wieso das manche nicht bemerkt haben wollen? Na eben: Weil sie nicht wollten Stockholm-Syndrom, da hat M.B. ganz recht. Eine nette Parabel auf dieses Leben (dass ich selbst leben musste und verabscheut habe) wird im Film "Matrix" gebracht.

  6. > dass die politische Macht des Staates nicht demokratisch durch das Volk legitimiert ist. <

    Wir hier und heute in Deutschland machen unsere Kreuze auf einem Wahlzettel und dann machen die Gewählten was sie wollen (wir legitimieren genau das). Wir haben schon seit längerer Zeit keine wirkliche Demokratie mehr sondern eine Plutokratie.

    Gruß, Bernd
    *** Money helps the body to survive, but friends are needed to make the soul survive ***

  7. jetzt ist das Recht wohl mehr oder weniger bei denen, die es sich leisten können und für diese Kreise zugeschnitten. Fragt Versicherungen ,Banken, Ärzte u.s.w..
    Recht kann man sich nur mit Geld erstreiten, d.h. man kauft es sich !

  8. der Geschichte. Napoleon? Supertyp mur ein paar Millionen Tote hat der Zwerg im einem Angriffskrieg hinterlassen.

    Alexander der Große. Spitzentyp. wieviele er auf seinem Konto hat. man weiss es nicht

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