Bei Parteitagen haben die Delegierten normalerweise große Berge Papier vor sich auf den Tischen. Beim Bundesparteitag der Piraten sind es vor allem Laptops. Tagesordnung, Programm oder Änderungsanträge entstanden in einem Wiki und werden dem Saal live per Beamer präsentiert; die wohl wichtigsten Kommunikationskanäle sind der Blogdienst Twitter und IRC, der Internet Relay Chat.

Die Piraten sind anders. Nicht nur, weil sie auf ihrem Parteitag erst einmal freiwillige Kassenprüfer suchen, um die etwas unklare Finanzlage durchforsten zu lassen, damit es eine Entlastung des Schatzmeisters geben kann. Oder weil jemand die dringende Forderung erhebt, bei Twittermeldungen das einheitliche Kennungskürzel "bpt09" zu nutzen.

Die Piraten sind anders, weil sie wohl die erste politische Bewegung sind, die so schnell bekannt und groß wird. Und die es inzwischen auch geschafft hat, die Vorraussetzung zur Bundestagswahl zu erfüllen. "In den vergangenen vier Wochen hat sich die Parteigröße verdreifacht", sagt der bisherige Vorsitzende Dirk Hilbrecht. Das sind immerhin mehr als 3000 Mitglieder. Nicht ohne Stolz erzählt er, dass fast einhundert Journalisten den Parteitag beobachten. Man habe offensichtlich einen Nerv getroffen, sagt er. Jetzt komme es darauf an, die Rolle auszufüllen, die die Gesellschaft den Piraten zugedacht habe.

Wie mühsam das sein kann, zeigt der Parteitag am Wochenende im Hamburg. 333 Piraten sind gekommen, um sich ein Wahlprogramm und einen neuen Bundesvorstand zu geben. Manchmal wirkt die Veranstaltung wie eine Grundsatzdebatte darüber, ob man überhaupt eine Partei sein will. Zum Beispiel wenn verhandelt wird, was denn nun eine korrekte Mehrheit zum Abstimmen sei, wie viele Leute im Bundesvorstand sitzen sollten oder welche Ämter dieser überhaupt enthalten soll.

Richtig handfest wird der Streit, als es ums Geld geht. Als die mühsam gefundenen Kassenprüfer ihr Urteil über die Parteifinanzen abgegeben, ist das vernichtend: unvollständige Belege, kein ordentlicher Jahresabschlussbericht, fehlende Begründungen für Ausgaben. Eine vollständige Prüfung sei nicht möglich, die Buchführung sei schlampig. "Ich empfehle, den Bundesvorstand nicht zu entlasten", sagt Kassenprüfer Ansgar Veltens.

Die Debatte droht laut zu werden, da schlägt die Stunde von Jörg Tauss. Bislang schien seine Meinung niemanden wirklich zu interessieren, doch nun kann er mit realpolitischer Erfahrung punkten. "Ich glaube nicht, dass diese Diskussion weiterführt", sagt er und fordert, die finanzielle Entlastung auf den nächsten ordentlichen Parteitag zu verschieben und den Vorstand nur "politisch zu entlasten". Große Zustimmung, große Erleichterung. Es kann weitergehen.

Bei Twitter taucht in solchen Zusammenhängen immer mal wieder das Wort "Kindergarten" auf, auch wird über den drögen "Formalkram" gemeckert. Dabei, die Stimmung ist glänzend. Viel Gelächter, viel Applaus, wenig Verbissenheit. Geradezu fromm fügen sich die selbsternannten Freiheitskämpfer in stundenlange Abstimmungen über parteiorganisatorische Formalien und darüber, wie man mit Stimmenthaltungen umgehen soll. Es scheint, als wolle eine Bewegung erwachsen werden, als wolle sie nicht mehr nur als Stimme aus dem Netz wahrgenommen werden sondern als reale politische Kraft.