Marseillaise Die Hymne aller HymnenSeite 4/4
»Es lebe der König!« 1815 dient sich Rouget den Bourbonen an
Mit dem wird es Rouget noch zu tun bekommen, an ihm wird er katastrophal scheitern, aber nicht weil unter der Alleinherrschaft des Korsen mit der Demokratie auch die Marseillaise verschwindet. Der Hymnenlieferant hat die eigentümliche Gabe, sich immer dann selbst ins Aus zu manövrieren, wenn die Zeichen für ihn günstig stehen. Kaum hat er sich die Gunst des gefeierten Generals Hoche erworben, greift er in giftigen Briefen (»Ich bin Ihr Feind!«) einen der mächtigsten Politiker der Zeit an, jenen erzrepublikanischen General Lazare Carnot, dem er nicht verzeihen kann, dass er ihn 1792 aus der Armee verstieß. Und kaum hat er durch die Vermittlung seines jüngeren Bruders, der als General in Holland stationiert ist, dort einen Posten als Botschafter bekommen, erteilt er dem Ersten Konsul Napoleon mit solchem Furor Ratschläge (»Ich habe mit Ihnen auch über Frankreich zu reden«), dass damit seine diplomatische Karriere schon beendet ist. Verbittert schickt Rouget 1804 dem Herrscher eine Generalabrechnung, er wirft ihm den Verrat aller revolutionären Ideale vor: »Bonaparte, Sie richten Frankreich zugrunde!«
Der sozialdemokratische Politiker und Schriftsteller Hermann Wendel, der 1936 im französischen Exil ein Buch über die Marseillaise veröffentlichte, hat wohl recht, wenn er trotz dieses Freimuts meint, Rouget sei »kein Brutus, sondern nur ein verhinderter Barde des Gewalthabers« gewesen. Ein Mitläufer, der in Extremsituationen Grenzen überschritt – wovon vielleicht auch die Komposition der Marseillaise profitiert hat. Diesmal aber hatte er sich in den Ruin katapultiert; die Spuren kann man in Lons unter Glas besichtigen. Da liegt im kleinen Museum ein Brief von 1806. »Eine sehr mäßige Summe« erbittet der 46-Jährige von einem Freund. Er hätte viel mehr gebraucht, er hatte keine Chance in Paris. Sechs Jahre später zieht er sich nach Montaigu ins Elternhaus zurück, und als Napoleon abgedankt hat, dient sich Rouget mit einer Hymne König Ludwig XVIII. an, der aus dem Exil zurückkehrt: »Vive le roi! Noble cri de la vieille France – Es lebe der König! Edler Ruf des alten Frankreich«.
Aber auch die Bourbonen wollen nichts von ihm wissen. 1817 wird das Elternhaus versteigert, Rouget schlägt sich erneut in Paris durch, 1826 wird er wegen nicht bezahlter Schulden inhaftiert. Zwei Jahre später bringt ein Freund den alten Barden bei sich unter, in Choisy-le-Roi südlich von Paris, wo er in seinem aus der Mode gekommenen Rock umhergeht wie ein älterer Bruder des Balzacschen Vetter Pons. Es ist seltsam, dass Honoré de Balzac, der geniale Chronist der Epoche, für diesen Mann keinen Platz in seiner Comédie humaine gefunden hat. Doch der ganze Roman seines Lebens steckt in den Zeilen, die der 70-jährige Rouget an Berlioz schreibt, als nach der Julirevolution 1830 die Marseillaise wieder überall gesungen wird. »Ihr Kopf scheint ein unablässig tätiger Vulkan zu sein, in meinem war nie etwas anderes als ein Strohfeuer, das erlischt und noch ein wenig raucht. Aber aus beidem zusammen, der reichen Glut Ihres Vulkans und den Resten meines Strohfeuers, könnte noch etwas entstehen. Ich hätte Ihnen diesbezüglich einen oder vielleicht zwei Vorschläge zu machen…«
Hector Berlioz zitiert den Brief später in seinen Memoiren, aber er denkt nicht daran, sich mit dem Alten zu treffen. 1836 stirbt Rouget in dem Ort, der heute ein Teil des Häusermeeres unter den in Orly landenden und startenden Flugzeugen ist.
Wo immer sie herkommen und hinfliegen, überall kennt man diese Melodie, überall hat man sie gesungen, alle Zeiten hat sie überstanden, unzerstörbar selbst da, wo sie bis auf den Rhythmus skelettiert wurde. Heinrich Heine begegnete einst als kleiner Junge in Düsseldorf einem französischen Soldaten, der nur gebrochen Deutsch sprach. Das deutsche Wort für Liberté kannte er nicht. »So trommelte er den Marsch der Marseiller – und ich verstand ihn.«
- Datum 27.07.2009 - 11:46 Uhr
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- Serie Zeitläufte
- Quelle DIE ZEIT, 09.07.2009 Nr. 29
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Auch wenn die Ziele der Französischen Revolution dahinter stehen, und auch wenn ich die Melodie meist mitsumme, kann ich diesen antiquierten blutrünstigen Schlachtgesang niemals als Hymne aller Hymnen ansehen.
"Blutrünstiger Schlachtgesang" ist definitiv zu kurzsichtig, da es den Kontext einer Bevölkerung die mit Waffengewalt unterdrückt und von fremden Heeren besetzt ist einfach nicht wiedergibt.
Die Französische Revolution war nun mal kein "Sit-In", sondern die Revolution eines Volkes, das sich gegen das Elend welches aus seiner Unterdrückung entstanden ist eigenhändig befreit hat. So sehr sich diese Freiheitsbewegung dann lediglich in eine andere Form des Despotismus verwandelt hat, so sehr bleibt die Marseillaise einfach ein Symbol und gleichzeitig eine Mahnung an alle, die sich erneut anmaßen wollen, dieses Volk zu unterdrücken - mit keinem Wort ist das reine Blutrunst, sondern vielmehr Selbstverteidigung, wie auch wir sie kennen:
Grundgesetz, Artikel 20:
(4) Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist.
Vgl. Marseillaise:
Was! Ausländische Kohorten
Würden über unsere Heime gebieten!
Was! Diese Söldnerscharen würden
Unsere stolzen Krieger niedermachen! (2 x)
Großer Gott! Mit Ketten an den Händen
Würden sich unsere Häupter dem Joch beugen.
Niederträchtige Despoten würden
Über unser Schicksal bestimmen!
[...]
Franzosen, Ihr edlen Krieger,
Versetzt Eure Schläge oder haltet sie zurück!
Verschont diese traurigen Opfer,
Die sich widerwillig gegen uns bewaffnen.
Aber diese blutrünstigen Despoten
"Blutrünstiger Schlachtgesang" ist definitiv zu kurzsichtig, da es den Kontext einer Bevölkerung die mit Waffengewalt unterdrückt und von fremden Heeren besetzt ist einfach nicht wiedergibt.
Die Französische Revolution war nun mal kein "Sit-In", sondern die Revolution eines Volkes, das sich gegen das Elend welches aus seiner Unterdrückung entstanden ist eigenhändig befreit hat. So sehr sich diese Freiheitsbewegung dann lediglich in eine andere Form des Despotismus verwandelt hat, so sehr bleibt die Marseillaise einfach ein Symbol und gleichzeitig eine Mahnung an alle, die sich erneut anmaßen wollen, dieses Volk zu unterdrücken - mit keinem Wort ist das reine Blutrunst, sondern vielmehr Selbstverteidigung, wie auch wir sie kennen:
Grundgesetz, Artikel 20:
(4) Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist.
Vgl. Marseillaise:
Was! Ausländische Kohorten
Würden über unsere Heime gebieten!
Was! Diese Söldnerscharen würden
Unsere stolzen Krieger niedermachen! (2 x)
Großer Gott! Mit Ketten an den Händen
Würden sich unsere Häupter dem Joch beugen.
Niederträchtige Despoten würden
Über unser Schicksal bestimmen!
[...]
Franzosen, Ihr edlen Krieger,
Versetzt Eure Schläge oder haltet sie zurück!
Verschont diese traurigen Opfer,
Die sich widerwillig gegen uns bewaffnen.
Aber diese blutrünstigen Despoten
Eine der imposantesten Versionen der Marseillaise findet sich in Umberto Giordano's Revolutionsoper "Andrea Chenier". Hier tanzt die elegante Hofgesellschaft im Saal des Louvre ein Menuett, während gleichzeitig die Menge vor dem Palast die Marseillaise anstimmt, erst leise, dann immer lauter, schließlich donnernd und alles übertönend -- ein überwältigender Moment der Oper.
"Blutrünstiger Schlachtgesang" ist definitiv zu kurzsichtig, da es den Kontext einer Bevölkerung die mit Waffengewalt unterdrückt und von fremden Heeren besetzt ist einfach nicht wiedergibt.
Die Französische Revolution war nun mal kein "Sit-In", sondern die Revolution eines Volkes, das sich gegen das Elend welches aus seiner Unterdrückung entstanden ist eigenhändig befreit hat. So sehr sich diese Freiheitsbewegung dann lediglich in eine andere Form des Despotismus verwandelt hat, so sehr bleibt die Marseillaise einfach ein Symbol und gleichzeitig eine Mahnung an alle, die sich erneut anmaßen wollen, dieses Volk zu unterdrücken - mit keinem Wort ist das reine Blutrunst, sondern vielmehr Selbstverteidigung, wie auch wir sie kennen:
Grundgesetz, Artikel 20:
(4) Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist.
Vgl. Marseillaise:
Was! Ausländische Kohorten
Würden über unsere Heime gebieten!
Was! Diese Söldnerscharen würden
Unsere stolzen Krieger niedermachen! (2 x)
Großer Gott! Mit Ketten an den Händen
Würden sich unsere Häupter dem Joch beugen.
Niederträchtige Despoten würden
Über unser Schicksal bestimmen!
[...]
Franzosen, Ihr edlen Krieger,
Versetzt Eure Schläge oder haltet sie zurück!
Verschont diese traurigen Opfer,
Die sich widerwillig gegen uns bewaffnen.
Aber diese blutrünstigen Despoten
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