Gregor Czisch bewies in seiner Doktorarbeit, dass Strom aus regenerativen Quellen wirtschaftlich erzeugt werden kann © privat

Wenn sich das Who’s who der deutschen Wirtschaft am Montag bei der Münchener Rück versammelt und das Wüstenstromprojekt Desertec aus der Taufe hebt, wird von Gregor Czisch keine Rede sein. Der 45-jährige Physiker, der seit mehr als einem Jahrzehnt an der Idee eines interkontinentalen Stromverbundes forscht, lebt in einer winzigen Zweizimmerwohnung in Kassel. In seinem Arbeitszimmer, das zugleich Schlafzimmer ist, steht neben viel Fachliteratur ein Ordner mit der Aufschrift "Arbeitsagentur". Bis zum April lebte Czisch von staatlicher Unterstützung. Seitdem versucht er sich mit Aufträgen über Wasser zu halten.

"Es ist schon eine verrückte Vorstellung, dass meine Arbeit mit dafür verantwortlich ist, dass jetzt mehrere Hundert Milliarden Euro angefasst werden sollen", sagt Czisch. "Und ich selbst habe keine Ahnung, wovon ich in Zukunft leben werde."

Nach einem mittelmäßigen Realschulabschluss macht Czisch zunächst eine Ausbildung als Landwirt auf einem Ökobauernhof. Weil ihm die körperliche Arbeit auf Dauer zu monoton ist, holt er sein Abitur nach und beginnt Ende der achtziger Jahre in München ein Physikstudium. Er belegt Kurse zu erneuerbaren Energien und fängt an, sich Gedanken über die zukünftige Stromversorgung zu machen. Seine Vision ist eine ungewöhnliche Mischung aus Pragmatismus und Größenwahn. Er will regenerative Kraftwerke dort bauen, wo sie am meisten Strom produzieren: in Sibirien, wo der Wind besonders kräftig weht, oder in Afrika, weil dort die Sonne am meisten scheint. Der Strom soll dann über ein riesiges Transportnetz nach Europa geschafft werden.

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Nach seinem Studium, Czisch ist inzwischen 32, will er beweisen, dass seine Idee mehr ist als nur eine Vision. Eine Herkulesaufgabe. Sieben Jahre lang arbeitet er jede Woche 60 bis 70 Stunden an seiner Doktorarbeit. Am Anfang hat er noch ein Stipendium des Max-Planck-Instituts, dann eine halbe Stelle am Institut für Solare Energieversorgungstechnik in Kassel. Später lebt er von Arbeitslosengeld, forscht aber trotzdem weiter. "Der hat gebrannt für seine Idee, sonst hätte er diese Zeit gar nicht durchgehalten", sagt Markus Landau vom Institut für Solare Energieversorgungstechnik, der mit Czisch während dessen Doktorarbeit viele Gespräche geführt hat.

Mithilfe von Wetterdaten bestimmt Czisch zunächst das Potenzial regenerativer Energien an unterschiedlichen Standorten auf der Welt. Anschließend berechnet er die Kosten für die verschiedenen Kraftwerksarten und den Stromtransport. Beides lässt er dann in einem mathematischen Modell zusammenfließen.

Überraschend vor allem seine Schlussfolgerung zur Wirtschaftlichkeit: Nach Czischs Berechnungen kostet eine Kilowattstunde regenerativ erzeugten Stroms inklusive Transport nur 4,65 Cent – kaum mehr als herkömmlich erzeugter Strom heute. "Ich war selber vollkommen überrascht, als herauskam, wie billig das sein kann, wenn man international kooperiert", sagt Czisch.