Liebe Schülerinnen und Schüler,
meine Damen und Herren!

Meine kurze und, so hoffe ich, bündige Rede steht unter der Überschrift “Mündig sein”. Mündig, ein schönes, altdeutsches Wort. Es bedeutet: verantwortlich werden und also den Mund aufmachen. Als ich im Alter der hier versammelten Schülerinnen und Schüler war, herrschte Krieg. Und aufgewachsen unter der Zucht und ideologischen Prägung des Nationalsozialismus standen wir unter Befehlsgewalt und lernten einen blinden Gehorsam, der für viele meiner Generation in den Tod führte.

Erst in der Nachkriegszeit, mittlerweile achtzehn, neunzehn Jahre alt, lernte ich mühsam zu unterscheiden, mich selbst zu befragen und laut vernehmlich zu widersprechen. Ich wurde im Nachholverfahren mündig und fand während einer Zeit politischer Restauration, also in den 50er und 60er Jahren der Adenauer-Ära Gelegenheit genug, mein “Ja” und mein “Nein” zu erproben, widerständig zu sein.

Sie hingegen wachsen in einer Zeit auf, in der die Floskel vom “mündigen Bürger” zum Allgemeinplatz geworden ist. In jeder Sonntagsrede wird er umworben. Da ich aber das Vergnügen habe, an einem Wochentag zu Ihnen zu sprechen, soll geprüft werden, ob es ihn im ausreichenden Maße gibt, den Bürger, der bereit ist, den Mund aufzumachen und zu widersprechen, wenn, um ein Beispiel zu nennen, die genauso oft berufene “Demokratische Grundordnung” aus den Fugen gerät.

In diesem Jahr stehen in der Bundesrepublik Deutschland viele Feiern an. Politiker beglückwünschen sich gegenseitig, als hätten Sie vor zwanzig Jahren das gesamtdeutsche Machwerk, die Mauer, zu Fall gebracht. Zugleich feiern wir sechzig Jahre Grundgesetz. Und gleichfalls tun unendlich viele Schönredner so, als habe dieses Fundament unserer Demokratie nicht im Verlauf der Jahre Schaden genommen. So wurde ein Kronjuwel, der Asylartikel, verunstaltet. Seitdem ist das Abschieben von Flüchtlingen, das heißt von Menschen, die bei uns Zuflucht suchen, alltäglich geworden. Familien werden auseinandergerissen. Als neudeutsches Wort macht uns die Prägung “Abschiebehaft” Schande.

Ein anderes Beispiel: Als vor annähernd zwanzig Jahren die deutsche Einheit auf’s Vertragspapier kam, wurde der Schlußparagraph des Grundgesetzes, der wohlweislich vorgeschrieben hatte, im Fall einer deutschen Einheit dem deutschen Volk eine neue Verfassung vorzulegen, mißachtet, die Einheit wurde ruckzuck über den Anschlußartikel 23 vollzogen, der Westen nahm den Osten in Besitz, mit Folgen bis heute: die Einheit steht nur auf dem Papier.

Da ich sicher bin, daß in der Paul-Natorp-Oberschule insbesondere in diesem Jahr die Überprüfung unserer Verfassung mit der Verfassungswirklichkeit zum Unterricht gehörte, ist Ihnen allen sicher in Erinnerung, daß, laut Verfassung, vor dem Recht jeder Bundesbürger gleich ist. Ein schöner Grundsatz. Ein demokratischer Rechtsanspruch, der jahrhunderte-lang umstritten war, erkämpft werden mußte. Doch hält diese Garantie, was sie verspricht? Ich nenne ein Beispiel dieser Tage: Dank unserer fleißigen Medienberichterstattung sahen und hörten wir, wie der Beherrscher der Post und Telekommunikation, ein Herr Zumwinkel, abgeführt wurde, weil er Millionen der Steuer hinterzogen und in dem Schlupfloch Liechtenstein versteckt hatte.

Nahezu gleichzeitig oder wenig später hat man eine Kassiererin belangt, die an der Kasse einer Selbstbedienungsfiliale einen Euro und fünfunddreißig Cent unterschlagen hatte. Die Kassiererin wurde mit fristloser Kündigung bestraft. Herr Zumwinkels Bestrafung ist zur Bewährung ausgesetzt worden, zudem halfen ihm Millionenbeträge aus der Pensionskasse aus seinem erbarmungswürdigen Elend. Mittlerweile sitzt er in der Schweiz , wo schon etliche millionenschwere Steuerhinterzieher ihre Bewährungsstrafen absitzen und sich an den Früchten ihres asozialen Verhaltens erfreuen.

Ich bezweifle, daß der namenlosen Kassiererin und Herrn Zumwinkel gleiches Recht widerfuhr. Allein schon das ökonomische Ungleichgewicht unserer Gesellschaft steht dem Versprechen der Verfassung im Wege. Wer sich vor Gericht nicht teure Anwälte leisten kann, also ökonomisch so gut ausgestattet ist, daß es ihm gelänge, einen Rechtsstreit über mehrere Instanzen durchzuhalten, zieht in unserem Rechtsstaat den Kürzeren.

Ich habe diese Beispiele genannt und könnte weitere hinzufügen, um deutlich zu machen, wie zerbrechlich Demokratie ist, und wie sehr sie des mündigen Bürgers bedarf, damit ihr Bestand gesichert bleibt. Demokratie ist kein fester Besitz. Wir bemerken es gegenwärtig, also in einer Zeit, in der die neoliberale Ideologie der grenzenlosen Gewinnmaximierung ihren Kollaps erlebt und weltweit Millionen Arbeitsplätze hinwegspült. Von arbeitenden Menschen erwirtschaftetes Kapital verflüchtigt sich zu Nichts. Diejenigen, die vorgestern noch den Staat entmachtet sehen wollten, schreien nun nach staatlicher Hilfe, und dennoch werden weiterhin von Habsucht getriebene Manager mit horrenden Abfindungen gespeist, damit sie ihr Elend auf hohem Niveau auskosten können.

Das alles ist schlimm, aber noch viel schlimmer und folgenreicher ist das Schweigen im Lande. Kurz kocht Empörung hoch und legt sich wieder. In Zeitungskommentaren wird geseufzt: “Ach, hätten wir doch einen Obama!”, aber wir haben keinen. Ich wünsche mir auch keinen. Weit lebensnotwendiger für den Erhalt der Demokratie sind und bleiben - um wiederum auf mein Thema zu kommen - mündige Bürger, die jeden Lobbyisten, der den Bundestag belagert, das verfassungswidrige Handwerk legen: mündige Bürger, die endlich begreifen, daß sie laut Verfassung der Souverän des Staates sind, vor allem junge Menschen, die, weil es um ihre Zukunft geht, den Mund aufmachen und jenen Ruf wiederbeleben, der vor zwanzig Jahren mit der fordernden Behauptung “Wir sind das Volk!” ein Zwangssystem hinwegfegte.

Ich spreche zu Ihnen aus Erfahrung. Zu Beginn meiner Rede wies ich auf die meine Generation mißprägende Herrschaft des Nationalsozialismus hin. Ich habe mich als junger Mensch immer wieder gefragt und tue es im Grunde bis heute: Wie kam es zum Zerfall der Weimarer Republik? Wir kennen eine Vielzahl von Gründen, auch bin ich sicher, daß Sie diesen sperrigen Stoff während vieler Unterrichtsstunden zu bewältigen versucht haben. Die Weimarer Republik wurde gleichermaßen von Nazis und Deutschnationalen wie auch von den Kommunisten als bloßes System abgelehnt und bekämpft. Beide christliche Kirchen haben sich nahezu widerstandslos angepaßt. Die Großindustrie war Hitler zu Diensten. Von den demokratischen Parteien waren zum Schluß nur noch die Sozialdemokratische Partei und die Zentrumspartei widerständig. Als Hitlers Ermächtigungsgesetz zur Abstimmung stand, fiel auch die Zentrumspartei um, die Gegenstimmen der Sozialdemokraten reichten nicht aus. Man muß sich schon in Erinnerung rufen, daß der erste Präsident der Bundesrepublik, Theodor Heuß , als Reichstagsabgeordneter für Hitlers Ermächtigungsgesetz gestimmt hat. Doch gravierender als das allumfassende Versagen ist wohl die Tatsache, daß es in der Weimarer Republik nicht genügend Bürger gegeben hat, die sich schützend vor dieses fragile, von Anfang an gefährdete Gebilde gestellt haben. Diese Einsicht hat mich dazu gebracht, als Schriftsteller immer wieder mein Schreibpult zu verlassen und mich als Bürger einzumischen, das heißt, den Mund aufzumachen, mündig im wahrsten Sinne des Wortes zu sein.

Nichts Besseres kann ich Ihnen empfehlen. Die Älteren unter Ihnen werden demnächst als Abiturienten die Schule verlassen. Die Schule ist ein geschützter Raum. Außerhalb der Schule herrscht ein rauheres Klima. Mit Gegenwind ist zu rechnen. Doch darauf wird es ankommen: auch bei Gegenwind den Mund aufzumachen, gegen den Wind laut “Ja” oder “Nein” zu sagen und dieses “Ja” oder “Nein” zu begründen.

Ich danke für die freundliche Einladung, als Gastredner in einer Schule sprechen zu dürfen, die bereits einem Sohn, einer Tochter vertraut gewesen ist, und nun weiß ich Enkeltöchter mit der Paul-Natorp-Oberschule verbunden. Eigentlich schade, daß ich nie die Chance hatte, hier Schüler sein zu dürfen. Vielleicht hätte ich doch noch das Abitur geschafft!