Schule Mündig seinSeite 2/2
Nahezu gleichzeitig oder wenig später hat man eine Kassiererin belangt, die an der Kasse einer Selbstbedienungsfiliale einen Euro und fünfunddreißig Cent unterschlagen hatte. Die Kassiererin wurde mit fristloser Kündigung bestraft. Herr Zumwinkels Bestrafung ist zur Bewährung ausgesetzt worden, zudem halfen ihm Millionenbeträge aus der Pensionskasse aus seinem erbarmungswürdigen Elend. Mittlerweile sitzt er in der Schweiz, wo schon etliche millionenschwere Steuerhinterzieher ihre Bewährungsstrafen absitzen und sich an den Früchten ihres asozialen Verhaltens erfreuen.
Ich bezweifle, daß der namenlosen Kassiererin und Herrn Zumwinkel gleiches Recht widerfuhr. Allein schon das ökonomische Ungleichgewicht unserer Gesellschaft steht dem Versprechen der Verfassung im Wege. Wer sich vor Gericht nicht teure Anwälte leisten kann, also ökonomisch so gut ausgestattet ist, daß es ihm gelänge, einen Rechtsstreit über mehrere Instanzen durchzuhalten, zieht in unserem Rechtsstaat den Kürzeren.
Ich habe diese Beispiele genannt und könnte weitere hinzufügen, um deutlich zu machen, wie zerbrechlich Demokratie ist, und wie sehr sie des mündigen Bürgers bedarf, damit ihr Bestand gesichert bleibt. Demokratie ist kein fester Besitz. Wir bemerken es gegenwärtig, also in einer Zeit, in der die neoliberale Ideologie der grenzenlosen Gewinnmaximierung ihren Kollaps erlebt und weltweit Millionen Arbeitsplätze hinwegspült. Von arbeitenden Menschen erwirtschaftetes Kapital verflüchtigt sich zu Nichts. Diejenigen, die vorgestern noch den Staat entmachtet sehen wollten, schreien nun nach staatlicher Hilfe, und dennoch werden weiterhin von Habsucht getriebene Manager mit horrenden Abfindungen gespeist, damit sie ihr Elend auf hohem Niveau auskosten können.
Das alles ist schlimm, aber noch viel schlimmer und folgenreicher ist das Schweigen im Lande. Kurz kocht Empörung hoch und legt sich wieder. In Zeitungskommentaren wird geseufzt: “Ach, hätten wir doch einen Obama!”, aber wir haben keinen. Ich wünsche mir auch keinen. Weit lebensnotwendiger für den Erhalt der Demokratie sind und bleiben - um wiederum auf mein Thema zu kommen - mündige Bürger, die jeden Lobbyisten, der den Bundestag belagert, das verfassungswidrige Handwerk legen: mündige Bürger, die endlich begreifen, daß sie laut Verfassung der Souverän des Staates sind, vor allem junge Menschen, die, weil es um ihre Zukunft geht, den Mund aufmachen und jenen Ruf wiederbeleben, der vor zwanzig Jahren mit der fordernden Behauptung “Wir sind das Volk!” ein Zwangssystem hinwegfegte.
Ich spreche zu Ihnen aus Erfahrung. Zu Beginn meiner Rede wies ich auf die meine Generation mißprägende Herrschaft des Nationalsozialismus hin. Ich habe mich als junger Mensch immer wieder gefragt und tue es im Grunde bis heute: Wie kam es zum Zerfall der Weimarer Republik? Wir kennen eine Vielzahl von Gründen, auch bin ich sicher, daß Sie diesen sperrigen Stoff während vieler Unterrichtsstunden zu bewältigen versucht haben. Die Weimarer Republik wurde gleichermaßen von Nazis und Deutschnationalen wie auch von den Kommunisten als bloßes System abgelehnt und bekämpft. Beide christliche Kirchen haben sich nahezu widerstandslos angepaßt. Die Großindustrie war Hitler zu Diensten. Von den demokratischen Parteien waren zum Schluß nur noch die Sozialdemokratische Partei und die Zentrumspartei widerständig. Als Hitlers Ermächtigungsgesetz zur Abstimmung stand, fiel auch die Zentrumspartei um, die Gegenstimmen der Sozialdemokraten reichten nicht aus. Man muß sich schon in Erinnerung rufen, daß der erste Präsident der Bundesrepublik, Theodor Heuß, als Reichstagsabgeordneter für Hitlers Ermächtigungsgesetz gestimmt hat. Doch gravierender als das allumfassende Versagen ist wohl die Tatsache, daß es in der Weimarer Republik nicht genügend Bürger gegeben hat, die sich schützend vor dieses fragile, von Anfang an gefährdete Gebilde gestellt haben. Diese Einsicht hat mich dazu gebracht, als Schriftsteller immer wieder mein Schreibpult zu verlassen und mich als Bürger einzumischen, das heißt, den Mund aufzumachen, mündig im wahrsten Sinne des Wortes zu sein.
Nichts Besseres kann ich Ihnen empfehlen. Die Älteren unter Ihnen werden demnächst als Abiturienten die Schule verlassen. Die Schule ist ein geschützter Raum. Außerhalb der Schule herrscht ein rauheres Klima. Mit Gegenwind ist zu rechnen. Doch darauf wird es ankommen: auch bei Gegenwind den Mund aufzumachen, gegen den Wind laut “Ja” oder “Nein” zu sagen und dieses “Ja” oder “Nein” zu begründen.
Ich danke für die freundliche Einladung, als Gastredner in einer Schule sprechen zu dürfen, die bereits einem Sohn, einer Tochter vertraut gewesen ist, und nun weiß ich Enkeltöchter mit der Paul-Natorp-Oberschule verbunden. Eigentlich schade, daß ich nie die Chance hatte, hier Schüler sein zu dürfen. Vielleicht hätte ich doch noch das Abitur geschafft!
- Datum 05.08.2009 - 11:28 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 09.07.2009 Nr. 29
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erkennen auch Intellektuelle wie Günter Grass die Gefahren, die unsere Demokratie bedrohen und werden aktiv. Es wird höchste Zeit. Sie haben lange geschlafen.
Ein gutes Wort!
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"Aristoteles war kein Belgier. Die Hauptbotschaft des Buddhismus lautet nicht: 'Jeder kämpft für sich selbst'. Und die Londoner Untergrundbahn ist keine politische Bewegung."
A Fish called Wanda
In Wahrheit hätte noch hinzugefügt werden müssen, dass es keinen wirklich freien, deutschen, demokraitschen Staat gegeben hat. Die Weimarer Republik war wirtschaftlich durch die Reperationszahlungen und die mit der Besetzung des Ruhrgebiets verbundene Hyperinflation so angeschlagen, dass sie die der US-Weltwirtschaftskirse wenig entgegen zu setzen hatte.
Die BRD ist der allierte dt. Vorzeigefrontstaat - der US Vasallenstaat - während die DDR das Pendant im Osten war.
Mit der Widervereinigung und noch viel wichtiger, mit der Einigung Europas, endet hoffentlich langsam die Knechtschaft Deutschlands unter dem Adligen USA. Es wäre eine riesige Chance das Grundgesetz nun nach vollzogener Einheit neu zu überarbeiten. Die Gründe für ein schnelles unterschlüpfen der DDR unter das GG sind nicht von der Hand zu weisen und die Entscheidung war damals wahrscheinlich politisch sinnvoll.
Heute verhindert die europäiche Einigung dieses Projekt. Leider ist unser Europa kein demokratisches Gebilde. Doch für eine funktionierende Demokratie braucht es auch einen mündigen Bürger. Einen Bürger der im Gegensatz zum Artikel nicht nur seine Meinung äußert, sondern auch Gedanken an die Konsequenzen seiner Handlungen verschwendet. Solange die Beerdigung von Michael Jackson mehr Beachtung in der breiten Bevölkerung findet wie das Töten von min. 100 Menschen in China, solange ist es vielleicht besser wenn wir in einer Scheindemokratie leben.
Mündigkeit setzt mehr voraus als eine willkürliche Willensbekundung. Mündigkeit ist anstrengend und fordernd. Mündigkeit umfasst den Versuch wirtschaftliche Zusammenhänge verstehen zu wollen (und können). Mündigkeit beinhaltet auch die Frage, welche Ziele unsere Gesellschaft verfolgt - doch welcher Bürger in Deutschland verschwendet schon seine spärliche Freizeit auf diese Fragen?
aber nichts Neues.
Gerade der Absatz über die Weimarer Republik zeugt davon, wie sehr G. G. in der etablierten, allgemein als "richtig" akzeptierten Weltsicht verhaftet ist.
Ich sehe übrigens einen gewissen Widerspruch darin, zum einen Menschen zur Mündigkeit erziehen und zum anderen zu einem bestimmten Staatsystem überreden zu wollen. Demokratie in der hiesigen Form lässt sich - bei allen Vorteilen, die ich sehr wohl anerkenne! - nicht direkt aus Mündigkeit/Vernunft ableiten. Solche Annahmen sind pure Ideologie. Ein eigenständiger Verstand kann auch zu anderen Schlüssen kommen.
Also; bitte mehr Ehrlichkeit bei der Werbung und weniger Vereinnahmung von philosophischen Begriffen.
Wer Hindenburg aussen vorlaesst, hat das Ende von Weimar nicht verstanden!
Denn wo der Bock den Gaertner gibt, gedeiht kein Gras.
Bin zwar kein Abiturjahrgang 09 aber ich fang schon mal an: Wir sind das Volk! Wir sind das Volk! Wir sind das Volk! Wir sind das Volk!
Nein nicht für Demokratie sondern für unser Selbstbestimmungsrecht.
Wir sind das Volk! Wir sind das Volk! Das Volk sind wir! Wir sind das Volk! ... Wer ist wir? Na WIR! und wer ist das Volk? Na auch WIR! WIR sind WIR!
Ja und was ist jetzt? Das deutsche Volk bestimmt selbst was es will oder nicht will, sonst niemand. Oder etwa doch nicht? Nicht jammern... klar sagen was man will oder nicht, machen Freunde machen.
- viele Parlamentarier waren und sind Juristen, und sorgen für immer neue Gesetze, Verordnungen usw. - viel eingeschränkter als der Alltag in einer Diktatur. Man bekommt immer mehr Lust, diesem Land den Rücken zu kehren..
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