Es ist der Mut der Verzweiflung, der Arnold Schwarzenegger zum Reformpädagogen macht. Der kalifornische Gouverneur sieht sich mit einem Haushaltsloch konfrontiert, das sämtliche Budgetsorgen deutscher Bundesländer geradezu niedlich erscheinen lässt: 26,3 Milliarden Dollar beträgt die Lücke zwischen Einnahmen und Ausgaben, vergangene Woche hat Schwarzenegger den finanziellen Notstand ausgerufen. Bei der hektischen Suche nach Sparpotenzial ist er auf Kaliforniens Schulen gestoßen, die jedes Jahr neue Bücher im Wert von fast 400 Millionen Dollar brauchen. Veraltete Lehrmethoden, befand der Regierungschef und verkündete, dass die digitale Revolution in den Klassenzimmern noch dieses Jahr beginnen werde.

Abseits aller Schlagwörter heißt das: Kalifornien will im Rahmen eines Sparprogramms mit dem Titel »Initiative Digitales Schulbuch« sämtliche gedruckten Lehrwerke auf digitale Versionen umstellen. Noch in diesem Jahr soll mit Mathematik und den Naturwissenschaften der Anfang gemacht werden, künftig werden die Schüler ihre Texte auf E-Books und online am Computer zur Verfügung gestellt bekommen. Der republikanische Regierungschef verwies bedauernd auf die extreme Wirtschaftskrise, die extreme Maßnahmen erfordere. Dann aber gab er vor der versammelten Presse weiter den Pädagogen: »Kinder sind es gewohnt, online Musik zu hören, über das Internet Filme anzuschauen, zu twittern und bei Facebook mitzumachen. Warum sollten unsere Schulen unsere Schüler da weiter zwingen, diese altmodischen, schweren und teuren Lehrbücher herumzutragen?«

Was Schwarzenegger nicht sagte: Der Staat hat kein Geld, für die Schüler die Hardware in Form von Netbooks oder mobilen Lesegeräten anzuschaffen. Kinder, deren Eltern sich die Geräte nicht leisten können, werden zumindest in einer Übergangsphase mit Computerausdrucken klarkommen müssen.

Terry Moe, Professor für Politikwissenschaft an der Stanford-Universität, hält Schwarzeneggers Reform dennoch für »extrem sinnvoll«. Moe zählt zu den ausgewiesenen Experten für digitales Lernen in den USA, er sagt: »Übergangsprobleme dürfen uns nicht davon abhalten, diese einmalige Chance zur Modernisierung des Unterrichts zu nutzen.« Moe und andere US-Medienpädagogen sind sich einig: Am Ende werde Kalifornien den Ruhm des Pioniertums einstreichen, nach dem Motto »Lieber eine schlecht gemachte Revolution als gar keine«.

In Deutschland gibt es kaum Bestrebungen, dem kalifornischen Vorbild nachzueifern. Selbst Initiativen, die sich das digitale Lernen auf die Fahnen geschrieben haben, warnen davor, von der Umstellung Spareffekte zu erwarten. »Deutschland ist OECD-Schlusslicht bei der Integration digitaler Medien im Unterricht. Eine nachhaltige Umstellung würde Milliarden kosten. Genau hier liegt das Problem in unserem unterfinanzierten Bildungssystem«, sagt Johannes Karl, Herausgeber des Magazins Digital lernen.

Kerstin Mayrberger, Juniorprofessorin für Medienpädagogik an der Universität Mainz, nennt Schwarzeneggers Plan immerhin einen »richtungsweisenden Schritt«, doch auch sie mahnt: »Es kommt darauf an, dass die vorhandenen Inhalte nicht einfach digitalisiert, sondern didaktisch völlig neu aufbereitet werden.« Davon jedoch spricht Schwarzenegger tatsächlich kaum. »Alles andere wäre, wie wenn ein Professor sein Vorlesungsmaterial als PDF ins Internet stellte«, sagt Mayrberger: »Damit erübrigt sich für die Studenten der Gang zum Copyshop, mehr nicht.«

Das sieht auch Terry Moe so. Die geplante Digitalisierung der Lehrbuchinhalte, betont der Stanford-Professor, sei lediglich die notwendige Bedingung für den pädagogischen Neuanfang. Mittelfristig werde das Ende gedruckter Lehrwerke zu einer Demokratisierung des Lese- und Arbeitsmaterials führen. »Dann dürften digitale Schulbücher ähnlich wie Wikipedia aus der Feder vieler kundiger Autoren stammen – und das zu einem minimalen Preis, weil es sich um frei zugängliche Quellen handeln wird.« Ob die Schulbuchverlage auf beiden Seiten des Atlantiks einer solchen Entwicklung tatenlos zusehen würden, darf indes bezweifelt werden.