Italien Der große Verführer

Er vergnügt sich mit jungen Mädchen und spielt in der Öffentlichkeit den Clown. Trotzdem ist kein Politiker bei den Italienern so beliebt wie Silvio Berlusconi. Wie hat er es geschafft, einem ganzen Land den Kopf zu verdrehen?

Als Silvio Berlusconi 1994 zum ersten Mal die italienischen Parlamentswahlen gewann, weinte Emilio Fede vor den Augen des ganzen Landes. Eben noch war Berlusconi nur einer von vielen reichen Unternehmern gewesen, da gründete er überraschend eine Partei, und nach nur vier Monaten Wahlkampf wurde er Ministerpräsident. Es gab damals viele Leute, die vor Freude weinten, aber Emilio Fedes Tränen sahen Millionen Menschen, weil er gerade in seinem Mailänder Fernsehstudio stand und die Nachrichtensendung Tg4 moderierte. Er ist der Chefredakteur.

Als Berlusconi bei einer politischen Veranstaltung einen Schwächeanfall erleidet, macht Fede daraus die Hauptnachricht seiner Sendung. Minutenlang beschreibt er die Bilder, die einen in sich zusammensinkenden Berlusconi zeigen, dann erklärt Fede seinem Publikum: »Er hat mich aus dem Krankenhaus angerufen: ›Mach dir keine Sorgen! Es geht mir gut.‹« Und dann: »Es geht ihm gut! Macht euch alle keine Sorgen! Es geht ihm gut!« Der Chefredakteur spricht nicht nur über den Politiker Berlusconi, sondern auch über seinen Boss. Der Fernsehsender gehört Berlusconi.

Anzeige

»Televisione bulgara« nannte die Opposition Fedes Sendung, weil diese Art der Berichterstattung sehr an die des kommunistischen Bulgariens erinnerte. Fede ist für seine Parteilichkeit gerügt und mitunter auch vor Gericht verklagt worden, doch er tritt weiter Abend für Abend auf. Er macht es wie Berlusconi, er macht einfach weiter. Und hat Erfolg damit. Italien hat sich an die televisione bulgara gewöhnt.

Fede betreibt sein Geschäft seit zwei Jahrzehnten, und er tut es auf so offene Weise, so entrückt, dass ihn viele Italiener wie einen Komiker betrachten. Einmal rief ihn Berlusconi mitten in der Sendung überraschend an, um den Moderator niederzumachen. Fede schaute zunächst entsetzt, dann lächelte und nickte er bei jedem Wort des Anrufers. Es war eine irritierende Vorstellung, weil man sah, wie Fede an den Lippen seines Meisters hing, an den Fäden seiner Macht. Die Normalität ist so absurd, dass man gar nicht glauben will, sie könne echt sein. Das ist ein Erfolgsgeheimnis Berlusconis, und es erklärt, warum dieser so clownhaft wirkende Regierungschef der populärste Politiker seines Landes ist. Zwischen 35 und 45 Prozent Zustimmung hat seine Partei in der Bevölkerung, mehr als alle Konkurrenten. Seit 1994 ist Berlusconi drei Mal zum Ministerpräsidenten gewählt worden.

»Herr Fede, Sie haben den Ruf, einer der treusten Anhänger Berlusconis zu sein.«

»Mehr als das, viel mehr! Ich bin sein Freund, sein Weggefährte. Seit 30 Jahren.«

Fede steht von seinem Sessel im Fernsehstudio auf und weist mit der Hand auf die Fotos an der Wand, die seine journalistische Karriere dokumentieren. »Hier mit Nyerere, hier mit Siad Barre, hier mit Nelson Mandela!« Die Fotos, alle unzweifelhaft echt, bekommen unter Fedes Händen etwas Irreales. Man erkennt Siad Barre, doch glaubt man nicht, dass es der Präsident Somalias ist. Nyerere ist zu erkennen, doch ist es wirklich der tansanische Politiker? Schuld an dieser Verwirrung ist Fedes barocker Unernst, mit dem er alles einwickelt. Es ist die Art Berlusconis. Man sieht den Mann, man hört den Mann, dabei wird er immer größer, während die Welt um ihn herum immer weiter schrumpft, bis zur Unsichtbarkeit.

»27 Jahre beim Sender«, sagt Fede, »davon zwölf Jahre als Kriegskorrespondent in Afrika.« Er taucht ein in die eigene Vergangenheit, um nach einigen Minuten mit vielen Orden an der Brust wieder aufzutauchen, die er sich im Geiste umgehängt hat. Es ist seine Art, zu sagen: »Ich bin ein Profi! Mir kann man nichts vormachen!«

Fedes Büro hat eine große Fensterfront, die den Blick auf ein prachtvolles Blumenbeet freigibt.

»Das hat mir il Presidente spendiert!«, sagt er beiläufig.

Draußen liegt Milano 2, eine Satellitenstadt, die Berlusconi als Bauunternehmer zu Beginn der siebziger Jahre errichten ließ. Damals war er noch einer von vielen jungen Unternehmern aus Mailand, erfolgreich, aber noch nicht besonders auffallend. Er entsprach ganz und gar dem Image eines Mailänders. Er war tüchtig, fleißig, hatte Geschäftssinn und war elegant. Mailand ist das ökonomische Herz des Landes, immer noch. Auch wenn der industrielle Gürtel, der sich in der Nachkriegszeit um die Stadt legte, längst zerschlissen ist, repräsentiert Mailand nach wie vor die Idee, dass jeder in dieser Welt eine Chance hat, wenn er sie nur entschlossen wahrnimmt. Mailand ist ein bisschen Amerika. Über Berlusconi hieß es deshalb zu Beginn seiner Karriere auch, er habe etwas »Amerikanisches« – gemeint war damit sein zupackender Optimismus.

Leser-Kommentare
  1. In Berlusconi erkennt sich Italien wieder. Nicht der intellektuell versponnene Professor Prodi, sondern der Commentatore Berlusconi ist Italien. Da kann sich die ausländische Presse noch so ereifern: Die Italiener wählen, wie jede Bevölkerung, noch immer aus dem Bauch heraus, und der sagt eben Berlusconi.

    Außerdem wird im Artikel einer der Hauptgründe für den Erfolg Berlusconis genannt: Die Benennung und politische Thematisierung tabuisierter und mit Angst besetzten Themen wie verfehlte Ausländer- und Immigrationspolitik, Überfremdung und, wenn auch nicht dezidiert so genannt, Islamisierung Europas.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • hardob
    • 13.07.2009 um 14:40 Uhr

    Europas Antwort auf die "Islamisierung Europas" ist, dann hat es seinen Untergang verdient.

    • hardob
    • 13.07.2009 um 14:40 Uhr

    Europas Antwort auf die "Islamisierung Europas" ist, dann hat es seinen Untergang verdient.

  2. ... , der sich weniger einseitig mit Berlusconis Popularität auseinandersetzt und auch mit einiger Propaganda aufräumt, findet man hier ...

    "Die Episode widerlegt im Übrigen die alte Mär vom angeblichen Medienmonopol des Premiers, das die Demokratie gefährde. Frau Lario fand sofort bereitwillige Kanäle, um die Angriffe auf ihren Ehemann zu lancieren. Von den fünf führenden Zeitungen Italiens gehört Berlusconi eine einzige. Seine Mediaset-TV-Stationen sind heftiger Konkurrenz durch die staatliche Rai ausgesetzt, von deren drei Kanälen einer traditionell Domäne der Linken ist. Daneben gibt es eine Reihe weiterer potenter privater Anbieter. Von einem Meinungsmonopol der Berlusconi-Medien kann keine Rede sein."
    http://www.weltwoche.ch/a...

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Eigentlich spielt es keine Rolle, ob eine oder fuenf Zeitungen. Grundsaetzlich ist es nicht mehr im Rahmen des politisch Vertretbaren, wenn die Gewaltenteilung ausgehebelt wird - in keinem Land.

    Eigentlich spielt es keine Rolle, ob eine oder fuenf Zeitungen. Grundsaetzlich ist es nicht mehr im Rahmen des politisch Vertretbaren, wenn die Gewaltenteilung ausgehebelt wird - in keinem Land.

  3. Berlusconi ist wenigstens ehrlich. Da weiss man immerhin, mit wem man's zu tun hat - unsere Politiker dagegen heucheln was das Zeug hält. Berlusconi flirtet mit anderen, jüngeren Frauen, obwohl er verheiratet ist? Zumindest lebt er's offen aus, im Gegensatz zu z.B. einem Horst Seehofer, der sich noch für seine Familie Segen beim Papst holt und hinter den Kulissen seine Frau betrügt.

  4. Es gibt derzeit kaum eine bessere Momentaufnahme Italiens als das Buch von Umberto Eco "Il nemico della stampa". Im "Espresso" gab der Autor ein Statement ab, das hier nachzulesen ist:
    http://espresso.repubblic...
    Anbei eine Passage daraus:
    "Ricorderò sempre una storia che raccontava mia mamma che, ventenne, aveva trovato un bell'impiego come segretaria e dattilografa di un onorevole liberale - e dico liberale. Il giorno dopo la salita di Mussolini al potere quest'uomo aveva detto: "Ma in fondo, con la situazione in cui si trovava l'Italia, forse quest'Uomo troverà il modo di rimettere un po' d'ordine". Ecco, a instaurare il fascismo non è stata l'energia di Mussolini (occasione e pretesto) ma l'indulgenza e la rilassatezza di quell'onorevole liberale (rappresentante esemplare di un Paese in crisi)."
    Italien befindet sich exakt wieder an einem solchen fatalen Punkt: der grosse Verführer braucht gar nichts zu tun. Das Problem ist nicht in erster Linie Berlusconi, sondern die kranke italienische Gesellschaft.
    Man lese dazu auch den Aufruf von Antonio Di Pietro in der Herald Tribune: http://www.reset-italia.n... (Die Demokratie in Italien ist in Gefahr!). Bezeichnend ist, dass dieser Aufruf vom Ausland aus verbreitet wurde.
    Ja, man muss sich Sorgen machen um die Demokratie in Italien. Denn das nächste hochfragwürdige Gesetz ist schon in Vorbereitung: Es soll eine straffreie Amnestie zur Rückführung von Flucht-Kapital aus dem Ausland nach Italien geben mit dem Zweck, dieses dann dem Erdbebengebiet L'Aquila zur Verfügung zu stellen. Dabei wird nicht gefragt, ob es sich um Gelder aus Drogengeschäften, Waffenhandel etc. handelt. Man muss sich das mal vorstellen! Ein Artikel auch hierzu:
    http://www.repubblica.it/...

    Ich fordere hiermit alle Medien und alle engagierten Menschen auf, über diese Vorgänge zu berichten und sich in sozialen Netzwerken auszutauschen.

  5. Warum wählt die BRD Frau Merkel?

  6. Diese Frage habe ich mir so beantwortet: Es gibt keinen Gegenkandidaten, der mit ihnm fertig wird. Der einzige, der mit ihm fertig wurde war Prodi, der aber dann regelmäßig von seinen Partei"freunden" abgesägt wurde, letztes mal von UDEUR unter Mastella, dessen Frau angeklagt wurde wegen mafiöser Geschäfte in der Nähe von Neapel. Mastella hat sich dafür an Prodi gerächt.
    Prodi ist zwei mal gegen Berlusconi angetreten und hat beide male die Wahlen für sich entscheiden können, für sein Mitte links Bündnis.
    Es wurde bei der Wahl 2006 klar, worin seine Stärke bestand: Er war der einzige Politiker, der in der direkten Auseinandersetzung mit Berlusconi sich von diesem hat nicht einseifen lassen. Die Einseifstrategie von Berlusconi ist sehr subtil. Sie fängt damit an, den Gegner mit blossen Behauptungen zu diskreditieren und zu verunsichern, so dass er dann seinen Monolg halten kann und niemand mehr widerspricht oder beim Versuch zu widersprechen den Faden verliert.
    Prodi hat nicht nur Stärke sondern auch die notwendige Schlagfertigkeit, wenn nicht Respektlosigkeit gezeigt: Als Berlusconi ihn am Anfang der Diskussion diskreditieren wollte in der Art "leider habe ich ja keinen richtigen Gegenkandidaten sondern nur einen Strohmann des linken Haufens vor mir" hat Prodi weder Ausrede noch Entschuldigung gesucht. Er hat ihm klar geantwortet: "Ich bin der Kandidat des Mitte Links Bündnisses und will vom Präsidenten Berlusconi auch so angesprochen werden, diesen Respekt ist er mir schuldig. Ansonsten hat es keinen Sinn hier zu sprechen". Berluscondi wurde leichenblass und fahrig.
    Prodi ist und war der einzige, der sich weder provozieren noch verwirren lässt. Das zeugt von Stärke und ich denke dass kein Wähler einen bevorzugt, der sich vom Gegner unterkriegen lässt.
    Keiner der anderen Widersacher hat es bisher so klar und hart gewagt, Berlusconi in die Schranken zu weisen, im richtigen Moment. Für den Wähler bedeutet dies, dass die anderen Widersacher keine Alternative sind, weil sie schwächer als Berlusconi sind. So einfach ist das aus meiner Sicht, auch wenn man sich als Wähler nicht bewusst ist, warum man so handelt (Anmerkung: Da ich Berlusconi für einen immer unaustehlicheren Narzisten halte, würde ich ihn nicht wählen).

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Den obigen Diskurs über die Frage, warum Berlusconi gewählt wurde, finde ich sehr schlüssig! Dazu kommt aber das fatale Hoffen der Menschen, dass dieser "starke Mann" endlich Ordnung schaffen könnte. Möglicherweise kann er es dann auch, gemeinsam mit seiner murrenden aber treuen Junta. Das "Lodo Alfano" ist einer der ersten, die Verfassung verletzenden, Schritte in diese Richtung. Nun kommt es drauf an, ob die oberste Instanz im Staate Zähne zeigt. Napolitano ist gefordert, wir müssen hoffen!

    Den obigen Diskurs über die Frage, warum Berlusconi gewählt wurde, finde ich sehr schlüssig! Dazu kommt aber das fatale Hoffen der Menschen, dass dieser "starke Mann" endlich Ordnung schaffen könnte. Möglicherweise kann er es dann auch, gemeinsam mit seiner murrenden aber treuen Junta. Das "Lodo Alfano" ist einer der ersten, die Verfassung verletzenden, Schritte in diese Richtung. Nun kommt es drauf an, ob die oberste Instanz im Staate Zähne zeigt. Napolitano ist gefordert, wir müssen hoffen!

    • zaro
    • 13.07.2009 um 13:45 Uhr

    Der Italiener sieht sich mit B. in geradezu idealer Weise verkörpert.

    Jeder Bayer müsste das bestens nachempfinden können. Hatte man dem dortigen größten Hallodri seit Heinrich dem Löwen alle Eskapaden und alles Herumweibern nicht nur nicht übel genommen, sondern diesen Oberbazi dafür regelrecht vergöttert: A so aa Hund a vareckta!!

  7. Den obigen Diskurs über die Frage, warum Berlusconi gewählt wurde, finde ich sehr schlüssig! Dazu kommt aber das fatale Hoffen der Menschen, dass dieser "starke Mann" endlich Ordnung schaffen könnte. Möglicherweise kann er es dann auch, gemeinsam mit seiner murrenden aber treuen Junta. Das "Lodo Alfano" ist einer der ersten, die Verfassung verletzenden, Schritte in diese Richtung. Nun kommt es drauf an, ob die oberste Instanz im Staate Zähne zeigt. Napolitano ist gefordert, wir müssen hoffen!

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service