Italien Der große VerführerSeite 5/5

Niemand ist unfehlbar auf dieser Welt, alle sind verführbar von der Macht, dem Geld, dem Sex. Alle sind wir wie Berlusconi, und darum kritisieren wir uns selbst, wenn wir ihn kritisieren. Wollen wir das wirklich? Ist es nicht schöner, wir akzeptieren uns, wie wir sind, ein bisschen korrupt, ein bisschen verlogen, ein bisschen rücksichtslos?

Berlusconi erlöst die Leute von dem Gefühl, dass etwas nicht in Ordnung sein könnte mit ihren Instinkten. Es ist in Ordnung, dass ihr euch in einem selbstzerstörerischen Akt von den Ketten der Parteienwirtschaft gelöst habt, von dem erstickenden Mief der politischen Korrektheit, von den lähmend langsamen Verfahren der Demokratie. Berlusconi, das ist der Wunsch, frei zu sein, frei von allen Fesseln.

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Ferrara wurde 1992 durch eine Fernsehsendung auf einem Berlusconi-Kanal mit dem Titel Lezioni d’amore bekannt. Die Sendung berief sich auf den italienischen Schriftsteller Pier Paolo Pasolini, eine Ikone der Linken. Es ging in der Sendung um Sex. Ferraras Ehefrau war mit dabei. Erste öffentliche Tabubrüche. Nach dem Protest der damals regierenden Christdemokraten musste Berlusconi die Ferraras aus dem Programm werfen. Heute würde das nicht mehr geschehen.

Als junger Mann war Ferrara Kommunist. Sein Vater war Chefredakteur der damaligen kommunistischen Parteizeitung Unità , seine Mutter Partisanin und dann Privatsekretärin des kommunistischen Parteiführers Palmiro Togliatti. Der junge Giuliano wurde in den siebziger Jahren »Fabrikverantwortlicher« der Kommunisten in Turin. Ein wichtiger Posten, er vertrat die Partei bei Fiat. Für Bettino Craxis Sozialisten war er im Europaparlament, in Berlusconis erster Regierung war er Minister und Pressesprecher. Nur eines ist in Ferraras Leben immer gleich geblieben, er sagt: »Ich war immer ohne Parteibuch.«

Auch der Kulturminister und Koordinator von Berlusconis Partei Il Popolo della Libertà Sandro Bondi war einst Kommunist – und Bürgermeister in der Toskana. Heute ist er ein glühender Antikommunist. Für den Journalisten Ferrara sind solche Karrieren ein Beweis geistiger Beweglichkeit.Er spricht über die Antikorruptionsermittlungen der Mailänder Staatsanwälte 1992, die die politische Klasse sprengten. »Und dann kam Berlusconi mit seinem Appeal. Für mich war es aber nie eine Frage der Faszination. Sicher, er ist sehr sympathisch, wir sind Freunde geworden. Aber Berlusconi war schon damals für mich das kleinere Übel. Ohne ihn hätten die Richter aus Mailand die Regierung bestimmt. Eine Horrorvorstellung.«

Ferrara liebt die Übertreibung, er hasst die Langeweile, auch das hat er mit seinem Idol gemein. Er sagt: »Berlusconi hat am Anfang großes Theater voller Überraschungen geboten. Verfassungsreformen und die wirtschaftliche Liberalisierung Italiens. Dank Berlusconi gibt es keine Staatspartei wie die Democrazia Cristiana mehr, es ist ein Wechsel zwischen zwei großen politischen Blöcken möglich.«

An einem heißen Sommermorgen warten im 15. Stock eines Hochhauses nahe dem Bahnhof von Neapel 25 Journalisten auf Nicola Cosentino. Er ist Staatssekretär im römischen Wirtschaftsministerium und Koordinator der Partei Il Popolo della Libertà in Kampanien. Cosentino ist ein mächtiger Mann. Kein anderer Politiker aus der Kleinstadt Casal di Principe hat es so weit gebracht. Weit gebracht hat es dort sonst nur der berüchtigte Camorra-Clan der Casalesi. Cosentinos Karriere ist ein Hinweis darauf, dass selbst Berlusconi nicht schalten und walten kann, wie er will. Er kommt an bestimmten Organisationen nicht vorbei, besonders hier, im Süden.

Nicola Cosentino lässt sich Zeit. Viel Zeit. 75 Minuten kommt er zu spät. Grußlos eilt er mit seinen Leuten in den Saal. Und beansprucht die Stühle. Die Journalisten erheben sich widerspruchslos. Sie stehen, die Politiker sitzen. Auf diesen Ritualen beharrt die Politik in Süditalien bis heute.

Cosentino stellt das Weißbuch über das Desaster der linken Mitte in Kampanien vor, eine Publikation seiner Partei über die Fehler und Versäumnisse des politischen Gegners, der Neapel und die Region regiert. Dazu gehört der Müllnotstand. Wochenlang liefen im Fernsehen Bilder der in Unrat erstickenden Stadt, bis Berlusconi aufräumte – nein, bis er Männer wie Cosentino mit dem Aufräumen beauftragte.

Cosentino war früher Lokalpolitiker für die kleine sozialdemokratische Partei PSDI, heute ist er Berlusconis Mann in Kampanien. Welche Rolle der Camorra-Clan Casalesi in dieser Beziehung spielt, untersucht gerade die Staatsanwaltschaft in Neapel. Gegen Cosentino wurde ein Ermittlungsverfahren eröffnet, nachdem mehrere Kronzeugen den Politiker belastet hatten. Cosentino, sagten Camorra-Aussteiger, sei ein Werkzeug der Casalesi in der Politik gewesen, der verlängerte Arm der Verbrecher. Ein Unternehmer, der 20 Jahre lang für die Camorra den Giftmüll in den Wiesen und Feldern rund um die Stadt vergrub, hat erklärt, schon in den achtziger Jahren seien Cosentino diese Geschäfte bekannt gewesen. Und der habe davon profitiert. Cosentino nimmt während seines 40-minütigen Vortrags das Wort »Camorra« nicht ein Mal in den Mund. »Wenn sich Präsident Berlusconi nicht persönlich darum gekümmert hätte, dass der Müll von der Straße kommt, würde Neapel noch immer im Abfall ersticken«, sagt er den Journalisten. Sie stehen noch immer und schauen ihn an.

Noch Fragen? Keine Fragen.

 
Leser-Kommentare
  1. In Berlusconi erkennt sich Italien wieder. Nicht der intellektuell versponnene Professor Prodi, sondern der Commentatore Berlusconi ist Italien. Da kann sich die ausländische Presse noch so ereifern: Die Italiener wählen, wie jede Bevölkerung, noch immer aus dem Bauch heraus, und der sagt eben Berlusconi.

    Außerdem wird im Artikel einer der Hauptgründe für den Erfolg Berlusconis genannt: Die Benennung und politische Thematisierung tabuisierter und mit Angst besetzten Themen wie verfehlte Ausländer- und Immigrationspolitik, Überfremdung und, wenn auch nicht dezidiert so genannt, Islamisierung Europas.

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    • hardob
    • 13.07.2009 um 14:40 Uhr

    Europas Antwort auf die "Islamisierung Europas" ist, dann hat es seinen Untergang verdient.

    • hardob
    • 13.07.2009 um 14:40 Uhr

    Europas Antwort auf die "Islamisierung Europas" ist, dann hat es seinen Untergang verdient.

  2. ... , der sich weniger einseitig mit Berlusconis Popularität auseinandersetzt und auch mit einiger Propaganda aufräumt, findet man hier ...

    "Die Episode widerlegt im Übrigen die alte Mär vom angeblichen Medienmonopol des Premiers, das die Demokratie gefährde. Frau Lario fand sofort bereitwillige Kanäle, um die Angriffe auf ihren Ehemann zu lancieren. Von den fünf führenden Zeitungen Italiens gehört Berlusconi eine einzige. Seine Mediaset-TV-Stationen sind heftiger Konkurrenz durch die staatliche Rai ausgesetzt, von deren drei Kanälen einer traditionell Domäne der Linken ist. Daneben gibt es eine Reihe weiterer potenter privater Anbieter. Von einem Meinungsmonopol der Berlusconi-Medien kann keine Rede sein."
    http://www.weltwoche.ch/a...

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    Eigentlich spielt es keine Rolle, ob eine oder fuenf Zeitungen. Grundsaetzlich ist es nicht mehr im Rahmen des politisch Vertretbaren, wenn die Gewaltenteilung ausgehebelt wird - in keinem Land.

    Eigentlich spielt es keine Rolle, ob eine oder fuenf Zeitungen. Grundsaetzlich ist es nicht mehr im Rahmen des politisch Vertretbaren, wenn die Gewaltenteilung ausgehebelt wird - in keinem Land.

  3. Berlusconi ist wenigstens ehrlich. Da weiss man immerhin, mit wem man's zu tun hat - unsere Politiker dagegen heucheln was das Zeug hält. Berlusconi flirtet mit anderen, jüngeren Frauen, obwohl er verheiratet ist? Zumindest lebt er's offen aus, im Gegensatz zu z.B. einem Horst Seehofer, der sich noch für seine Familie Segen beim Papst holt und hinter den Kulissen seine Frau betrügt.

  4. Es gibt derzeit kaum eine bessere Momentaufnahme Italiens als das Buch von Umberto Eco "Il nemico della stampa". Im "Espresso" gab der Autor ein Statement ab, das hier nachzulesen ist:
    http://espresso.repubblic...
    Anbei eine Passage daraus:
    "Ricorderò sempre una storia che raccontava mia mamma che, ventenne, aveva trovato un bell'impiego come segretaria e dattilografa di un onorevole liberale - e dico liberale. Il giorno dopo la salita di Mussolini al potere quest'uomo aveva detto: "Ma in fondo, con la situazione in cui si trovava l'Italia, forse quest'Uomo troverà il modo di rimettere un po' d'ordine". Ecco, a instaurare il fascismo non è stata l'energia di Mussolini (occasione e pretesto) ma l'indulgenza e la rilassatezza di quell'onorevole liberale (rappresentante esemplare di un Paese in crisi)."
    Italien befindet sich exakt wieder an einem solchen fatalen Punkt: der grosse Verführer braucht gar nichts zu tun. Das Problem ist nicht in erster Linie Berlusconi, sondern die kranke italienische Gesellschaft.
    Man lese dazu auch den Aufruf von Antonio Di Pietro in der Herald Tribune: http://www.reset-italia.n... (Die Demokratie in Italien ist in Gefahr!). Bezeichnend ist, dass dieser Aufruf vom Ausland aus verbreitet wurde.
    Ja, man muss sich Sorgen machen um die Demokratie in Italien. Denn das nächste hochfragwürdige Gesetz ist schon in Vorbereitung: Es soll eine straffreie Amnestie zur Rückführung von Flucht-Kapital aus dem Ausland nach Italien geben mit dem Zweck, dieses dann dem Erdbebengebiet L'Aquila zur Verfügung zu stellen. Dabei wird nicht gefragt, ob es sich um Gelder aus Drogengeschäften, Waffenhandel etc. handelt. Man muss sich das mal vorstellen! Ein Artikel auch hierzu:
    http://www.repubblica.it/...

    Ich fordere hiermit alle Medien und alle engagierten Menschen auf, über diese Vorgänge zu berichten und sich in sozialen Netzwerken auszutauschen.

  5. Warum wählt die BRD Frau Merkel?

  6. Diese Frage habe ich mir so beantwortet: Es gibt keinen Gegenkandidaten, der mit ihnm fertig wird. Der einzige, der mit ihm fertig wurde war Prodi, der aber dann regelmäßig von seinen Partei"freunden" abgesägt wurde, letztes mal von UDEUR unter Mastella, dessen Frau angeklagt wurde wegen mafiöser Geschäfte in der Nähe von Neapel. Mastella hat sich dafür an Prodi gerächt.
    Prodi ist zwei mal gegen Berlusconi angetreten und hat beide male die Wahlen für sich entscheiden können, für sein Mitte links Bündnis.
    Es wurde bei der Wahl 2006 klar, worin seine Stärke bestand: Er war der einzige Politiker, der in der direkten Auseinandersetzung mit Berlusconi sich von diesem hat nicht einseifen lassen. Die Einseifstrategie von Berlusconi ist sehr subtil. Sie fängt damit an, den Gegner mit blossen Behauptungen zu diskreditieren und zu verunsichern, so dass er dann seinen Monolg halten kann und niemand mehr widerspricht oder beim Versuch zu widersprechen den Faden verliert.
    Prodi hat nicht nur Stärke sondern auch die notwendige Schlagfertigkeit, wenn nicht Respektlosigkeit gezeigt: Als Berlusconi ihn am Anfang der Diskussion diskreditieren wollte in der Art "leider habe ich ja keinen richtigen Gegenkandidaten sondern nur einen Strohmann des linken Haufens vor mir" hat Prodi weder Ausrede noch Entschuldigung gesucht. Er hat ihm klar geantwortet: "Ich bin der Kandidat des Mitte Links Bündnisses und will vom Präsidenten Berlusconi auch so angesprochen werden, diesen Respekt ist er mir schuldig. Ansonsten hat es keinen Sinn hier zu sprechen". Berluscondi wurde leichenblass und fahrig.
    Prodi ist und war der einzige, der sich weder provozieren noch verwirren lässt. Das zeugt von Stärke und ich denke dass kein Wähler einen bevorzugt, der sich vom Gegner unterkriegen lässt.
    Keiner der anderen Widersacher hat es bisher so klar und hart gewagt, Berlusconi in die Schranken zu weisen, im richtigen Moment. Für den Wähler bedeutet dies, dass die anderen Widersacher keine Alternative sind, weil sie schwächer als Berlusconi sind. So einfach ist das aus meiner Sicht, auch wenn man sich als Wähler nicht bewusst ist, warum man so handelt (Anmerkung: Da ich Berlusconi für einen immer unaustehlicheren Narzisten halte, würde ich ihn nicht wählen).

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    Den obigen Diskurs über die Frage, warum Berlusconi gewählt wurde, finde ich sehr schlüssig! Dazu kommt aber das fatale Hoffen der Menschen, dass dieser "starke Mann" endlich Ordnung schaffen könnte. Möglicherweise kann er es dann auch, gemeinsam mit seiner murrenden aber treuen Junta. Das "Lodo Alfano" ist einer der ersten, die Verfassung verletzenden, Schritte in diese Richtung. Nun kommt es drauf an, ob die oberste Instanz im Staate Zähne zeigt. Napolitano ist gefordert, wir müssen hoffen!

    Den obigen Diskurs über die Frage, warum Berlusconi gewählt wurde, finde ich sehr schlüssig! Dazu kommt aber das fatale Hoffen der Menschen, dass dieser "starke Mann" endlich Ordnung schaffen könnte. Möglicherweise kann er es dann auch, gemeinsam mit seiner murrenden aber treuen Junta. Das "Lodo Alfano" ist einer der ersten, die Verfassung verletzenden, Schritte in diese Richtung. Nun kommt es drauf an, ob die oberste Instanz im Staate Zähne zeigt. Napolitano ist gefordert, wir müssen hoffen!

    • zaro
    • 13.07.2009 um 13:45 Uhr

    Der Italiener sieht sich mit B. in geradezu idealer Weise verkörpert.

    Jeder Bayer müsste das bestens nachempfinden können. Hatte man dem dortigen größten Hallodri seit Heinrich dem Löwen alle Eskapaden und alles Herumweibern nicht nur nicht übel genommen, sondern diesen Oberbazi dafür regelrecht vergöttert: A so aa Hund a vareckta!!

  7. Den obigen Diskurs über die Frage, warum Berlusconi gewählt wurde, finde ich sehr schlüssig! Dazu kommt aber das fatale Hoffen der Menschen, dass dieser "starke Mann" endlich Ordnung schaffen könnte. Möglicherweise kann er es dann auch, gemeinsam mit seiner murrenden aber treuen Junta. Das "Lodo Alfano" ist einer der ersten, die Verfassung verletzenden, Schritte in diese Richtung. Nun kommt es drauf an, ob die oberste Instanz im Staate Zähne zeigt. Napolitano ist gefordert, wir müssen hoffen!

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