Internet Die Freiheit kommt Bit für Bit
Handyfotos und Blogs sind die neuen Werkzeuge der Demokratiebewegungen. Doch der Zensor twittert mit

© Shadishd173/AFP/Getty Images
Die Proteste in Iran sind zum Sinnbild geworden für die demokratisierende Macht von Netzwerkzeugen wie Twitter
Korrigierte Version - siehe Anmerkung am Ende des Artikels!
Der Goliath Totalitarismus wird vom David Mikrochip besiegt werden«, prophezeite der US-Präsident Ronald Reagan im Jahr 1989. Sein Widersacher und Partner bei der Beendigung des Kalten Kriegs, Michail Gorbatschow, hatte sich ein Jahr zuvor ähnlich geäußert: »Die internationale Kommunikation ist heute leichter als je zuvor. Heute kann praktisch keine Gesellschaft völlig geschlossen sein.«
Diese Sätze stammen aus einer Zeit, als das Internet noch in den Kinderschuhen steckte und kofferschwere Mobiltelefone Spielzeuge für ein paar Reiche waren. Zwanzig Jahre später scheint sich die Vision der beiden Staatsmänner zu bestätigen: Weltweit haben die Bürger per elektronischer Datenleitung Zugang zu politischen Informationen aus dem In- und Ausland. Das Netz, so scheint es, ist zum Instrument der Freiheit geworden. Amateurfotos erreichen uns vom brutalen Einsatz der chinesischen Sicherheitskräfte gegen die Uiguren ebenso wie von den Schüssen der birmanischen Militärjunta auf friedliche Mönche. Per Internet schaut die Welt zu, wenn die Machthaber in Kenia oder Simbabwe Zivilisten verfolgen lassen. Und als in Iran gegen den Ausgang der Präsidentschaftswahl protestiert wurde, machte das Wort von der »Twitter-Revolution« die Runde. Vernetzt die Menschen miteinander, so die einfache Formel, und sie begehren gegen ihre Unterdrücker auf.
Doch die neuen Informationstechniken verändern die politische Szenerie in autoritär regierten Ländern auf eine sehr viel komplexere Weise. Das westliche Klischee von einer technisch versierten, aufmüpfigen iranischen Jugend einerseits und technikfeindlichen Mullahs andererseits, die ihre Propaganda auf altmodische Weise von den Minaretten rufen, ist ebenso abgedroschen wie falsch.
»Wir wissen so viel über die Onlineaktivitäten der Mussawi-Unterstützer – und fast nichts über die der konservativen Hardliner«, sagt Evgeny Morozov vom Thinktank Open Society Institute in New York. Dass die Stimmen der Konservativen nicht auf Twitter zu hören gewesen seien, bedeute noch lange nicht, dass sie sich nicht auch dieses Mediums bedienten. »Sie tun es nur auf Farsi und auf lokalen Websites – wir wissen einfach nicht, wo wir hinschauen müssen.«
Tatsächlich bietet die iranische Internetszene ein erstaunlich buntes Bild. Forscher vom Berkman Center for Internet and Society an der Harvard-Universität haben eine Landkarte der persischen Blogosphäre erstellt, die schon vor den jüngsten Ereignissen aus 60000 regelmäßig gepflegten Blogs bestand. Die säkularen, reformorientierten Einträge machten dabei nur einen Teil aus – zahlenmäßig ebenbürtig waren neben kulturellen oder rein persönlichen Inhalten auch die politisch konservativen und religiösen Webauftritte. Schließlich waren die Mullahs neuen Techniken gegenüber schon immer aufgeschlossen. Als der Ajatollah Chomeini noch im Pariser Exil saß, wurden seine Botschaften auf Video- und Audiokassetten nach Iran geschmuggelt. Und bereits 2006 wurde in Qum, der religiösen Kaderschmiede der islamischen Republik, ein »Büro für die Entwicklung religiöser Weblogs« eingerichtet.
»Statt die Todesglocke für den Autoritarismus zu läuten, bietet die globale Verbreitung des Internets sowohl Gelegenheiten als auch Herausforderungen für autoritäre Regime.« Das schrieb bereits im Jahr 2003 die amerikanische Carnegie-Stiftung in ihrer Studie Open Networks, Closed Regimes. Und Evgeny Morozov hat für die Netzwerke staatstreuer Propaganda den Begriff »Spinternet« geprägt – das soll zum Ausdruck bringen, dass die Herrschenden als Spindoktoren die neuen Informationskanäle nutzen, um der öffentlichen Meinung ihren eigenen Dreh (spin) zu geben. Das geschieht nicht nur in Iran; in Russland beispielsweise rief der regierungsnahe Fonds für effektive Politik (FEP) die Website liberty.ru ins Leben, eine moderne, mit Web-2.0-Elementen gespickte Plattform. Die Kreml-Strategen erhoffen sich davon, jene Bevölkerungskreise zu erreichen, die weder loyal zur Regierung stehen noch deren Kritiker sind – Journalisten, Kreative, Computerspezialisten. Die Oligarchen scheinen dabei das Netz und seine Mechanismen besser verstanden zu haben als viele westliche Politiker, die im Internet nicht viel mehr als eine weitere Plakatwand sehen.
- Datum 13.07.2009 - 11:26 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 09.07.2009 Nr. 29
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Die Kreml-Strategen erhoffen sich davon, jene Bevölkerungskreise zu erreichen, die weder loyal zur Regierung stehen noch deren Kritiker sind – Journalisten, Kreative, Computerspezialisten. Die Kommunisten scheinen dabei das Netz und seine Mechanismen besser verstanden zu haben als viele westliche Politiker, die im Internet nicht viel mehr als eine weitere Plakatwand sehen.
Ich hoffe doch, ich hab den Zusammenhang nicht verstanden und sie bezeichnen die Kreml-Strategen nicht als Kommunisten.
"Erst nachdem wir alles verloren haben, haben wir die Freiheit, alles zu tun…"
Danke für den Hinweis auf diesen peinlichen Fehler, der sich irgendwo in der Bearbeitung des Artikels eingeschlichen hat - ich habe die Formulierung korrigiert!
Danke für den Hinweis auf diesen peinlichen Fehler, der sich irgendwo in der Bearbeitung des Artikels eingeschlichen hat - ich habe die Formulierung korrigiert!
Die Software TOR und vergleichbare Deinste spielen ironischerweise eine besonders wichtige Rolle bei der Vermittlung von Informationen aus demokratiefeindlichen Regionen. Ironischerweise, weil auch demokratische Regierungen dieses Tool gerne verbieten würden. Sie werden angeblich für kriminelle Zwecke verwendet.
Die Macht hat immer etwas "im Gepäck" was viele Mächtige nicht beachten: Verantwortung für die, die ihr "unterstellt werden" ohne eine Garantie für diesen Status geben zu können.
Wer der Verantwortung ihr nicht gerecht wird, reizt die Fundamente seiner Macht, die Zustimmung der "Bemächtigten". Sie entscheidet letztlich über Macht und Ohnmacht und die Risikobereitschaft des Gefolges lässt den Spielraum des Neins größer oder kleiner werden. Ein überzeugtes Nein wird keine Macht wirklich antasten können, genauso wenig wie den Weg zu einem wirklich überzeugenden Ziel endgültig versperren. Nein oder Ja können sich in Regionen zurückziehen, die der menschlichen Intelligenz nicht zugänglich sind. Wer einer inneren Überzeugung zuwiderhandelt, legt sich mit überlegenen Kräften an. Das Internet ist ein Feld, wo ständig neue Entwicklungen zu erwarten sind, die aus ehemals sicheren Burgen, lästige Hindernisse machen können, die sich höchstens als Trainingsfeld eignen für die, die ihre Freiheit nicht so ohne weiteres aufgeben.
Man sollte auch erwähnen das es äuserst heikel sein kann Internet Dienste, vor allem Soziale Netzwerke zu benutzen:
http://www.tagesschau.de/...
Da wird es einem kurz ganz anders wenn man das liest :/
Es ist eben dieser grundsätzliche Denkfehler, den Huntington bereits vor 15 Jahren kritisiert hat. Der Westen unterliegt dem fatalen Irrtum, dass alle Menschen dieser Welt so sein wollen wie er und jeder Mensch ist umso westlicher, je mehr er twittert, bloggt, in einen BigMac beißt, Action Filme sieht, Bluejeans trägt und Englisch spricht. All diese Dinge besiegen den Totalitarismus leider genauso wenig wie der Mikrochip. Der Unterschied zwischen dem Westen und China/Birma/Iran besteht nicht in den Konsum- und Freizeitgewohnheiten, sondern in den gesellschaftlichen Werten. Eine Nation kann nur dann eine Demokratie nach westlichem Maßstab werden, wenn Pluralismus und Individualismus als grundlegende Wesensmerkmale ihrer Gesellschaft vorhanden sind. Dem ist in diesen Ländern aber nicht so und es ist naiv zu glauben, dass ein Land wie China, in dem seit Jahrtausenden das Kollektiv wichtiger war als das Individuum, plötzlich dank Facebook und Twitter nach Demokratie strebt und nur die böse KP mit ihrer Great Firewall dazwischen steht.
Das ist interessant, was sie schreiben. Hat sicher auch einen wahren Kern. Ich stelle dem mal provokativ entgegen, daß die KP jedenfalls nicht so naiv ist, auf die Great Firewall zu verzichten.
Das ist interessant, was sie schreiben. Hat sicher auch einen wahren Kern. Ich stelle dem mal provokativ entgegen, daß die KP jedenfalls nicht so naiv ist, auf die Great Firewall zu verzichten.
Ist der hier einfach nur weiterführend.. vielleicht sollte man eine "Strichliste" führen wie viele von den Ländern die eine Internet-Zensur eingeführt haben bis zum Jahre 2030 in politisch unveränderte Form existieren.
Das ist interessant, was sie schreiben. Hat sicher auch einen wahren Kern. Ich stelle dem mal provokativ entgegen, daß die KP jedenfalls nicht so naiv ist, auf die Great Firewall zu verzichten.
Äh, das können Sie selbstverständlich, ich weiß nur nicht was das mit dem von mir verfassten Beitrag zu tun hat;)
Äh, das können Sie selbstverständlich, ich weiß nur nicht was das mit dem von mir verfassten Beitrag zu tun hat;)
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Die Antwort ist in Kommentar 9 :-(
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