Vielleicht hätte Wolfgang Tiefensee das Büchlein lesen sollen, bevor er es am 23. Juni der Öffentlichkeit vorstellte. Aber offenbar wurde dem Bundesminister für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung erst bei der Präsentation der neuesten Demografiestudie des Berlin Instituts für Bevölkerung und Entwicklung klar, wie brisant das Papier war.

Nicht wegen der Bevölkerungs- und Wanderungszahlen, die stammen vom Statistischen Bundesamt und sie können sie hier in den Infografiken – noch einmal aufgearbeitet – als PDF herunterladen. Vielmehr ging es um die Interpretation darum, wie man der Entwicklung entgegen steuern kann.

Das Berlin Institut stellte der Politik ein denkbar schlechtes Zeugnis aus. Die bisherigen Maßnahmen gegen den Bevölkerungsschwund vor allem in den östlichen Ländern hätten sich als untauglich erwiesen. Statt der Illusion anzuhängen, den Trend umkehren zu können, solle man sich auf ein Leben mit weniger und älteren Menschen einstellen.

Und in einigen Regionen solle man die Förderung auf das Nötigste beschränken und der Öffentlichkeit sagen, »dass die grundgesetzlich festgelegte ›Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse‹ nicht mehr gewährleistet werden kann«.

Das war zu starker Tobak für Tiefensee. Die Studie wurde aus dem Internet entfernt. Erst nach Protesten machte das Ministerium sie nach zwei Tagen wieder auf seiner Website zugänglich, versehen mit einem distanzierenden Kommentar: »Wir geben keinen Menschen auf, wir geben kein Dorf auf, wir geben keine Region auf.« Zumindest nicht vor der Bundestagswahl.

Recherche: Christoph Drösser