Einzelhandel Da langt der Muslim zu
Neu in deutschen Supermärkten: Wurst, die den Speisevorschriften von Muslimen entspricht
Im Koran kommt Salami nicht vor. Aber auch gläubige Muslime haben hin und wieder Lust auf eine gut belegte Pizza. Und deshalb kann Claus Schürmann aus Harsewinkel-Greffen, einer sehr, sehr ländlichen Gemeinde nahe Gütersloh, stundenlang davon erzählen, was »halal« und »haram« bedeuten. Und was in Sure 5, Vers 3 steht. »Verboten«, heißt es da, »ist euch der Genuss von Verendetem, Blut, Schweinefleisch und allem, worüber ein anderer Name als Allahs angerufen wurde.«
»Verboten« heißt auf arabisch »haram«. »Halal« ist das Gegenteil davon, »erlaubt«. Und aus der westfälischen Wurstfabrik Eggelbusch, die Claus Schürmann in dritter Generation leitet, karren Kühllaster jede Woche 120 Tonnen Halal-Würste. Seit ein paar Tagen sind sie nicht nur in türkischen Lebensmittelläden überall in Deutschland erhältlich, sondern unter der neuen Eggelbusch-Marke Sultana auch bei Edeka und demnächst wahrscheinlich sogar bei Aldi.
Wurst, die als halal zertifiziert werden soll, darf kein Schwein enthalten und kein Blut, keine Spur Alkohol (mit dem etwa Maschinen oder Werkzeuge gereinigt worden sind). Und die Hühner, Puten und Rinder müssen halal geschlachtet worden sein.
Für sehr strenge Muslime bedeutet das: Den Tieren muss bei vollem Bewusstsein die Kehle durchgeschnitten werden, damit sie rasch ausbluten. Töten ohne Betäubung aber widerspricht in Deutschland dem Tierschutz, weshalb sich vor sieben Jahren das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe mit dem »Schächten« beschäftigen musste. Seither ist es in Ausnahmefällen unter strikten Auflagen erlaubt.
Nun gibt es Muslime, die das nicht ganz so streng sehen. Für sie ist es auch halal, wenn Hühner vor dem Durchschneiden der Kehle mit Lachgas betäubt werden und Rinder mit einem Bolzenschuss ins Kleinhirn.
Und die Anrufung Allahs? Der Muslim, dem die Tötung aller Lebewesen verboten ist, bittet den Schöpfer damit um die Erlaubnis, ein Tier zu schlachten. Dabei wendet er sich nach Mekka und setzt das Messer an. Liberalen Rechtsgelehrten reicht es, wenn das Hühner-Schlachtband nach Mekka ausgerichtet ist und ein Imam ein Gebet spricht, während er den Startknopf drückt.
So wie bei der Firma Sadia in Südbrasilien, von der Claus Schürmann all die Puten und Hühner bezieht, die Eggelbusch verarbeitet. Ausschließlich halal geschlachtetes Geflügel übrigens, auch für jene Eggelbusch-Geflügelwurst, die nicht das Halal-Siegel trägt. Denn weder im Geschmack noch im Preis unterscheiden sich halal geschlachtete Puten und Hähnchen von herkömmlichen. Eggelbusch aber erspart sich so die Errichtung und den Betrieb einer separaten Halal-Geflügel-Kühlhalle.
Die Produktion nämlich der islamisch korrekten und die der gewöhnlichen Wurstwaren muss penibel getrennt sein: eigene Cutter, Mixer, Wurstmaschinen, eigene Zwischenlager, eigene Schneide- und Verpackungslinien. Zu groß wäre die Gefahr, dass ein Fitzelchen Schweinespeck, das eigentlich für die »Eggelbusch Classic Edelsalami« bestimmt war, in der »Sultana Rindfleisch-Salami« landet. Und feststellen lässt sich Schweine-DNA mit heutigen Untersuchungsmethoden noch in winzigsten Mengen.
Mindestens einmal im Jahr erscheint Professor Doktor Mohammad Hawari, der wissenschaftliche Berater des Islamischen Zentrums Aachen, unangemeldet in Harsewinkel-Greffen und sieht sich alles genau an. Dann verlängert er das Halal-Zertifikat für Eggelbusch um ein Jahr.
Begonnen hat das alles vor 14 Jahren, als noch Claus Schürmanns Vater der Chef von Eggelbusch war. Da interessierte sich ein türkischer Großhändler eines Tages für eine größere Lieferung Putenwurst aus Harsewinkel. Bedingung: ein Halal-Siegel und türkische Beschriftung. Zwei Jahre später versuchten es die Schürmanns mit einer eigenen Halal-Marke: »Schürtürk«. Aber niemand hatte ihnen gesagt, dass sich dieser Name für Türken nun wirklich nicht sehr türkisch las. Und so steigerten sie ihre Halal-Produktion im Lauf der Zeit zwar auf 23 Prozent des Gesamtabsatzes, den größten Teil davon aber verkaufte bisher die Firma Baktat, ein Marktführer für türkische Feinkost in Deutschland, Frankreich, Skandinavien und Großbritannien.
In all diesen Ländern ist der gleiche Trend zu erkennen: Migranten der zweiten und dritten Generation kaufen Produkte, die zu ihrer kulturellen Identität passen wie zum westlichen Lebensstil. Halal-Wurst geht – wenn sie aus Rind- oder Geflügelfleisch besteht. Lammwurst dagegen ist kaum gefragt. Denn Lammfleisch mag der durchschnittliche junge Deutschtürke genauso wenig wie der durchschnittliche Deutschdeutsche.
In Harsewinkel-Greffen läuft die Produktion in diesen Tagen auf Hochtouren. Nicht nur die Fleischwurst, die Salami und die Knoblauchwurst der neuen Eigenmarke Sultana müssen in ausreichender Menge in die Läden. Am 21. August beginnt der Fastenmonat Ramadan.
Und auch das hat Claus Schürmann längst gelernt: Während des Ramadans kann er doppelt so viel Halal-Wurst verkaufen wie während des übrigen Jahres. Denn jeden Abend, wenn die Sonne untergegangen ist, darf der gläubige Muslim nach Herzenslust zulangen. Und das tut er dann auch.
- Datum 10.07.2009 - 14:33 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf mehreren Seiten lesen
- Quelle DIE ZEIT, 09.07.2009 Nr. 29
- Kommentare 1
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




Es ist doch doppelzüngig einerseits hier diese grauenhaften Schlachtmethoden zu verbieten und gleichzeitig den Import solchen Fleisches zu erlauben.
Die Argumentation das es ja garnicht anders schmecke und dementsprechend auch in nicht-halal gekennzeichneten Produkten enthalten drin und garnicht auffallen würde ist meiner Meinung nach widerlich und hinterhältig.
Widerlich weil so mehr dieses Fleisches importiert wird als nötig und so unnötig mehr Tiere leiden müssen , und hinterhältig weil man den Menschen nicht die Möglichkeit geben will dies aufgrund der Kennzeichung als solches zu erkennen und abzulehnen.
Auf die Worte der Konzernleitung das natürlich alle Tiere vorher betäubt würden kann man nicht viel geben , hier geht es um Geld und warum sollten Schlachter etwas für Betäubungsmittel ausgeben wenn es auch ohne geht und man am anderen Ende der Welt sitzt.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren