Bubububub. Kann jedes Kind. Dadadada! Dada ist keine Kunst, sondern angeboren. Erwachsene fürchten sich nicht selten vor Gedichten, finden Sprache in Versen schwierig, halten Lyrik für eine Erinnerung an quälende, endlose Schulstunden. Kinder lieben Gedichte.

Kinder experimentieren mit Lauten, schon mit ein paar Monaten. Sie plappern, blubbern, zischen, verstehen Rhythmus und Reim, Witz, Assoziationen, Kinder haben ein Gespür für das Ursprüngliche in der Sprache, bevor sie ihren Sinn verstehen oder auch nur verstehen wollen. Weshalb es ein Glück ist, dass Kinderbuchverleger unerschrocken neue Lyrikbücher drucken, und kein Zufall, dass die Münchner Internationale Jugendbibliothek ihren 60. Geburtstag in der letzten Woche mit einem Lyrikfest feierte.

Die Internationale Jugendbibliothek ist selbst so eine Art von Gedicht. Ein Schloss an einem See. Auf dem See Enten, über dem Dach zipfelige Türmchen. Eine Festung für Bücher! Die Jugendbibliothek ist Gestalt gewordene Utopie. Sie verdankt sich einer deutschen Jüdin, Jella Lepman, die schon 1945 aus dem Exil zurückkam, um einen Neuanfang zu befördern. Kinder, glaubte Lepman, seien am besten befähigt, die zerbombte, verwirrte Welt wieder ins Lot zu bringen – sofern man ihrer Fantasie Raum gebe. Etwa in einer Bibliothek. Das war 1949, und nun treffen jedes Jahr bis zu 100.00 Kinderbücher aus aller Welt auf der Blutenburg ein, kostenlos übrigens. Sie ergänzen eine Sammlung, die Forscher aus aller Welt anlockt, 600.000 Bände in 130 Sprachen und aus vier Jahrhunderten. Es gibt hier 250 Übersetzungen von Alice im Wunderland. Es ist weltweit die größte Jugendbibliothek, inmitten der weltweiten Krise wirkt sie wie eine Festung der Heiterkeit.

Ein Rapper steht auf der Festtagsbühne. Worte poppen, zischen, flutschen, Hände wedeln, Arme fliegen. Wenn Andrew Fusek Peters in seinem England auftritt, jubeln Tausende ihm zu. Peters ist ein 204 Zentimeter langes Kultsubjekt, »does being tall help writing poetry?«, wollen die Fans wissen. Nun, Länge schadet wohl nicht. Wasserzyklus/Rhythmisches Gedicht für mehrere Stimmen: »Hot sun soak er up / Cold cloud spit her out / With a shout of thunder / How she falls / Falls asleep, lies deep…«

Sprachbilder haben Töne, manchmal auch Farben, jemand wie Lionel le Néouanic, Bretone, Perkussionist, Solokünstler, verwendet Kuhfladengesichter, Brotfiguren, Rostflächen und gelegentlich Farbe, Tusche, Kreide, damit Wort und Bild zueinanderkommen, »ich bin ein Instrument des Bildes, um einen Text zu produzieren«, erklärte er sein mutiges Buch über das Nette, das Böse. (Gentil-Méchant. Textes et images; Éditions du Seuil 2003). Gegensätzlich arbeitet Klaus Ensikat, dessen feinst schraffierte, vorsichtig kolorierte Zeichnungen, wie in der großen Münchner Ausstellung zum Verhältnis Bild und Illustration zu sehen war, dem Text mit einer anderen, tiefen Dimension dienen. Betrachtung des Schneckengedichtes von Busch: Es hat einen Bauernhof zur Seite bekommen.

Weshalb wohl ist da ein von Sonne und Regen zernagter Holzgiebel? Ensikat lacht, er denkt an seinen Osten, »Ruinen schaffen ohne Waffen«, spottet er. Aber erinnert das Bild, aus dem eine Frau hinter dem Garten nach rechts abgeht, nicht an die Kulissen der flämischen Meister? Na klar, sagt Ensikat. Die habe Busch doch so bewundert. Weshalb man das Bild auch als kollegiale Geste verstehen kann, eine, die durch das Gewirr eines Jahrhunderts hinweg reicht.

»Gedichte zwingen das Chaos in Form«, sagt Jutta Richter, deren Mutter abends Gedichte vorlas, ein Takt, ein Rhythmus, der sich dem Kind als die schönsten, wichtigsten Momente des Tages eingeprägt hat. Jutta Richter wird im August den Gedichtband Am Himmel hängt ein Lachen veröffentlichen, Stegreifverse, damit wird die neue Lyrikreihe des Boje Verlages schon auf fünf Bände angewachsen sein. »Gedichte für neugierige Kinder« hat erst im Februar Der Papagei, die Mamagei und andere komische Tiere von Mascha Kaléko herausgegeben, was sich innerhalb von fünf Monaten 2500-mal verkaufte. Das mag an dem frechen Tiefsinn dieser Tiergedichte liegen oder an den Zeichnungen von Verena Ballhaus, sparsame, auf Witz reduzierte Lichtblicke in Gelb. Das Vorbild für die Reihe, erklärt der Herausgeber Uwe-Michael Gutzschhahn, sei die vergriffene Lyrik-Edition des Ravensburger Verlages, der vor 20 Jahren Gedichte von Friederike Mayröcker oder Oskar Pastior für Kinder verlegte und einen Ernst-Jandl-Band 40.000-mal verkaufte. Es geht doch! Amelie Fried hat vor drei Jahren die Anthologie Ich liebe dich wie Apfelmus. Schönste Gedichte für Kleine und Große herausgegeben (cbj, 16,95 €), die gibt es immer noch.