Kapitalismuskritik Schluss mit dem Theater!
Wolfgang Engler rät inmitten der Krise zur Aufrichtigkeit und predigt uns den Mut vergangener Epochen

© Andreas Rentz / Getty Images
Demonstranten protestieren gegen die Auswirkungen der Finanzkrise
Mitmenschlichkeit, Aufrichtigkeit und Optimismus des 18. Jahrhunderts sind uns heute suspekt. Der Verzicht auf die nützliche Lüge wirkt naiv. Die Scheu vor Verstellung scheint unzeitgemäß. Doch es ist noch nicht lange her, dass Dichter die Unverstelltheit zum Ideal erhoben. Nicht etwa mit einer schnöden List, die sich anböte, entweicht Goethes Iphigenie aus den Armen des Königs Thoas, sondern mit einer »unerhörten Tat«: Sie beichtet ihm die Fluchtpläne, die für ihre Heimkehr nach Griechenland geschmiedet wurden, sie appelliert an seine Menschenfreundlichkeit. Er möge sie freiwillig gehen lassen. Und die Herzenssprache, gegen alle Wahrscheinlichkeit, fruchtet. »Lebt wohl«, sagt Thoas, der Mächtige, der sich schließlich aufopfert und seine Interessen zurückstellt. Damit endet das Stück.
»Rhetorik«, schreibt Goethe in seinen Maximen und Reflexionen, »verfolgt ihre Zwecke und ist Verstellung von Anfang bis Ende.« Das klingt uns heute reichlich fremd. Zunehmender Konkurrenz ausgesetzt und trotz der fiebrigen Selbsterkundung beim Psychiater oder in Yogagruppen, die den Beichtgang abgelöst haben, gehen wir heute, sei es in der Werbung, im Berufsalltag, in Medien, selbst noch in unseren Liebesbeziehungen, grundsätzlich von instrumenteller Kommunikation aus. Wir wittern allerorts Betrug, wir huldigen der antihumanistischen, der Kleistschen Überzeugung, das Leben sei aristokratische Verstellungskunst, sei ein »Kampf«, den man »tausendgliedrig … nach allen Widerständen, Drücken, Ausweichungen und Reaktionen, empfindet und spürt«. Es gelte, sich durchzusetzen, qua geschickter Rhetorik im »Gespräch«, erst recht aber in einer »Schlacht«.
Es scheint, als habe der allerneueste Kapitalismus Verhaltensmuster der höfischen Welt kalt beherzigt, die es im 18. Jahrhundert durch ein empfindsames Ethos der Aufrichtigkeit zu desavouieren galt: Es regiere die Verstellungskunst, die Intrige, das Falschspiel! Die jüngsten Entdeckungen sind gewaltig und traurig: Spekulanten haben die Macht ergriffen und Produktion zum lästigen Umweg der Gewinnmaximierung degradiert. Mit erstaunlichem Mut zur Verdunkelung mischte man sichere und unsichere Kredite und reichte sie weiter. Bis der Schwindel aufflog. Bis das Risiko des Spielers beim sogenannten Endverbraucher landete, der sich heute mit Arbeitslosigkeit, Schulden, drohender Inflation konfrontiert sieht.
Man kann die Krise einerseits als Versagen der Eliten erklären, die ihr humanistisches Erbe verachtet, sich entbürgerlicht haben, wie es zuletzt nur die sozialistischen vermocht hatten. Man kann, und dies klingt natürlich weitaus raffinierter, von einem naturgesetzlichen Prozess sprechen, wie es vor wenigen Tagen etwa die Süddeutsche Zeitung in ihrem Feuilleton getan hat. Moralische Anklagen seien albern und verlogen, die Exzesse und ihre Folgen seien »logisches Produkt des ökonomischen Systems«. Nun ist das Argument fehlender Handlungsspielräume seit je eine Position marxistischer Kapitalismuskritik. Verantwortlichkeiten zu benennen, Risiken durch Regulierungen der Märkte einzudämmen, überhaupt: mit Moral zu kommen sei sozialdemokratisches Weicheiertum, ein Verblendungszusammenhang, den man, kühl lächelnd, als naiv bezeichnen dürfe.
Es mag an der sozialistischen Naherfahrung des ostdeutschen Soziologen Wolfgang Engler liegen, dass er sich systemischen Argumenten, die menschliche Schuld exkludieren, verweigert. Er optiert angesichts der Weltwirtschaftskrise in seinem neuen Buch Lüge als Prinzip mit waghalsigem Rückgriff auf das 18. Jahrhundert für Aufrichtigkeit. »Wie schlicht!«, ist der erste, reflexhafte Gedanke, der einen überfällt. Wie naiv, rührend, wie realitätsblind und moralinsauer muss ein Autor doch sein, ausgerechnet den überspannten Optimismus der Aufklärung, die durch allerlei tragische Häutungen gegangen ist, uns aufgewärmt zu präsentieren! Auf zweihundert Seiten wird tatsächlich der Versuch unternommen, die derzeitige Krise mit einer empfindsamen Geselligkeitskultur zu konfrontieren, mit dem kulturgeschichtlichen Phantasma einer natürlichen Sprache, mit dem Glauben an einen unverstellten Körperausdruck, der bis in die theatertheoretischen und ästhetischen Konzepte der Weimarer Klassik – vor allem in die Anmutsvorstellung Schillers – hineinwirkte.
Ein Buch also, das weite geistesgeschichtliche Bögen spannt. Es changiert halsbrecherisch zwischen der höfischen Kultur und der Gesinnung heutiger Bankmanager, zwischen Missbrauch von menschlicher Vertrauensfähigkeit im Sozialismus und dem hehren Wahrhaftigkeitskult der Empfindsamkeit, um wiederzufinden, was verloren scheint: ein Reich zweckfreier, anmutiger Kommunikation.
Engler weiß sehr genau um die Kühnheit seines Unternehmens. Nichts scheint, auch methodisch, abgestandener: Hatte doch der linguistic turn in den Geisteswissenschaften den Blick dafür geschärft, dass Bezeichnetes und Bezeichnendes, Wirklichkeit und Sprache weit auseinanderklafften, hatte doch Niklas Luhmann behauptet, dass moderne Gesellschaften auf »Entmoralisierung« ihrer zentralen Funktionssysteme beruhten, dass sie sich entkoppelt hätten vom »ganzen Menschen« und seinem »Seelenbrei«.
Englers Traktat ist von einem großen und traurigen »Trotzdem«, einem »Ja, aber« derlei sprach- und moralskeptischen Positionen gegenüber beseelt, ohne hinter ihre Erkenntnisse zurückzufallen. Er eilt unterhaltsam durch die sprachskeptischen Positionen seit der Antike, die im 18. Jahrhundert in scharfe Hofkritik münden, in die Verachtung der Schminke, der Turmfrisuren und galanten Verführer, in Abscheu gegenüber den »Fesseln der Künstelei und der Mode« (Schiller). Der Wunsch, Aufrichtigkeit zu bekunden, führte bisweilen zu albernen Praktiken: Wurde im empfindsamen Jahrhundert für wenige Wochen voneinander Abschied genommen, mussten Tränen fließen. Es waren peinliche Auftritte, ein ewiges Herzen und Drücken. Wortreich die Briefe mit zahlreichen »Achs« und Klagebekundungen. Liebe ohne Begehren war das Ziel, Transparenz im Umgang, ein bürgerliches Theater der schönen Gefühle wurde errichtet. Doch es musste pädagogisch verführen, obgleich es nicht verführen durfte. Aufrichtigkeitspostulate mündeten unausweichlich in Paradoxien. Unerträglich war dem 18. Jahrhundert der Gedanke, dass »zwischen dem, was ein Mensch darstellt, zwischen seiner Erscheinung, und dem, was er ist, seinem Wesen, ein Riss klafft« (Hartmut Böhme).
- Datum 17.07.2009 - 14:34 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 09.07.2009 Nr. 29
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Der Artikel liest sich wie ein süffiger Wein. Dafür ist Herr Soboczynski schließlich auch bekannt. Gut klingt noch im Ohr, der Aufruf zu mehr Elitismus unter deutschen Intellektuellen - zumal im vom Proleten-Blogger-Kult verseuchten Raum des Internets.
Nun also das Zitat eines avangardistischen Vorschlags, der so alt ist, dass man sich wenigstens an Rousseaus Preisschrift erinnert fühlt. Fälschlicherweise wird dieser heute oft mit dem Slogan "Zurück zur Natur" assoziiert, obwohl Rousseau selbst vehement darauf bestand, dass das Rad der Zivilisationsgeschichte nicht zurückzudrehen sei.
Dieser Einsicht widersprucht nun unser Autor mit Verweis auf Wolfgang Engler. Seine scharfe Zunge soll zwar hier und da dem Zweifel noch ein Einfallstürchen offen halten - im Ganzen aber ist klar: Die Sitten, die sind verkommen, und mit ihnen die schöne, ehemals soziale, Marktwirtschaft...
Elegant wird auch dem Opponenten gleich das Marxismus-Schildchen angeklebt, indem der Naivititätsvorwurf nicht nur einmal zur Sprache kommt. Dennoch: Das Gepredigte ist naiv!
Wer der Auffassung ist, dass der Werteverfall dazu führe, dass wir Krisen wie die jüngste erleben und sich die marktwirtschaftlichen System radikalisieren, der verwechselt Ursache und Wirkung.
So sehr ich mir wünsche, dass die Unterscheidung zwischen citoyen und bourgeois wieder ins Bewusstsein träte, so sehr muss ich zugleich konstatieren: "Die Verhältnisse, sie sind nicht so."
In einer Gesellschaft, in der vom Nachwuchs als Humankapital gesprochen wird, in der Bildung "Rohstoff" ist, da wird nicht Authentizität die Zukunftsfragen lösen. Zumal: Weite Teile der Gesellschaft leben ihren egoistischen Konsumismus außerordentlich authentisch, verstellen sich dabei kein Stückchen...
siehe kommentar 2
Wer der Auffassung ist, dass der Werteverfall dazu führe, dass wir Krisen wie die jüngste erleben und sich die marktwirtschaftlichen System radikalisieren, der verwechselt Ursache und Wirkung.
Das muss Engler nicht stören. Seine These ist ja gerade, so verstehe ich Soboczynski, dass unser Wirtschaftssystem Vertrauen nicht aus sich heraus erschaffen kann. Andererseits braucht es aber Vertrauen. Also muss das Vertrauen von den Handelnden in das System eingebracht werden:
Soziale Systeme wie das Wirtschaftssystem könnten Vertrauen, auf das sie angewiesen seien, allein aus sich heraus nicht generieren, glaubt Engler. [...] Systeme, wollen sie überlebensfähig bleiben, haben das Vertrauen, das sich im Zwischenmenschlichen zu entfalten vermag, beständig zu einem »strukturellen Vertrauen« fortzuentwickeln.
siehe kommentar 2
Wer der Auffassung ist, dass der Werteverfall dazu führe, dass wir Krisen wie die jüngste erleben und sich die marktwirtschaftlichen System radikalisieren, der verwechselt Ursache und Wirkung.
Das muss Engler nicht stören. Seine These ist ja gerade, so verstehe ich Soboczynski, dass unser Wirtschaftssystem Vertrauen nicht aus sich heraus erschaffen kann. Andererseits braucht es aber Vertrauen. Also muss das Vertrauen von den Handelnden in das System eingebracht werden:
Soziale Systeme wie das Wirtschaftssystem könnten Vertrauen, auf das sie angewiesen seien, allein aus sich heraus nicht generieren, glaubt Engler. [...] Systeme, wollen sie überlebensfähig bleiben, haben das Vertrauen, das sich im Zwischenmenschlichen zu entfalten vermag, beständig zu einem »strukturellen Vertrauen« fortzuentwickeln.
"Mitmenschlichkeit, Aufrichtigkeit und Optimismus des 18. Jahrhunderts sind uns heute suspekt"
Als das gelesen habe, dachte ich an eine Satire. War es wohl auch.
siehe kommentar 2
Wer der Auffassung ist, dass der Werteverfall dazu führe, dass wir Krisen wie die jüngste erleben und sich die marktwirtschaftlichen System radikalisieren, der verwechselt Ursache und Wirkung.
Das muss Engler nicht stören. Seine These ist ja gerade, so verstehe ich Soboczynski, dass unser Wirtschaftssystem Vertrauen nicht aus sich heraus erschaffen kann. Andererseits braucht es aber Vertrauen. Also muss das Vertrauen von den Handelnden in das System eingebracht werden:
Soziale Systeme wie das Wirtschaftssystem könnten Vertrauen, auf das sie angewiesen seien, allein aus sich heraus nicht generieren, glaubt Engler. [...] Systeme, wollen sie überlebensfähig bleiben, haben das Vertrauen, das sich im Zwischenmenschlichen zu entfalten vermag, beständig zu einem »strukturellen Vertrauen« fortzuentwickeln.
... ist, dass unser System aus sich selbst heraus kein Vertrauen schafft.
Die Frage ist, ob es nicht ein Kategorienfehler ist, vom Vertrauen in ein System zu sprechen. Ich wäre der Ansicht, dass das System schon viel zu stark personifiziert wurde, um von Vertrauen darin überhaupt zu reden. Darin auch liegt der Vorwurf der Naivitität ganz grundsätzlich begründet, auf den der Autor in offensiver Verteidigung Bezug nimmt.
Vertrauen bestimmt soziale Interaktionen. Soziale Interaktionen sind Beziehungen zwischen Akteuren. Das System ist kein Akteur, es hat aber bei uns kraft seiner Strukturen dafür gesorgt, dass das Vertrauen in Akteure, die sich an seine Regeln halten (auch Regellosigkeit ist ein Strukturgeber) verloren gegangen ist. Das ist der Punkt, den ich gern betont sähe.
Es ist nicht ein Regelverstoß - etwa die Gier - einzelner gewesen, der für den gegenwärtig wirksamen Einsturz gesorgt hat, sondern die Maßregeln des Handelns, die das System selbst, freilich gestützt durch die Handelnden, generiert hat.
Es ist ja nicht so, als sei der Sparkassenvorsteher, der mir noch vorgestern Wertpapiere verkauft hat, die heute nichts mehr wert sind, kraft seiner Persönlichkeit bei mir in Ungnade gefallen. Er hat das getan, was seinem Posten angemessen war: Er war um Profit seines Unternehmens bemüht und dabei die Risiken abzuwägen gehabt, die diesen Profit befördern würden. Hätte er sich konservativer verhalten, darf man bis drei zählen und sich fragen, wie lange er den Posten behalten hätte.
Deswegen: Wer mit moralischen Kategorien argumentiert, der ist - insbesondere soziologisch - auf einem, dem Auge der Zusammenhänge, blind. Soziale Räume und Interaktionsverhältnisse, als die auch ein Wirtschaftsganzes begriffen werden kann, leben nicht davon, dass vogelfreie, autonome Monaden-Subjekte tun und lassen, was sie eben gerade wollen. Die Felder bestimmen Handlungsmuster, belohnen sie und sanktionieren andere. Die Muster kann man nicht ändern, ohne die Felder zu ändern.
Und wenn es die Systematik des Feldes ist, Handlungen nicht nur zu erlauben, sondern zu befördern, die das Vertrauen zwischen den Handelnden verunmöglichen - jeder ist dem andern jederzeit Konkurrent und Halsabschneider -, dann kann es keine Rettung durch Vertrauensedikt geben.
... ist, dass unser System aus sich selbst heraus kein Vertrauen schafft.
Die Frage ist, ob es nicht ein Kategorienfehler ist, vom Vertrauen in ein System zu sprechen. Ich wäre der Ansicht, dass das System schon viel zu stark personifiziert wurde, um von Vertrauen darin überhaupt zu reden. Darin auch liegt der Vorwurf der Naivitität ganz grundsätzlich begründet, auf den der Autor in offensiver Verteidigung Bezug nimmt.
Vertrauen bestimmt soziale Interaktionen. Soziale Interaktionen sind Beziehungen zwischen Akteuren. Das System ist kein Akteur, es hat aber bei uns kraft seiner Strukturen dafür gesorgt, dass das Vertrauen in Akteure, die sich an seine Regeln halten (auch Regellosigkeit ist ein Strukturgeber) verloren gegangen ist. Das ist der Punkt, den ich gern betont sähe.
Es ist nicht ein Regelverstoß - etwa die Gier - einzelner gewesen, der für den gegenwärtig wirksamen Einsturz gesorgt hat, sondern die Maßregeln des Handelns, die das System selbst, freilich gestützt durch die Handelnden, generiert hat.
Es ist ja nicht so, als sei der Sparkassenvorsteher, der mir noch vorgestern Wertpapiere verkauft hat, die heute nichts mehr wert sind, kraft seiner Persönlichkeit bei mir in Ungnade gefallen. Er hat das getan, was seinem Posten angemessen war: Er war um Profit seines Unternehmens bemüht und dabei die Risiken abzuwägen gehabt, die diesen Profit befördern würden. Hätte er sich konservativer verhalten, darf man bis drei zählen und sich fragen, wie lange er den Posten behalten hätte.
Deswegen: Wer mit moralischen Kategorien argumentiert, der ist - insbesondere soziologisch - auf einem, dem Auge der Zusammenhänge, blind. Soziale Räume und Interaktionsverhältnisse, als die auch ein Wirtschaftsganzes begriffen werden kann, leben nicht davon, dass vogelfreie, autonome Monaden-Subjekte tun und lassen, was sie eben gerade wollen. Die Felder bestimmen Handlungsmuster, belohnen sie und sanktionieren andere. Die Muster kann man nicht ändern, ohne die Felder zu ändern.
Und wenn es die Systematik des Feldes ist, Handlungen nicht nur zu erlauben, sondern zu befördern, die das Vertrauen zwischen den Handelnden verunmöglichen - jeder ist dem andern jederzeit Konkurrent und Halsabschneider -, dann kann es keine Rettung durch Vertrauensedikt geben.
diesen Teilsatz mit Anführungszeichen zu versehen. Dachte dann aber, dass die ironische Distanzierung auch so aus der Formulierung spräche.
... ist, dass unser System aus sich selbst heraus kein Vertrauen schafft.
Die Frage ist, ob es nicht ein Kategorienfehler ist, vom Vertrauen in ein System zu sprechen. Ich wäre der Ansicht, dass das System schon viel zu stark personifiziert wurde, um von Vertrauen darin überhaupt zu reden. Darin auch liegt der Vorwurf der Naivitität ganz grundsätzlich begründet, auf den der Autor in offensiver Verteidigung Bezug nimmt.
Vertrauen bestimmt soziale Interaktionen. Soziale Interaktionen sind Beziehungen zwischen Akteuren. Das System ist kein Akteur, es hat aber bei uns kraft seiner Strukturen dafür gesorgt, dass das Vertrauen in Akteure, die sich an seine Regeln halten (auch Regellosigkeit ist ein Strukturgeber) verloren gegangen ist. Das ist der Punkt, den ich gern betont sähe.
Es ist nicht ein Regelverstoß - etwa die Gier - einzelner gewesen, der für den gegenwärtig wirksamen Einsturz gesorgt hat, sondern die Maßregeln des Handelns, die das System selbst, freilich gestützt durch die Handelnden, generiert hat.
Es ist ja nicht so, als sei der Sparkassenvorsteher, der mir noch vorgestern Wertpapiere verkauft hat, die heute nichts mehr wert sind, kraft seiner Persönlichkeit bei mir in Ungnade gefallen. Er hat das getan, was seinem Posten angemessen war: Er war um Profit seines Unternehmens bemüht und dabei die Risiken abzuwägen gehabt, die diesen Profit befördern würden. Hätte er sich konservativer verhalten, darf man bis drei zählen und sich fragen, wie lange er den Posten behalten hätte.
Deswegen: Wer mit moralischen Kategorien argumentiert, der ist - insbesondere soziologisch - auf einem, dem Auge der Zusammenhänge, blind. Soziale Räume und Interaktionsverhältnisse, als die auch ein Wirtschaftsganzes begriffen werden kann, leben nicht davon, dass vogelfreie, autonome Monaden-Subjekte tun und lassen, was sie eben gerade wollen. Die Felder bestimmen Handlungsmuster, belohnen sie und sanktionieren andere. Die Muster kann man nicht ändern, ohne die Felder zu ändern.
Und wenn es die Systematik des Feldes ist, Handlungen nicht nur zu erlauben, sondern zu befördern, die das Vertrauen zwischen den Handelnden verunmöglichen - jeder ist dem andern jederzeit Konkurrent und Halsabschneider -, dann kann es keine Rettung durch Vertrauensedikt geben.
Man möchte dem zweifelsohne modernen Ansatz, den sie vertreten, ja folgen, aber die Verantwortung des Einzelnen kommt dabei doch etwas zu kurz.
Das entstandene Problem einzelnen Akteuren anzulasten ist sicher auch nicht die Lösung, zumal man aus dem Umgang mit der NS - Zeit weiss, dass im Nachhinein die Elite, später der engste Führungskreis, schließlich nur Hitler selbst am Desaster schuld sein sollte - denn eigentlich wollte es ja niemand gewesen sein.
Das ist so ein Paradigma, das sich auch in der Bankenkrise finden lässt. Erst die Investmentleute, dann die Kundenberater, schließlich Ackermann und Co.
Mit einer Theorie über das System lässt sich die Lage anders erklären.
Dennoch meine ich, dass es nicht legitim war, das Spiel mitzuspielen, wenn man die Ausmaße kannte. Es hat doch auch Aussteiger gegeben, wie z. b. jenen britischen Investmentbanker, der sich mit Berichten über die Praxis der Branche an die Öffentlichkeit wandte.
Letztlich wissen die am System beteiligten immer mehr als sie zugeben.
Und hat Soziologe Welzer nicht auch von den "shifting baselines" gesprochen, die das Erkennen moralisch eingenommener Grundlinien früherer Zeiten schwierig machen?
Ich meine, dass der Einzelne - insofern er sich als Individuum versteht - Handlungsoptionen wahrnehmen müsste. Dafür muss man nicht bis in die Aufklärung zurückgehen, dafür reicht ein Blick auf Hannah Arendts Handlungstherorie.
Man möchte dem zweifelsohne modernen Ansatz, den sie vertreten, ja folgen, aber die Verantwortung des Einzelnen kommt dabei doch etwas zu kurz.
Das entstandene Problem einzelnen Akteuren anzulasten ist sicher auch nicht die Lösung, zumal man aus dem Umgang mit der NS - Zeit weiss, dass im Nachhinein die Elite, später der engste Führungskreis, schließlich nur Hitler selbst am Desaster schuld sein sollte - denn eigentlich wollte es ja niemand gewesen sein.
Das ist so ein Paradigma, das sich auch in der Bankenkrise finden lässt. Erst die Investmentleute, dann die Kundenberater, schließlich Ackermann und Co.
Mit einer Theorie über das System lässt sich die Lage anders erklären.
Dennoch meine ich, dass es nicht legitim war, das Spiel mitzuspielen, wenn man die Ausmaße kannte. Es hat doch auch Aussteiger gegeben, wie z. b. jenen britischen Investmentbanker, der sich mit Berichten über die Praxis der Branche an die Öffentlichkeit wandte.
Letztlich wissen die am System beteiligten immer mehr als sie zugeben.
Und hat Soziologe Welzer nicht auch von den "shifting baselines" gesprochen, die das Erkennen moralisch eingenommener Grundlinien früherer Zeiten schwierig machen?
Ich meine, dass der Einzelne - insofern er sich als Individuum versteht - Handlungsoptionen wahrnehmen müsste. Dafür muss man nicht bis in die Aufklärung zurückgehen, dafür reicht ein Blick auf Hannah Arendts Handlungstherorie.
Eine kommende Literatur könnte eine sein, in der die Gefühle der Charaktere vollständig mit den Situationen, in denen sie sich befinden, verschmelzen. Was wäre wenn uns wirklich deutlich würde, dass wir das Leben lesen und übersetzen - beständig - wie ein geheimnisvolles Buch? Was wenn wir wirklich erkennen würden, dass diese Arbeit der Übersetzung (Neu-Definition von Arbeit) uns im gleichen Maße mit unserem innersten Selbst und der Wirklichkeit verbindet?
Die Erkundung der Welt die uns umgibt führt uns hin bis zur Erkenntnis der wahren Aufgabe, die wir in dieser haben. Doch dieses Erkunden ist eben nichts anderes als ein Deuten der Zeichen und Symbole die uns umgeben. Durch diesen Vorgang der Übersetzung, in dessen Verlauf Phantasien, Obsessionen und Trugschlüsse sich uns aufdrängen, bis wir uns zu einer stimmigen Übersetzung durchgearbeitet haben, versöhnen wir uns vollständig mit der Welt die uns umgibt. Zudem können wir während wir an dieser Übersetzung arbeiten beobachten wie wir ständig damit beschäftigt sind die Geschichte unseres Lebens etwas anders zu erzählen und zurechtzulegen. Dabei wirkt sich jede kleine Entdeckung über uns, die wir bewusst machen, auf alle anderen Bewusstseinsinhalte von uns aus.
Die Geschichte all solcher Übersetzungen erzählt davon wie wahre Schönheit immer an den unerwartetsten Stellen auftaucht.
Jeder von uns steht vor der selben Aufgabe etwas über sich aus den Erkundungen seiner Umwelt herauszulesen was für sich dastehen - das ganz für sich existiert und nur uns und unser Leben betrifft. Wenn wir das erkennen, können wir auch wahre Empathie mit all unseren Mitmenschen erfahren. Dies ist unsere eigentliche Arbeit und heilige Pflicht als Menschen.
Für die Literatur ist dies die nächste große Herausforderung: Eine Engführung zwischen diesem beständigen Übersetzen und einem Handlungsablauf im Alltagsleben darzustellen. Schriftsteller etwa wie Amy Hempel und David Treuer haben ja schon begonnen, sich dieser Herausforderung zu stellen. Was bedeutet es aber, wenn die Menschen wirklich dahin kommen die Übersetzungen anderer Menschen, aller Menschen, lesen zu können? Wir werden es sehen. Es ist jedenfalls unserer lebendiger Kontakt mit anderen Menschen und unsere Übersetzungen von ihnen, was uns schließlich dazu bringt immer singulärer, immer mehr wir selbst zu werden.
Man möchte dem zweifelsohne modernen Ansatz, den sie vertreten, ja folgen, aber die Verantwortung des Einzelnen kommt dabei doch etwas zu kurz.
Das entstandene Problem einzelnen Akteuren anzulasten ist sicher auch nicht die Lösung, zumal man aus dem Umgang mit der NS - Zeit weiss, dass im Nachhinein die Elite, später der engste Führungskreis, schließlich nur Hitler selbst am Desaster schuld sein sollte - denn eigentlich wollte es ja niemand gewesen sein.
Das ist so ein Paradigma, das sich auch in der Bankenkrise finden lässt. Erst die Investmentleute, dann die Kundenberater, schließlich Ackermann und Co.
Mit einer Theorie über das System lässt sich die Lage anders erklären.
Dennoch meine ich, dass es nicht legitim war, das Spiel mitzuspielen, wenn man die Ausmaße kannte. Es hat doch auch Aussteiger gegeben, wie z. b. jenen britischen Investmentbanker, der sich mit Berichten über die Praxis der Branche an die Öffentlichkeit wandte.
Letztlich wissen die am System beteiligten immer mehr als sie zugeben.
Und hat Soziologe Welzer nicht auch von den "shifting baselines" gesprochen, die das Erkennen moralisch eingenommener Grundlinien früherer Zeiten schwierig machen?
Ich meine, dass der Einzelne - insofern er sich als Individuum versteht - Handlungsoptionen wahrnehmen müsste. Dafür muss man nicht bis in die Aufklärung zurückgehen, dafür reicht ein Blick auf Hannah Arendts Handlungstherorie.
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