Martenstein "Deutschland sucht die Supernull"
Unser Kolumnist fährt Cabrio und lässt sich dabei beschimpfen
Ich bin, falls stimmt, was ich in letzter Zeit höre, ein Arschloch, ein Blinder, eine blöde Sau, eine blinde Sau, der letzte Depp, wo rumläuft, der Sieger von Deutschland sucht die Supernull sowie ein Pfeifenzeisig.
Vor einiger Zeit habe ich mir ein neues gebrauchtes Auto gekauft, es ist ein Cabrio. Ich weiß, dass ein Cabrio auf manche Leute provozierend wirkt, ein Cabrio sieht nach reichem Nichtstuer aus, nach Baywatch und Saint-Tropez. Dies ist sehr ungerecht. Mein Cabrio war nicht teuer. Ich bin berufstätig, krankenversichert, lese Bücher und alles. Ich bin wie du, kein bisschen anders. Nun, hin und wieder genieße ich das Leben. Für das ZEITmagazin durfte ich in der Vergangenheit einige Male Autos testen, die Kollegin, die für die Verteilung der Automobile zuständig ist, hat mir immer Cabrios gegeben, ich fand das Gefühl super. Offenbar bin ich der Cabriotyp. Wenn dies mein Schicksal ist, dann nehme ich es an.
Oft, wenn ich an der Ampel stehe oder langsam fahre, gleiten andere Autos an mich heran, leise, wie Krokodile in einem Tierfilm, die Fenster stehen offen oder werden geöffnet, und die Fahrer beschimpfen mich auf eine Weise, wie ich im Leben niemals beschimpft worden bin. Ich habe Menschen Schlechtes getan, das gebe ich zu, ich war ungerecht, unbeherrscht und selbstsüchtig, die meisten Menschen haben dies mehr oder weniger schweigend hingenommen. Nun reden sie. Das Schlimmste ist, dass ich mich niemals verteidigen kann, ich kann auch nicht zum Gegenangriff übergehen, nicht dass ich keine Schimpfwörter wüsste oder dass in meinen Adern Wasser flösse, zur Aggression bin auch ich fähig. Aber nach der Beschimpfung fahren sie sofort ihre Scheiben wieder elektrisch hoch und geben Gas. Ich habe kein einziges Mal eine Beschimpfung erwidern dürfen! Ich bin Zidane. Aber Materazzi läuft einfach weg.
Über diesen Aspekt des Cabriofahrens spricht niemand, ich war nicht vorbereitet. Als ich die Test-Cabrios fuhr, ist es seltsamerweise niemals vorgekommen, ich habe beim Testen offenbar anders ausgesehen, ich habe nicht mit dieser provozierenden Selbstverständlichkeit am Steuer gesessen. Anlass der Beschimpfung ist meistens eine kleine Regelwidrigkeit. Ich habe eine Sekunde zu spät geblinkt, ich gebe beim Umspringen der Ampel auf Grün nicht sofort Gas, ich fahre mit Tempo 58, obwohl Tempo 60 erlaubt ist. Es kommt aber auch vor, dass gar nichts war. Nichts war gewesen, wie man in Berlin sagt, ich sitze bloß an der Ampel im Cabrio, höre Peter Fox, singe "Berlin, du kannst so schrecklich sein, deine Ampelphasen fressen mich auf", die Sonne scheint, neben mir fährt die Scheibe hinunter, eine Stimme bellt: "Penner! Vogel! Sackgesicht!"
Es sind immer Männer. Ihr Motiv ist nicht Sozialneid, oder nicht nur, ich bin auch schon aus einem Porsche und sogar aus einem Hummer heraus beschimpft worden. Es ist, weil ich mich nicht wehren kann, weil ich offen bin, ein offenes Angebot für Männer, die wütend sind. Bestimmt habe ich eine sozialhygienische Funktion. Weil ich in Berlin herumfahre, gibt es weniger Schlägereien, weniger Überfälle, weniger Ehedramen. Ich bin der Menschensohn, ich nehme eure Sünden auf mich, wenn ihr mühselig und beladen seid, kommt zu meinem Cabrio. Ich merke es schon fast nicht mehr. Ich drehe einfach die Musik lauter, ich bin blind und taub, ein blinder Depp, ich bin der Pfeifenzeisig, und das ist gut für die Gesellschaft, ohne Cabrios würden wir uns doch gegenseitig alle totschlagen.
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- Datum 03.09.2009 - 11:26 Uhr
- Serie Martenstein
- Quelle DIE ZEIT, 09.07.2009 Nr. 29
- Kommentare 7
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Also ich weiss nicht, wieso sich Herr Martenstein immer so klein macht: Nicht weil er sich beschimpfen lassen muss und lässt, sondern weil er schreibt, dass er sich ein «neues, gebrauchtes» Auto gekauft hat. Schrecklich das sich selbst herunterputzen. Ein neues, gebrauchtes Auto. Wieso denn dass? Allein für diese Kolumne hätte er doch ein Recht darauf, einen ganz neuen, offenen Schlitten geschenkt zu bekommen. Was Schickes, Protziges, seine Moral hebendes. Ein Cadillac, ein aufgemotzter Ford Thunderbird oder einen Chevrolet Corvette. Etwas in der Art. Dann könnte er durch Berlin gondeln und wenn dann an einer Ampel jemand neben ihm hält und nur schon rüberguckt, einfach denken «......»
Nach der Kolumne zur Begrüßung des Jahres 2009 (falls sich da noch jemand dran erinnern kann) ist dies die nächstbeste in diesem Jahr. Sauber!
erinnere mich nicht, aber schliesse mich an. ein klasse Stück Text!
erinnere mich nicht, aber schliesse mich an. ein klasse Stück Text!
erinnere mich nicht, aber schliesse mich an. ein klasse Stück Text!
- wundert mich eigentlich nicht, dass Du in Berlin angemeiert wirst,
ein wenig versnoppt, siehste halt aus, mit Deiner Hornbrille, der VoKuHiLa-Frisur und dem weißen Hemd -> etwas hinter unserer heutigen Zeit...
Das mag in Hamburg oder München vielleicht als schick gelten, aber
in Berlin gelten dort andere Gesetze.... (es sei denn, du kurvst in Charlottenburg herum)...
Schade, dass Du nicht geschrieben hast, was für ein Cabrio Du fährst, tippe auf AlphaRomeo, oder sowas...
Also mein Vorschlag - andere Frisur und mal nicht so doll auf Bobo (der Begriff Yuppie ist ja out...) machen und dann paßt das schon.
Tut mir leid, aber einer muß Dir mal die Augen öffnen ;-)
nee, mit einem Alfa wirst du in Berlin niemals angemeiert, denn der hat ja Seele... dazu noch ne italienische... das lieben die Berliner... aber vermutlich ist es ein süddeutsches Fabrikat mit Hardtop... und das in Kombination mit Peter Fox ist einfach zuviel gewollt.
Kleiner Tipp an Herrn Martenstein: bei offenem Verdeck Harald Juhnke hören...ich wette dann motzt selbst auf der Schönhauser keiner mehr.
Aber Martensteins Artikel is ne sehr schöne Litanei!
nee, mit einem Alfa wirst du in Berlin niemals angemeiert, denn der hat ja Seele... dazu noch ne italienische... das lieben die Berliner... aber vermutlich ist es ein süddeutsches Fabrikat mit Hardtop... und das in Kombination mit Peter Fox ist einfach zuviel gewollt.
Kleiner Tipp an Herrn Martenstein: bei offenem Verdeck Harald Juhnke hören...ich wette dann motzt selbst auf der Schönhauser keiner mehr.
Aber Martensteins Artikel is ne sehr schöne Litanei!
Interessant, dass man eins aufs Dach bekommen kann, ohne selbiges zu besitzen. Vielleicht hilft die Cabrio-Kopfbedeckung als Beschimpfungs-Schutzschild.
Ich hoffe, Herr Martenstein, Sie haben nichts dagegen, dass ich Ihren lesenswerten Artikel auf meinem Satireblog http://twitter.com/Ben_On... verlinkt habe.
Martenstein im Ausflugswagen
Lieber Martenstein, hoffentlich reichte es pekuniär für eines jener altmodischen Modelle mit klappbarem Stoffdach. Denn auf den Spuren Dubslav von Stechlins rund um Berlin, im Streusand, gehört es sich an Sonntagen und anderen Tagen die dafür gelten können, Capriolet zu fahren. - Allerdings, einen kleinen Schönheitsfehler gilt es noch unbedingt zu ändern. Gefahren sollten von einem Kutscher, Diener oder dienenden Lebensabschnittspartner umfahren werden, denn sonst gewinnt der beobachtende Mensch nicht genügend Eindrücke. Musik hören während der Fahrt, das geht schon einmal gar nicht, denn dann überhört man die "Musike" aus dem Land und ist konserviert. Unbedingt dazu gehören, passende Kleidung, Grüßhut und Stock, mit eingebautem Accessoir, wohingegen es Wackeldackel und Klopapierhut längst weg geweht hat. Das geschwärtzte Ramstein-Rückfenster gibt es nicht, nirgendwo grüßen Böhse Onkelz, nichts geht elektrisch. Getönt sind allenfalls die Gedanken, wenn leiser Schmerz und linde Trauer den Verdacht bestätigen, wir Deutsche behaupteten gerne Kultur.
Passend?
http://www.literaturbuero...
Grüße
Christoph Leusch
nee, mit einem Alfa wirst du in Berlin niemals angemeiert, denn der hat ja Seele... dazu noch ne italienische... das lieben die Berliner... aber vermutlich ist es ein süddeutsches Fabrikat mit Hardtop... und das in Kombination mit Peter Fox ist einfach zuviel gewollt.
Kleiner Tipp an Herrn Martenstein: bei offenem Verdeck Harald Juhnke hören...ich wette dann motzt selbst auf der Schönhauser keiner mehr.
Aber Martensteins Artikel is ne sehr schöne Litanei!
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