China Blutige Harmonie
Im Aufstand der Uiguren explodiert der Konflikt zwischen Moderne und Autonomie
Chinas Wirtschaft wächst sogar inmitten der größten Weltwirtschaftskrise seit 80 Jahren. Dem Land geht es vergleichsweise besser denn je. Und trotzdem knallt es gerade jetzt: Die Unruhen in der westchinesischen Provinz Xinjiang mit ihren bislang 156 gezählten Todesopfern sind der gewaltsamste innerchinesische Konflikt seit der Niederschlagung der Pekinger Studentenrevolte im Jahr 1989. Sie zeigen, dass der neue Wohlstand im Riesenreich längst nicht alle versöhnt. Besonders die westchinesischen Minderheiten, das Turkvolk der Uiguren und die Tibeter, fühlen sich diskriminiert und unterdrückt.
Doch muss man sich vor einem allzu einfachen Gut-böse-Schema hüten. Der chinesische Reformprozess der letzten dreißig Jahre ist das größte und schnellste Modernisierungsprogramm der menschlichen Geschichte. Er verlief bislang erstaunlich friedlich. In ihm kommen Uiguren und Tibeter unter die Räder. In diesem Zusammenhang sind die Gewaltausbrüche, jetzt in Xinjiang, im letzten Jahr in Tibet, zu sehen.
Es ist voreilig, die chinesischen Sicherheitskräfte zu kritisieren. Sie hatten es wie schon im letzten Jahr in der tibetischen Hauptstadt Lhasa mit gewaltbereiten Demonstranten zu tun, die ihre Wut über jahrzehntelange Demütigung und Diskriminierung abzureagieren schienen. Damals in Tibet reagierten die Sicherheitskräfte sogar eher zurückhaltend, die Diktatur in China funktioniert weitgehend ohne offensive Polizei. So könnte es auch in der uigurischen Hauptstadt Urumqi gewesen sein. Dafür spricht die Bilanz: Über 80.000 größere Aufstände und Proteste gibt es jedes Jahr in China, welche die Polizei in aller Regel gewaltlos entschärft. Tatsächlich ist es ein politisches Wunder, das von der hohen Kunst kommunistisch-konfuzianischer Konfliktbewältigung und sozusagen intelligenter Unterdrückung zeugt, dass die Entfesselung des Kapitalismus und die enormen sozialen Umwälzungen in 30 Jahren nicht von größeren Gewaltausbrüchen begleitet wurden. Vielleicht liegt die relative Friedlichkeit auch an den Exzessen von Massenmord und Gewalt, die in der Periode davor über das Land zogen.
Warum aber dann doch diese eruptive, maßlose Brutalität auf den Straßen von Urumqi? Pekings Erklärungsversuche klingen hilflos und lügenhaft. Im letzten Jahr in Tibet war es der Dalai Lama, jetzt ist es die uigurische Exilpolitikerin Rabiya Kadeer. Beide Male sollen nach Meinung Pekings die Exilbewegungen schuld an den Protesten sein. Richtig ist: Die Exilbewegungen unterstützen den Widerstand vor Ort. Sie beraten ihn per SMS und Internet. Das wurde deutlich, als die uigurischen Demonstranten am Sonntag zunächst demonstrativ chinesische Flaggen schwenkten. Die Idee dafür stammte aus der Exilbewegung. Auch soll es zeitgleich uigurische Anschläge auf chinesische Einrichtungen im Ausland gegeben haben, vermutlich auch auf das chinesische Generalkonsulat in München.
Doch Exilbewegungen können nur einen Funken schlagen. Die Gründe des Protests liegen im Inneren. In China. Mao Tse-tung wollte Uiguren und Tibeter umerziehen und scheiterte an der Tradition. Die ihm folgenden Marktreformer wollten Uiguren und Tibeter reich machen. Es war ernst gemeint, aber funktioniert hat es nicht. Statt Uiguren und Tibetern sind vornehmlich Chinesen in Xinjiang und Tibet reich geworden. Tibet wird von chinesischen Händlern und Touristikunternehmen überrollt. Xinjiang ist in der Hand eines staatlichen chinesischen Energiekartells, das nie ein Interesse an der wirtschaftlichen Entwicklung der Provinz hatte, sondern nur an der Ausbeutung ihrer Rohstoffe.
Der Markt regelt eben auch in China nicht alles, schon gar nicht, wenn er zugleich die Melkkuh der Kommunistischen Partei mit all ihrer Korruption ist. Für die staatlich verordnete Harmonie müssen viele Mandarine bedient werden, da bleibt für die Minderheiten nicht viel übrig.
Die Zumutungen der Modernisierung hingegen müssen sie durchleben. Jetzt müssen uigurische Kinder Chinesisch lernen, um überhaupt Aussichten auf eine Arbeit zu haben. Die Sinisierung verbindet – wie schon in Tibet – eine notwendige Modernisierung mit einer rabiaten kulturellen Enteignung.
Wollt ihr uns mit eurer Modernisierungsmaschine wirklich ökonomisch und kulturell vernichten?, fragen Uiguren und Tibeter. Was ein vernünftiger Ausgleich wäre zwischen Moderne und Autonomie, das kann die Zentralregierung allein weder festlegen noch wissen. Dafür wären demokratische Debatten notwendig, ein angstfreier Prozess der Verständigung. Dazu fehlt der Partei bislang die innere Größe. Das Aufbegehren von Uiguren und Tibetern ist letztlich ein vorhersehbares Ergebnis des chinesischen Modernisierungsprozesses. Noch ist es nicht zu spät für Peking, das zu begreifen.
- Datum 11.07.2009 - 08:14 Uhr
- Serie opi
- Quelle DIE ZEIT, 09.07.2009 Nr. 29
- Kommentare 141
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Das China Proteste friedlich entschärfen soll stimmt nicht!
China hat ein brutales Regime, das jeden Aufruhr im Keim erstickt. In der Regel werden regelmäßig nicht Staatstreue Regimekritiker verhaftet uns anschließend exekutiert. Das die Meisten Regimegegner dabei niemals mit Gewalt zu tun hatten, spielt eigentlich keine Rolle.
Leider hat aber die EU bislang keine Sanktionen gegen Peking unternommen. Grund dafür dürften einschlägige wirtschaftliche Interessen sein, die über die Menschenrechte gestellt werden. Die Doppelmoral der EU lässt sich an den Beziehungen zu China sehr gut erkennen.
Deswegen sollten die EU- Bürger darüber nachdenken, ob es ethisch vertretbar ist, weiterhin chinesische Produkte zu kaufen...
Endlich eine sachliche Beschreibung der Probleme in Xinjiang !
Deswegen sollten die EU- Bürger darüber nachdenken, ob es ethisch vertretbar ist, weiterhin chinesische Produkte zu kaufen...
Wie waer's mit: amerikanische Produkte meiden wegen Guantanamo, Irak usw
arabisches Oel wegen ( zuviel um aufzuzaehlen)
russiche Produkte wegen ( zuviel um aufzuzaehlen)
`
Deutsche Produkte wegen Waffenlieferungen an Birma, Afrika usw..
Wie ueblich: keine Ahnung aber eine feste Meinung und eine unerschuetterloiche bigotte Moral.
Der Westen muss kapieren: er hat ausgesch....; die Zukunft findet ohne euch statt.
Danke, @Georg Blume, für Ihre wie immer ausgewogene Sicht der Dinge.
Was mich ja brennend interessieren würde - welche westlichen Konzerne beuten eigentlich die Erdöl- und Gasvorkommen in Xianjiang aus?
Ich schließe mich dem Lob für Herrn Blume an. Das ist wirklich das Ausgewogenste und Kompetenteste, was ich zu den Vorfällen in Xinjiang bislang gelesen habe.
Es ist wichtig, auch die Erfolge der chinesischen Regierung zu würdigen. Fortschritte wurden gemacht, ganz ohne Zweifel. Und der Wermutstropfen ist nun ausgerechnet die Minderheitenpolitik. Wenn man ehrlich ist, muss man angesichts der Gewaltausbrüche in Tibet und Xinjiang zugeben, dass die Minderheitenpolitik Chinas trotz mancher guter Ansätze und Teilerfolge letztlich gescheitert ist und grundlegend geändert werden müsste.
Für mich ist die Crux die den Minderheitenvölkern vorenthaltene Autonomie. Das chinesische Gesetz garantiert den Tibetern und Uiguren ja weitreichende Selbstbestimmung. Herr Blume hat z.B. die Wirtschafts- und Siedlungspolitik angesprochen - in beiden Bereichen hätten dem Gesetz nach nur die Minderheitenvölker zu entscheiden. Peking missachtet aber das Gesetz, um eine Wirtschafts- und Siedlungspolitik nach eigenem Gutdünken durchzudrücken. Solange das so ist, werden die Konflikte auf unbestimmte Zeit weitergehen.
Ich bin etwas pessimistisch, was die Bereitschaft der chinesischen Regierung angeht, mit der Autonomie für Tibeter und Uiguren endlich ernst zu machen. Aber wenn sie es schaffte, wäre den radikalen Befürwortern der Unabhängigkeit unter Tibetern und Uiguren der Wind aus den Segeln genommen, ein gleichberechtigter Dialog zwischen Autonomen Regionen und Zentralregierung könnte sich entwickeln, der letztlich zur Stabilität Chinas beitragen würde. Ob Peking bereit ist, diese überfällige Entwicklung in Gang zu setzen und dafür einen Teil der Zentralgewalt abzugeben, ist eine entscheidende Frage.
Herr Katchou,
Sie wissen bestimmt dass das Problem mit der Autonomie der Minderheiten in der Struktur der Parteidikatur zu finden ist.In Tibet und Xinjiang regiert sowie in anderen chinesischen Provinzen die Partei.Die Kontrolle der Partei in den "Autonomen Regionen" ist sogar größer als in den reichen han-chinesischen Provinzen wie Guangdong.Und die Parteichefs in Tibet und Xinjiang sind schon immer Han-Chinesen gewesen.Offenbar traut die Partei den Minderheiten wie Tibetern und Uiguren nicht.
Was in Xinjiang angeht: Fast alle wichtigen Ressorcen dort werden von dem paramilitärischen Aufbaukorps, das von Han-Chinesen dominiert ist, und die Politik und Militär vereint, besetzt und systematisch ausgebeutet.Viele Han-Chinesische Zivilisten in Xinjiang sind deshalb in paramilitärische Einheiten unterteilt.
Eine Autonomie der Minderheiten unter diesen Bedingungen kann nicht verwirklicht werden.
Herr Katchou,
Sie wissen bestimmt dass das Problem mit der Autonomie der Minderheiten in der Struktur der Parteidikatur zu finden ist.In Tibet und Xinjiang regiert sowie in anderen chinesischen Provinzen die Partei.Die Kontrolle der Partei in den "Autonomen Regionen" ist sogar größer als in den reichen han-chinesischen Provinzen wie Guangdong.Und die Parteichefs in Tibet und Xinjiang sind schon immer Han-Chinesen gewesen.Offenbar traut die Partei den Minderheiten wie Tibetern und Uiguren nicht.
Was in Xinjiang angeht: Fast alle wichtigen Ressorcen dort werden von dem paramilitärischen Aufbaukorps, das von Han-Chinesen dominiert ist, und die Politik und Militär vereint, besetzt und systematisch ausgebeutet.Viele Han-Chinesische Zivilisten in Xinjiang sind deshalb in paramilitärische Einheiten unterteilt.
Eine Autonomie der Minderheiten unter diesen Bedingungen kann nicht verwirklicht werden.
Herr Katchou,
Sie wissen bestimmt dass das Problem mit der Autonomie der Minderheiten in der Struktur der Parteidikatur zu finden ist.In Tibet und Xinjiang regiert sowie in anderen chinesischen Provinzen die Partei.Die Kontrolle der Partei in den "Autonomen Regionen" ist sogar größer als in den reichen han-chinesischen Provinzen wie Guangdong.Und die Parteichefs in Tibet und Xinjiang sind schon immer Han-Chinesen gewesen.Offenbar traut die Partei den Minderheiten wie Tibetern und Uiguren nicht.
Was in Xinjiang angeht: Fast alle wichtigen Ressorcen dort werden von dem paramilitärischen Aufbaukorps, das von Han-Chinesen dominiert ist, und die Politik und Militär vereint, besetzt und systematisch ausgebeutet.Viele Han-Chinesische Zivilisten in Xinjiang sind deshalb in paramilitärische Einheiten unterteilt.
Eine Autonomie der Minderheiten unter diesen Bedingungen kann nicht verwirklicht werden.
Der Präsenz und Einsatz v. Millitär/Paramilitär wird vorort nun DEUTLICH verstärkt und nicht für die nöchsten Wochen und Jahren.
Davon gehe ich aus.
Denn die chin. Regierung wird mit alle Macht versuchen, ein zweites 05.07.2009 wieder passieren.
Das wird nicht die einzige Mittel sein, was die chin. Regierung einsetzen wird. Dafür ist sie nicht so dumm wie manche vermutet, und dafür steht sie zu sehr unter Drück. Nein, nicht der Druck aus Aussen, sondern den Druck aus der Bevökerung.
Der Präsenz und Einsatz v. Millitär/Paramilitär wird vorort nun DEUTLICH verstärkt und nicht für die nöchsten Wochen und Jahren.
Davon gehe ich aus.
Denn die chin. Regierung wird mit alle Macht versuchen, ein zweites 05.07.2009 wieder passieren.
Das wird nicht die einzige Mittel sein, was die chin. Regierung einsetzen wird. Dafür ist sie nicht so dumm wie manche vermutet, und dafür steht sie zu sehr unter Drück. Nein, nicht der Druck aus Aussen, sondern den Druck aus der Bevökerung.
Eine etablierte bürokratische Herrscherclique der Han-Chinesen in Xinjiang sowie in Tibet überreden zu wollen, die Macht mit den einheimlichen Minderheiten zu teilen, ist eine Illusion.Nicht mal die Zentrale der KPCh in Peking kann daran was ändern, wenn sie ihre Macht in Xinjiang und Tibet sichern will.
Deshalb sind Tibeter und Uiguren auch so verzweifelt.
Herr Blume wird nie die Leser sowohl aus Deutschland als auch aus China enttäuschen: Als ein echter China-Kenner läßt Herr Blume auch die Leser aus China die Punkte der Probleme Chinas kapieren. Mit ihm kann man verstehen, was unter dem Begriff Elitenjournalisten zu verstehen ist.
Vielen Dank dass Sie auch erwähnt, dass die chin. Botschaft in München attackiert wurde.
Eine Ergänzung: Auch eine Touristengruppe aus China wurde gestern auf dem Marienplatz in München mit Gewalt überfallen. Das chinesische Auswärtige Amt hat schon alle Chinesen, die in Deutschland leben, verwarnt, vor gewaltigem und terroristischem Überfallen.
@andere chinesische Poster:
Ich sehe keinen Sinn, wenn ihr oder wir immer wirder mit einigen Postern hier diskutieren. Es hilft nicht. So, laßt sie (den "Dr." usw.) selbst Shows machen. Seid ihr bitte überzeugt, dass es immer noch Deutsche gibt, die das Problem kennen, sachlich beschreiben, wahrheitsgemäß interpretieren und allseitig analysieren können.
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