MuseumsführerGrandiose Wunderkammer

Das Schlossmuseum Gotha beherbergt gemalte Paare, die von der Liebe in anderen Zeiten erzählen von Petra Kipphoff

So verzaubert präsent ist kein anderes Paar der Kunstgeschichte wie dieses, das seinen Ort im Namen trägt: Das Gothaer Liebespaar , entstanden um 1480, ist der kostbarste Kunstschatz des Schlossmuseums Gotha. Damit ist nicht nur der Marktwert gemeint, auf den das Panzerglas hinweist, das die erlesen gekleideten, einander in feiner Gestik zugeneigten jungen Leute vor Übergriffen schützt. Sondern auch ein fernes Menschenbild, das so fern schließlich nicht ist. Die über den Köpfen schwungvoll gekräuselten Schriftbänder entschlüsseln das Bild als Dokument einer verbotenen Liebe.

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Im ZEIT-Museumsführer stellen wir Ihnen jede Woche eines der schönsten Museen Deutschlands vor. Um alle bisher veröffentlichten Museumsführer der ZEIT aufzurufen, klicken Sie bitte auf das Bild  |  © Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images

Der Raum, in dem es hängt, beherbergt noch ein anderes Paar mit einer gebrochenen Geschichte: Adam und Eva, um 1510 von Conrad Meit aus Buchsbaum ziseliert, zwei Musterbeispiele deutscher Renaissance-Kleinplastik. Auffallend ist hier die Rolle Evas, die Adam, der einen Apfel in der rechten Hand hält und ihr die linke fordernd entgegenstreckt, den zweiten Apfel nur zögernd zureicht. Und noch ein drittes Paar: Christus und Maria von Lucas Cranach d. Ä., um 1516 entstanden, ein frontal gemaltes Doppelbildnis, auch dies zwei noch junge Menschen, ein seltsames Nebeneinander verhaltener Blicke.

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Drei Paare, drei ambivalente Situationen, drei Kunstwerke von hohem Rang: dieser schmale Raum ist eine Wunderkammer sui generis. Der leicht betäubte Betrachter wird in den folgenden Räumen dann umso eindeutiger mit dem Alltag der thüringischen Kunst sowie den Vorgaben der Lutherzeit konfrontiert. Schnitzaltäre und Madonnen von rauer Beschaffenheit, der Gottessohn in expressionistischem Schmerz. Auf seine Weise spektakulär der um 1540 entstandene Gothaer Flügelaltar, ein Polyptychon mit drei großen, unterteilten Flügelpaaren, die wiederum zusammengesetzt sind aus kleineren Tafeln, alles in allem 157 Einzelbilder, eine illustrierte Geschichte des Neuen Testaments, über jedem Bild das entsprechende Zitat. Der Rest dieser Galerieräume gehört fast ausschließlich Lucas Cranach, dem Artdirector des Reformators. Von ihm stammen die Porträts von Martin Luther, Katharina Bora und Philipp Melanchthon, der Kurfürsten und ihrer Familien und vor allem das große Bildtafelwerk Verdammnis und Erlösung, eine allegorische Veranschaulichung der lutherischen Lehre – und gleichzeitig Programmbild dieses gewaltigen Schlosses. Mit dessen Bau hatte Herzog Ernst der Fromme von Sachsen-Gotha-Altenburg 1643 begonnen, in der Hoffnung auf das Ende des Dreißigjährigen Krieges. Er nannte es Friedenstein.

Wie andere europäische Fürsten auch, legte der Herzog eine Kunstkammer an und sammelte Naturalia, Artificialia und Scientifica. Einen größeren Platz als die Kunstkammer nahm bei ihm allerdings die Bibliothek ein, die er systematisch ausbaute und die bedeutender ist als die Weimarer der Anna Amalia. Wenn man hinzufügt, dass es hier auch eine Antiken- und Ägyptensammlung, Ostasiatika, aber auch die nach Dresden größte Sammlung von rotem Böttgersteinzeug und Meissener Porzellan gibt, dann wird die lokal fundierte, enzyklopädisch ungemein ambitionierte Weltläufigkeit der aufklärerisch gesinnten thüringischen Herzöge deutlich. Zu welch exquisiten Faibles man auch fähig war, zeigt die Galerie von 22 Gipsbüsten und Skulpturengruppen des französischen Bildhauers Jean-Antoine Houdon, den Herzog Ernst II. 1786 in Paris kennengelernt und nach Gotha eingeladen hatte.

Sachsen-Coburg-Gotha-Altenburg-Saalfeld etc. pp.: die familiären Verflechtungen sind unendlich, zahllose Porträts der Herzöge und ihrer Familien bedecken die Wände des Festsaals und der Enfiladen im zweiten Stock, wo die Familienräume waren und die Schränke und Vitrinen für die Kunstkammersammlung und das Porzellan aufgestellt sind. Und hier begegnen wir einem weiteren Porträt-Paar: der jungen Königin Victoria von England und ihrem Cousin und Ehemann, Prinz Albert von Sachsen-Coburg und Gotha. Und endlich verstehen wir, warum der Gotha Gotha heißt.

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    • Schlagworte Martin Luther | Lucas Cranach | Dresden | Paris
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