MusiktheaterIn der Wagner-Boutique

Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker haben in Aix-en-Provence ihren »Ring« vollendet. Das Orchester spielt die Hauptrolle, die Regie liefert nur ein paar Schaufensterdekorationen von 

Katarina Dalayman (links) und die Mezzo-Sopranistin Anne-Sofie von Otter als Brünnhilde und Waltraute in Wagners "Götterdämmerung"

Katarina Dalayman (links) und die Mezzo-Sopranistin Anne-Sofie von Otter als Brünnhilde und Waltraute in Wagners "Götterdämmerung"  |  © Anne-Christine Poujoulat AFP/Getty Images

Sollte das nicht ein weithin leuchtender Prunktermin des Musikbetriebs werden? Wollten die Berliner Philharmoniker hier nicht wieder einmal beweisen, dass alles, was sie anpacken, noch ein bisschen glorioser ausfällt als anderswo auf der Welt? Hinter jedem Aspekt ihres Großprojekts schien ein dickes Ausrufezeichen zu prangen: Das berühmteste deutsche Orchester wagt sich nach vierzig Jahren wieder an den Ring des Nibelungen! Simon Rattle legt so umfassend wie nie zuvor sein Bekenntnis als Wagner-Dirigent ab! In Aix-en-Provence wird mit dem »Rattle-Ring« ein neues Opernhaus eröffnet! Der Ring ist auch die Vorzeigeproduktion von Eva Wagner-Pasquier, die seit vielen Jahren in der künstlerischen Leitung des Festivals von Aix arbeitet und nun gemeinsam mit ihrer Halbschwester Katharina die Wagner-Festspiele in Bayreuth übernommen hat.

All diese Großspurigkeit hat sich im Laufe von vier aufeinanderfolgenden Premierenjahren in der südfranzösischen Sommermilde mehr und mehr verflüchtigt, wurde seltsam kleingezirpt von den Zikaden, laugefönt vom Mistralwind, ausgebleicht vom provenzalischen Vollmond. Wer nun das Finale erlebt hat und das Grand Théâtre von Aix nach dem Ende der Götterdämmerung verlässt, glaubt kaum mehr, einem historischen Ereignis beigewohnt zu haben. Da ist auch nur ein Ring über die Bühne gegangen, wie es viele gibt, mit starken Momenten im Orchester, wechselhaften Sängerleistungen und einer ambitionslos schwachen Regie.

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Überall wurde und wird zurzeit ehrgeizig an Wagners Ring geschmiedet, von Wien bis Kopenhagen, von Valencia und Mailand bis Essen und Hamburg. Gerne tappen die Verantwortlichen dabei in die Prestigefalle: Sie wollen den Ring unbedingt haben, weil er sich herrlich gesamtkunstwerkgroß aufspannt und so verlockend viel hermacht. Aber auf die entscheidenden Fragen bleiben viele Produktionen eine Antwort schuldig: Was für eine Welt treibt da ihrem Untergang entgegen? Welche gegenwartskritischen Kräfte wirken in dem Stoff? Worin kann dieses monströse Kunstabenteuer heute noch über das hinausweisen, was die Wagner-Gemeinde immer und immer wieder interpretierend darin entdeckt hat?

Die Berliner Philharmoniker haben mit ihrem Ring zwei große Fehler begangen. Sie haben ihn am falschen Ort umgesetzt: Das neue, anonym trutzburghafte Opernhaus von Aix liefert mit seiner kalt dröhnenden Akustik einen denkbar uninspirierenden äußeren Rahmen für Wagners Dramen. Und sie haben sich allzu selbstgewiss die Hauptrolle in dem Unternehmen reserviert. Sie waren sich zu sicher, dass die Musik nur richtig Schwung aufnehmen muss, um die Sänger und die Szene in ihrem Sog mitzureißen. Aber der Ring des Nibelungen spielt vor allem auf der Bühne, Wagner hat Theater und Musik als Einheit gedacht, und was oben szenisch verschenkt wird, lässt sich unten im Graben nicht mehr retten.

Es ist schon absurd, wie Rattle und seine Musiker in diesem Ring die Emotionen hochpeitschen und Blicke in grollend finstere Seelenabgründe senken, während der französische Regisseur Stéphane Braunschweig damit beschäftig ist, sparsame Requisiten im leeren Raum zu drapieren, als sei er der Schaufenster-Dekorateur, der eine Wagner-Boutique geschmackvoll einrichten soll. Während Rattle sich in das Stück wirft, als müsse sich das Drama immer gleich im nächsten Augenblick entscheiden, tut die Regie so, als gäbe es keines. Auf der Szene kann in dieser Götterdämmerung keine Welt krachend zugrunde gehen, weil zuvor nie wirklich eine behauptet wurde. Eine mythische Fallhöhe aufzubauen, dem sinistren Zwielicht, das über dem Stück liegt, eine Gestalt zu geben, die inneren Nöte und Selbstwidersprüche der Figuren aufzureißen und den schreienden Verrat, die verlogenen Schwüre, die kalte Mordlust ausagieren zu lassen – das alles interessiert den Regisseur nicht. Geschmäcklerisch arrangiert er Sängergruppenbilder auf einer gewienerten Treppe.

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