»Wie viele Divisionen hat der Papst?«, soll Stalin herablassend gefragt haben. »Wie viele Argumente hat der Papst?«, wird sich mancher Macher in Wirtschaft und Politik fragen, der noch nicht weiß, ob er die jüngste Enzyklika aus Rom fürchten oder gar lesen soll.

Mit seinem dritten Sendschreiben knüpft Benedikt XVI. direkt an seine erste Enzyklika an. »Deus caritas est«, mit diesen Worten hatte sie angefangen: Gott ist die Liebe. »Caritas in veritate«, so beginnt nun der jüngste Text: Liebe in der Wahrheit. War die erste Enzyklika noch ein eher persönliches Präludium seines Pontifikates gewesen, so will der Papst nun das Thema der Liebe aus dem Geist der Wahrheit systematisch durch fast alle Dimensionen der globalisierten Welt deklinieren – und dabei immer wieder auf das Zentrum seines Denkens zurücklenken: »Ohne Wahrheit, ohne Vertrauen und Liebe gegenüber dem Wahren« – also Gott – »gibt es kein Gewissen und keine soziale Verantwortung: Das soziale Handeln wird ein Spiel privater Interessen und Logiken der Macht, mit zersetzenden Folgen für die Gesellschaft…«

Den Logikern der Macht, aber auch den religiösen Fußgängern wird es bisweilen schwerfallen, dem Papst ins Hochgebirge seiner theologischen und philosophischen Gedanken zu folgen. Sein Rundschreiben verdient gewiss ein sorgfältiges Studium, das nicht am Tag des Erscheinens abgeschlossen sein kann. Aber erst wenn man dem Papst auf den Gipfel seines gedanklichen Gebirges gefolgt ist, erkennt man auch jene tiefe Fragwürdigkeit solcher exklusiver Überhöhungen – jedenfalls für all jene, die auch als Nichtchristen aufrichtig der Gerechtigkeit dienen wollen.

Wenn es ohne den Glauben an die kirchliche Lehre keine »ganzheitliche Entwicklung des Menschen«, ja des Menschengeschlechts geben soll, wie kann es dann angehen, dass die Kirche in ihrer Geschichte so oft gegen den Geist der Wahrheit und der Liebe gehandelt hat, von den Zwangsbekehrungen über die Kreuzzüge, die Inquisition und die religiösen Bürgerkriege bis zu der Kollaboration mit fragwürdigsten Machthabern und Eliten in der jüngsten Vergangenheit? Gehört zum Geist der Wahrheit nicht auch ein großes Maß an Selbstkritik und Selbstbescheidung?