So grün war die deutsche Wirtschaft noch nie. Josef Ackermann lässt das Hauptquartier seiner Deutschen Bank mit dem Ziel sanieren, den CO₂-Ausstoß der beiden Bürotürme zu halbieren. Der Siemens-Chef Peter Löscher nennt seinen Technologiekonzern einen "grünen Infrastrukturgiganten". Und Wulf Bernotat, der Vorstandsvorsitzende des Stromriesen E.on, schwärmt von der "enormen Kraft der Sonne" – als sei der Herrscher über fünf deutsche Kernkraftwerke ein Parteifreund von Jürgen Trittin.

Das sind vollkommen neue Töne.

Die Topmanager setzen aber noch eins drauf. Am Montag kommender Woche schicken sie und die Chefs von neun weiteren, großteils deutschen Unternehmen je eine ihrer Spitzenkräfte nach München-Schwabing – mit der Mission, von dort, aus der Zentrale der Münchener Rückversicherung, nach den Sternen zu greifen.

Es geht tatsächlich um einen Plan von der Dimension des Apollo-Mondlandeprogramms. Das Ziel ist wirklich eine Energierevolution: das größte Solarprojekt aller Zeiten. Es soll aus vielen Hundert miteinander vernetzten Sonnenkraftwerken entstehen, dort, wo die Kraft des Zentralgestirns am stärksten ist: im Norden Afrikas und in den Ländern des Nahen Ostens. Der gewonnene Strom soll dereinst nicht nur zu den Steckdosen im Morgenland und im Maghreb fließen, sondern Tausende Kilometer entfernt auch Europäer mit der Edelenergie versorgen: kostengünstig, zuverlässig, klimaneutral.

Für immer sorgenfrei.

Endlich tut sich etwas im behäbigen Universum der Energiewirtschaft, jenseits des elenden Streits um Kohle- und Atommeiler. Endlich bündeln Finanzkonzerne, Technologiekonzerne und Energiekonzerne einmal ihre Kraft, endlich lassen sie sich auf ein Projekt ein, das auf die Vollversorgung Europas mit regenerativem Strom hinausläuft. Endlich wittern sie einmal ein Riesengeschäft, das zugleich auch zum Nutzen des vom Hitzekollaps bedrohten Planeten wäre.

Dem Schulterschluss der Manager entspricht die Begeisterung der politischen Klasse. Elektrisiert von dem vorab bekannt gewordenen Megaprojekt sind Schwarze, Rote, Grüne. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ebenso wie ihr Widersacher im Wahlkampf, Vizekanzler Frank-Walter Steinmeier (SPD). Die Ökoprofessoren des Sachverständigenrates für Umweltfragen ebenso wie die Ökoaktivisten von Greenpeace. Von wegen small is beautiful: Barbara Unmüßig, Vorstandsmitglied der den Grünen nahestehenden Heinrich-Böll-Stiftung, sagt, wer den Klimawandel stoppen wolle, müsse bereit sein, "auch Großes zu denken". Und zu tun.

Das Große trägt den Namen Desertec, ein Kunstwort aus den englischen Wörtern für Wüste und Technik. Vorerst ist Desertec allerdings nicht mehr als eine Idee. Am Montag wollen sie sich zwar zur Desertec Industrial Initiative (DII) zusammentun: die Deutsche Bank und RWE, Siemens und E.on, Schott Solar, die Münchener Rückversicherung und die HSH Nordbank, die Anlagenbauer M+W Zander und MAN Solar Millennium, der Schweizer Technologiekonzern ABB, das spanische Unternehmen Abengoa Solar und die algerische Cevital-Gruppe, der größte Privatkonzern des nordafrikanischen Landes. Aber ob daraus mehr wird als ein PR-Projekt, weiß noch niemand. Bei der Umsetzung des gewaltigen Vorhabens stellen sich schließlich viele Fragen: Wie können Investoren animiert werden, im Sonnengürtel südlich von Europa eine Heerschar von Solarkraftwerken zu errichten? Wer baut das Stromnetz für den Stromtransport über mehrere Tausend Kilometer? Wer kontrolliert es, wer beschützt es vor Terroristen? Und wenn das alles gelänge – machte Europa sich nicht ohne Not abhängig von den Staaten des Nahen Ostens und Nordafrikas, die bisher nicht zu den politisch stabilsten gehörten?