Hamburg, vorm Fernseher. In diesen Minuten wird der Sarg hereingebracht, sagt die Reporterin von N24. Wahrscheinlich, sagt sie. Die Künstler bereiten sich auf ihren Auftritt vor. Es ist in Los Angeles insgesamt sehr ruhig. – Das sind so Fernsehreportersätze, wenn die Kollegen den Überblick verloren haben. Weil sie vor Ort sind, sehen sie weniger als ich zu Hause am Bildschirm. Hinter dem Rücken der Reporterin fährt jetzt eine schwarze Limousine vorm Staples Center vor, und jemand in meinem Büro ruft erschrocken: Da drin ist er! Wir stellen uns den Sarg vor und vielleicht auch den schmalen Körper und seine Einsamkeit inmitten des hektischen Hin und Her von mehreren Millionen Hinterbliebenen. Es ist der Abend der sinistren Vermutungen, es ist der Tag der Beerdigung eines Mannes, den sie jetzt wieder den King of Pop nennen oder einfach den größten Entertainer der Welt. N24 erklärt, in der schwarzen Limo säßen die Verwandten von Michael Jackson. Na ja.

Welche Gefühle sind eigentlich im Spiel, wenn ein weltberühmter Fremder in aller Öffentlichkeit begraben wird? Angst vorm Sterben oder Lust am kollektiven Grusel, der real und irreal zugleich ist? Letzten Samstag habe ich mich per Internet in das Losverfahren eingeloggt, um ein – ja, was eigentlich: ein Ticket für die Show, ein Beerdigungsbillett, einen Fahrschein in die Hölle der finalen Zurschaustellung zu ergattern. Die Maschine schickte mir am Montag eine Absage.

Heute habe ich auf der Website der Bild-Zeitung das Wort »vorempfunden« gelesen. Sie zeigten einen goldenen Sarg, mit rotem Samt ausgeschlagen und mit einem toten »Jacko« fotomontiert. Vorempfindung hat mit Empfindsamkeit ungefähr so viel zu tun wie die Live-Kommentare aus Los Angeles mit einer Trauerrede.

Auf N24 streitet jetzt die Society-Reporterin mit einem Jackson-Biografen. Er sagt, »Michael« habe seine Kinder über alles geliebt. Sie hält dagegen, die Kinder seien »bestimmt sehr bizarr« aufgewachsen und überhaupt war der Star verschwenderisch. Die reportierende Blondine ist jung und spießig und kalt wie Trockeneisnebel. Lachend erwähnt sie, dass der Tote bestritten habe, je beim Schönheitschirurgen gewesen zu sein. Es liegt eine metaphysische Traurigkeit in dem glitzernden, von boshaften Testamentsgerüchten und gehässigen Journalistenbemerkungen umrankten Beerdigungszeremoniell. Die deutschen Reporter heizen ihr Publikum für eine Show an und geben sich dabei den Anschein von Kulturkritik.

Die »Show« wird dann aber doch würdevoller und echter als die »Nachrichten« vorab. Die Messe beginnt im Halbdunkel mit einer Schweigeminute. Dann sieht man die Laserprojektion eines Kirchenfensters und hört einen Gospelchor. Dann kommt Mariah Carey, in einem himmlischen Kleid, und Lionel Richie singt ein Lied der Commodores. Es folgt die lange Liste prominenter Freunde, die abwechselnd singen und Reden halten wie in einem gewöhnlichen, ein bisschen profanen und ein bisschen frommen Gottesdienst.

Damit die Angehörigen nicht gleich die Fassung verlieren, hat ein einfühlsamer Master of Ceremony an den Anfang der Liste auch den kleinen bulligen Produzenten Berry Gordy von Motown gesetzt. Er ist ein netter Patriarch, der Michael Jackson schon als Kind gekannt hat und mit der Behäbigkeit des Bosses verkündet: »Sein Moonwalk war magisch!« Wie zum Beweis kommen nun die Sargträger, die Brüder des Toten, sie haben sich goldgelbe Seidenkrawatten umgebunden und jeder einen Glitzerhandschuh an. Sie sind wuchtige Männer, neben denen der Sarg klein wirkt, versunken unter Rosengestecken. Jermaine Jackson wird später auch singen. Jetzt kommt erst einmal Stevie Wonder, um uns zu trösten: »Wir brauchen Michael, aber Gott braucht ihn noch mehr!«