Sehr verehrte Frau Bundeskanzlerin,

dass Sie mich nicht falsch verstehen: Ich will die Große Koalition wählen. Mir kommt vor, wir hätten noch keine bessere Regierung gehabt.

Jetzt wird aber von der Regierung, der Sie vorstehen, der Krieg in Afghanistan gebilligt. Ich könnte auch sagen: geführt. Und wir, die Bevölkerung, sollen das begreifen. Wir sollen den Krieg in Afghanistan verstehen, billigen, ertragen. Immer wieder einmal 300 Mann mehr. Dass der Minister, der dieses Geschäft als "Verteidigungsminister" besorgen soll, nicht längst von seinem Amt zurückgetreten ist, wundert mich jeden Tag. Und wie er von einem Tag zum nächsten diesem Krieg Rechtfertigungen erdenkt, macht ihn zum Verlegenheitsminister. Aber die Richtlinien bestimmen Sie, sehr verehrte Frau Bundeskanzlerin. Und Sie haben eine so solide Herkunft und Bildung, dass Sie wohl kaum in Gefahr sind, die ins Pop-Fach gehörige Zeile von der "Verteidigung unserer Sicherheit am Hindukusch" nachzuplappern. Aber auch Sie sind sich nicht zu schade, diesem Krieg gelegentlich mit Ihrer sanften Eindringlichkeit eine Rechtfertigungs-Floskel zu spendieren, der man – das spricht für Sie – anmerkt, wie wenig Sie diesen Krieg führen wollen.

Vor ein paar Jahren erst hat uns Gerhard Schröder davor bewahrt, in diesen Unglückskrieg im Irak verwickelt zu werden. Sie sind damals nach Washington geflogen. Dieser Besuch zu dieser Zeit hat – und sollte das wohl auch – wie eine deutsche Treuebekundung gewirkt. Natürlich waren es nicht Sie allein, die uns lieber als US-Kriegskameraden gesehen hätte. Hoch notierte Intellektuelle haben damals den Irak-Diktator kurzum zum Hitler gemacht. Dann ist ja alles erlaubt. Sie haben aber, als Sie Regierende wurden, so viele fabelhafte Eindrücke geliefert, dass der Washington-Makel aus Ihrem Bild einfach verschwand.

Ich kann den Umgang, den unsereiner mit der täglichen Nachricht pflegt, nicht ausklammern, wenn ich Ihnen schreibe. Neulich, im Gespräch bei Maybrit Illner, waren Sie so beeindruckend, dass ich behaupte, es sei noch keine Politikperson eine Stunde lang so klug, so gut, so gescheit und gütig gewesen wie Sie. Und das auch noch mit Humor.

Und jetzt leiten Sie eine Regierung, die Krieg führt.

Die aktuellen Rechtfertigungen für einen Krieg sind immer grotesk. Erinnern Sie sich bitte an die Lügen der US-Politik! Die, die bei dieser Irakkriegsparty mitmachten, müssen sich mittlerweile hereingelegt vorkommen. Es mag meine Privatsache sein, dass ich glaube, Kriege seien unter gar keinen Umständen zu rechtfertigen. Aber daran erinnern darf ich doch, dass die Sowjetunion zwölf Jahre lang in Afghanistan Blut vergossen hat. Eigenes und afghanisches. Und der Effekt? Null. Jetzt gestatten die Russen den Amerikanern, dass die Kriegsgeräte über russisches Terrain nach Afghanistan transportieren dürfen.

Aus verlorenen Kriegen lernen: Der dieser Tage verstorbene Robert McNamara, seinerzeit Befehlshaber in Vietnam, hat in seinen Memoiren über diesen Krieg geschrieben: "Wir haben uns geirrt, schrecklich geirrt." Und dann die Einsicht, die uns etwas sagen muss: "Militärgewalt von außen kann nicht die politische Ordnung und Stabilität ersetzen, die ein Volk für sich erkämpfen muss." Der Irrtum hat mehrere Millionen Menschen das Leben gekostet. Damals hat man in Vietnam unsere Demokratie verteidigt. Heute bekämpft man in Afghanistan den Terrorismus. Zurzeit wird in einem Gebiet heftig gekämpft, in dem Opium angebaut wird. Durch diesen Hinweis sollen wir verstehen, dass da gekämpft werden muss. Opium! Die Geldquelle des Terrorismus! Grotesk!