Es gibt viele Arten, wissenschaftliche Meinungsverschiedenheiten auszutragen: ein Duell im Morgengrauen (radikal, aber moralisch fragwürdig), eine Podiumsdiskussion (human, aber oft wenig zielführend) oder die Einsetzung eines Expertenkomitees (seriös, aber langwierig). Und dann gibt es da noch die elegante, angelsächsische Variante: eine Wette, die den Kampf um Positionen mit spielerischer Lust und materiellem Einsatz verbindet.

»Eine Meinung ist billig, sie kostet nichts. Wenn Sie dagegen Ihr Geld einsetzen müssen, konzentriert es den Geist enorm«, postulierte der britische Biologe Rupert Sheldrake schon vor vielen Jahren in der ZEIT. Damals wettete er darauf, dass seine umstrittene Theorie der »morphogenetischen Felder« bis zum Jahr 2000 bewiesen sei (was allerdings nicht eintrat). Nun fordert er das biologische Establishment erneut heraus: In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift New Scientist wettet er mit seinem Landsmann Lewis Wolpert um die Aussagekraft der modernen Genomforschung.

»Wird es bis zum 1. Mai 2029 gelingen, aus dem Genom einer Pflanze oder eines befruchteten Eis eines Tieres in wenigstens einem Fall alle Eigenheiten des sich daraus entwickelnden Organismus vorherzusagen, einschließlich möglicher Abnormitäten?« So lautet die Wette, von deren Gewinn beide überzeugt sind. Wolpert spricht zwar von einer »großen Herausforderung«; angesichts der Fortschritte der modernen Biologie und der Computertechnik sei eine solch detailgetreue Prognose in zwanzig Jahren aber durchaus möglich.

Sheldrake hält dagegen: Die Leistungsfähigkeit der Genomforschung werde gewaltig überschätzt. Seit der Entschlüsselung des Humangenoms habe große Ernüchterung eingesetzt; allein das Wechselspiel zwischen Genen und Proteinen sei bereits so komplex, dass die Kenntnis einer genetischen Sequenz kaum etwas über die Entwicklung eines Organismus verrate.

Nun ist der Einsatz in diesem Fall eher bescheiden: eine Flasche edlen Portweins, die bis 2029 im Keller der britischen Wine Society gelagert wird. Dennoch trifft die Wette einen Nerv. »Es steht viel mehr auf dem Spiel als nur eine Flasche Portwein«, schreibt Sheldrake. Schließlich setzen Pharmafirmen, Start-up-Unternehmen und Regierungen beachtliche Summen auf den Fortschritt der Genomforschung; das Venture-Capital liebt die Aussicht auf Gentherapien oder maßgeschneiderte Medikamente. Dabei bezweifeln mittlerweile selbst Biologen, dass die Genforschung je die hochgesteckten Erwartungen erfüllen kann, die sie weckt.

Da ist die Wette ein probates Mittel, die Debatte zuzuspitzen. Diese Methode hat sich in der Wissenschaft schon häufiger als hilfreich erwiesen. So stimulierte etwa die Aussicht auf einen Buchpreis im 17. Jahrhundert Isaac Newton zu seinen Überlegungen zur Mechanik der Himmelskörper. 1959 wettete der Physiker Richard Feynman 1000 Dollar darauf, dass niemand einen Motor konstruieren könne, der kleiner als 1/64 Inch (0,4 mm) sei – was den Ingenieur Bill McLellan zum Beweis des Gegenteils antrieb.