ZEITmagazin: Frau Bätzing, ich kiffe.

Sabine Bätzing: Ja?

ZEITmagazin: Was jetzt? Mache ich mich strafbar?

Bätzing: Cannabis ist eine illegale Droge. Wenn Sie erwischt werden, machen Sie sich strafbar, aber wenn es sich um kleine Mengen zum Eigenkonsum handelt, kann das Strafverfahren eingestellt werden.

ZEITmagazin: Wollen Sie es mir nicht trotzdem ausreden?

Bätzing: Ich möchte Sie erst mal fragen: Wie oft kiffen Sie denn? Gibt es schon Beeinträchtigungen? Kann ich Ihnen Hilfe vermitteln? Brauchen Sie Unterstützung beim Ausstieg? Ich möchte, dass Sie sich fragen: Kann ich es nicht sein lassen oder reduzieren?

ZEITmagazin: Sie sind ja nett! Das klingt ja wirklich fürsorglich!

Bätzing: Das ist ja das Eigentliche! Ich bin ja auch fürsorglich und nicht die Spaßbremse…

ZEITmagazin: …wogegen Sie sich immer wieder verteidigen müssen.

Bätzing: Immer und immer wieder.

ZEITmagazin: Aber Sie halten an der Strafbarkeit des Besitzes "sanfter Drogen" fest?

Bätzing: Ja. Das betrifft Besitz, Anbau und Handel. Aber wir wollen nicht jeden, der eine geringe Menge bei sich hat, zwangsläufig kriminalisieren.

ZEITmagazin: Ein Marihuana-Report der ehemaligen US-Regierung schließt mit der Feststellung, es ließen sich mehr Argumente für das Verbieten von Alkohol als von Marihuana aufführen.

Bätzing: Ich mag diesen Vergleich nicht. Cannabis ist keine harmlose Droge, (hustet) ich habe in den vergangenen Jahren viel mit Abhängigen gesprochen.

ZEITmagazin: Und Ihr Husten kommt nicht vom Rauchen?

Bätzing: Nein, nicht vom Rauchen, und die Stimme ist auch nicht vom Alkohol so angeschlagen.

ZEITmagazin: Haben wir denn überhaupt ein Recht auf Rausch?

Bätzing: Menschen wollen mal flüchten, mal Fantasiewelten erleben, mal den Alltag vergessen. Mir ist es vor allem wichtig, über die Risiken zu informieren, weder zu dramatisieren noch zu bagatellisieren. Ein erwachsener Mensch hat dann die freie Entscheidung, ob er sich diesem Risiko aussetzen möchte.

ZEITmagazin: Sie wünschen sich Mündigkeit?

Bätzing: Genau, und es geht darum, den Jugendschutz zu respektieren, weil vielen Kindern und Jugendlichen die Folgen ihres Handelns nicht bewusst sind. Bei ihnen müssen wir die Lebenskompetenz stärken.

ZEITmagazin: Aber Sie können nicht nur aufklären, Sie müssen auch Gesetze durchbringen.

Bätzing: Und da wird es schwieriger. Solange ich nur aufkläre, sind alle einverstanden. Bei der Durchsetzung des Jugendschutzes, etwa durch Testkäufer, wird die Zustimmung schon geringer. Spreche ich über die Promillegrenze, gibt es große Entrüstung bei den Erwachsenen.

ZEITmagazin: Nun müssen wir uns auf Schockbilder auf Zigarettenschachteln einstellen. Darauf reagiert man doch wie aufs eigene Passbild: Das bin nicht ich!

Bätzing: Kommt drauf an, wie man diese Bilder verwendet. Die EU-Kommission hat uns Motive aus 14 Lebenssituationen gegeben. Wir wählen aus, was nicht zu sehr schockiert, sondern berührt. Das kommt bei Kindern und Jugendlichen und bei aufhörbereiten Rauchern erfahrungsgemäß gut an.

ZEITmagazin: Was werden wir sehen?

Bätzing: Etwa drei Bilder zum Thema Frühgeburten, wozu Rauchen in der Schwangerschaft ja führen kann. Man sieht den Bauch der Schwangeren, ein Ultraschallfoto und ein Baby im Brutkasten. Letzteres ist am deutlichsten, aber so treten wir vielleicht Eltern zu nah, die auch eine Frühgeburt hatten, obwohl die Mutter nicht rauchte. Man muss sensibel vorgehen, dafür setze ich mich ein.

ZEITmagazin: Sie müssen immer wieder die Grenze ziehen zwischen Lebensfreude und Disziplinierung. Warum machen Sie das?

Bätzing: Eine Motivation liegt in der Aufklärung, weil ich weiß, wie viel Leid durch Suchtmittelmissbrauch und Sucht entsteht. Das möchte ich verhindern. Manchmal ist eben auch Regulierung notwendig. Gerade nach Gesprächen mit den Leidtragenden sagt man sich jedes Mal: Ja, mach weiter!

ZEITmagazin: Hatten Sie schon mal einen Vollrausch?

Bätzing: Ja, einmal. Ohne Filmriss, aber ja, ich war auch schon betrunken.

ZEITmagazin: Waren Sie sich sympathisch in diesem Zustand?

Bätzing: Nee, ich war zwar nicht aggressiv, aber am nächsten Tag war ich mir peinlich.

ZEITmagazin: Und hätten Sie auf meinen fürsorglichen Einspruch gehört?

Bätzing: Im betrunkenen Zustand bestimmt nicht, aber wenn Sie danach gesagt hätten: Ich mache mir Sorgen um Sie, hätte ich noch mal drüber nachgedacht.

Sabine Bätzing, 34, ist Abgeordnete der SPD im Bundestag – und seit 2005 Drogenbeauftragte. Sie plant, die Warnhinweise auf Zigarettenpackungen durch drastische Fotos zu ergänzen. Roger Willemsen stellt im ZEITmagazin jede Woche die Frage: "Warum machen Sie das?"