Am 30. November 1948 meldet der sowjetische Innenminister Sergej Kruglow der Führung in Moskau Vollzug: Die »Übersiedlung der deutschen Bevölkerung aus dem Gebiet Kaliningrad in die Sowjetische Besatzungszone Deutschlands« sei nunmehr »in der von der Regierung geforderten Frist abgeschlossen«. Seit Beginn der Aktion im Oktober 1947 wurden »insgesamt 102.215 Deutsche ausgesiedelt«. Die Geschichte der Deutschen im nördlichen Ostpreußen und in Königsberg schien zu Ende.

Ganz genauso sieht es 1971 der Historiker Fritz Gause, von 1938 bis 1945 Direktor des Stadtgeschichtlichen Museums von Königsberg und nach 1945 in Essen als Lehrer tätig. Seine monumentale Geschichte der Stadt Königsberg in Preußen endet 1948: »Die siebenhundertjährige Geschichte Königsbergs nahmen die Ausreisenden mit in ihr Vaterland. Was sie hinter sich ließen, war Kaliningrad.« Königsberg habe aufgehört zu existieren, und »was mit Kaliningrad geschieht, ist Sache der UdSSR«.

Der sowjetische Innenminister und der deutsche Stadthistoriker waren sich also ausnahmsweise einmal einig: Königsberg gab es nicht mehr. Die neue Stadt, so lautete die Bilanz, und so lautet sie in vielen Darstellungen bis in unsere Tage, hat mit der alten nichts mehr zu tun. Moskau warf sofort alle Deutschen hinaus, und fortan war alles Deutsche tabu.

Heute aber, mehr als sechzig Jahre später, lohnt sich ein neuer Blick. Denn dann erkennt man: Vieles in der Nachkriegsgeschichte der Stadt verlief anders, war weniger eindeutig.

Unbestritten bleibt die große Zäsur durch Nazizeit und Zweiten Weltkrieg. Die demokratische Kultur der Stadt (die Mitte der zwanziger Jahre rund 280.000 Einwohner zählte) und ihr freies Geistesleben in der Tradition Immanuel Kants wurden nach der Machtergreifung 1933 vernichtet, die jüdische Gemeinde war bis 1942 fast zur Gänze ausgelöscht. Im Sommer 1944 zerstörten Bombenangriffe der britischen Royal Air Force das Zentrum, Ende Januar 1945 stand die Rote Armee vor den Toren und begann mit dem Beschuss. Die Erstürmung der von Hitler zur »Festung« erklärten Stadt Anfang April dauerte vier Tage. Den Häuserkämpfen fielen ungezählte Königsberger zum Opfer; bislang verschont gebliebene Viertel sanken in Trümmer.

Erst in den Abendstunden des 9. April 1945 kapitulierte »Festungskommandant« General Otto Lasch und übergab die Stadt an Marschall Alexander Wasilewskij, der sich in Begleitung einiger weiterer Offiziere im Bunker auf dem Paradeplatz eingefunden hatte. Die Hafenstadt am Pregel und mit ihr etwa 47.000 Königsberger gingen in sowjetische Befehlsgewalt über.

Es folgte ein schrecklicher Frieden, der vielfach beschrieben worden ist: Vergewaltigungen und Hunger wurden zum furchtbaren Alltag, Tausende starben an Typhus, Ruhr und an der Tuberkulose. Auch stellte die Rote Armee unmittelbar nach der Einnahme der Stadt Kolonnen von je bis zu 500 Deutschen zusammen, die sie in Strafmärschen sinnlos rund um die Stadt trieb. Innerhalb eines Jahres starben fast dreißig Prozent der verbliebenen Bevölkerung.