Im Schlosspark hämmert ein Specht gegen einen Baum, zwei Katzen sitzen auf der Straße. Die Gefahr, dass ein Auto ihr Bad in der Sonne stört, ist gering. Flamanville, das ist ein gemütliches Dorf in der Normandie, nicht einmal 2000 Einwohner, niedrige Häuser aus Granitstein, der hier über Jahrhunderte abgebaut wurde. Nur im Juni wird es voll, wenn die Kriegsveteranen anreisen. Die Strände, wo die Alliierten 1944 landeten, sind nicht weit. Neuerdings kommen die Besucher aber noch aus einem anderen Grund, der von den Einheimischen nur "le site" genannt wird. Sie wollen die Baustelle des Europäischen Druckwasserreaktors EPR sehen.

Mit solchen Kraftwerken der sogenannten dritten Generation will Frankreich zum weltweit führenden Anbieter von Atomtechnik aufsteigen und die Nutzung der Atomenergie als Mittel zum Kampf gegen den Klimawandel vorantreiben. "Lösungen zur Energieproduktion ohne CO₂" nennt das der französische Nukleartechnik-Konzern Areva – ganz so, als hätten die Franzosen, die über drei Viertel ihres Stroms mithilfe der Atomkraft erzeugen, den Schlüssel zur Rettung des Erdballs in der Hand.

Dass beim Abbau und der Aufbereitung des Kernbrennstoffs Uran mehr Kohlendioxid pro Kilowattstunde Strom anfallen kann als etwa in einem modernen Gas-Blockheizkraftwerk, wird in den CO₂-Bilanzen der Atomlobby verschwiegen.

Areva verfügt bisher als einziges Unternehmen über die EPR-Technik. In seinen Anlagen zur Anreicherung von Uran stellt die Firma überdies so viel von dem Brennstoff her, dass weltweit hundert Reaktoren damit versorgt werden könnten. Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy versucht denn auch bei seinen Auslandsreisen einen Auftrag nach dem anderen zu akquirieren – hält doch der Staat 93 Prozent der Anteile an der Firma. "Allein 2009 dürften wir mindestens drei oder vier EPR verkaufen", verkündete Areva-Chefin Anne Lauvergeon noch im Frühjahr.

Zu den potenziellen EPR-Kunden gehören China, die USA und Großbritannien. In Italien, wo seit der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl keine atomare Kilowattstunde Strom mehr erzeugt worden ist, schlossen Sarkozy und Premierminister Silvio Berlusconi ein Grundsatzabkommen über nukleare Zusammenarbeit. In Afrika und Nahost verhandelte Frankreichs Staatschef mit Ländern, die nicht einmal das Leitungsnetz für ein Atomkraftwerk betreiben. Auch Libyen wollen die Franzosen Atomtechnik liefern.

Im eigenen Land soll nicht nur in Flamanville, sondern ab 2012 auch im normannischen Penly ein EPR entstehen. Von 2020 an, so die Kalkulation des mehrheitlich staatlichen Stromkonzerns EdF, der alle 59 französischen Atomkraftwerke betreibt, sei in Frankreich sogar Platz für einen Druckwasserreaktor alle zwei bis drei Jahre. Dann nämlich sollen die alten über einen Zeitraum "von 20 bis 30 Jahren" nach und nach erneuert werden, sagt Dominique Minière, stellvertretender Leiter der Abteilung Atomenergie bei EdF.

Mycle Schneider hält das für "ziemlich großen Nonsens". Der renommierte Kernkraftexperte glaubt, dass man "die Hälfte der 34 französischen Reaktoren der ersten Generation getrost auslaufen lassen" könnte – nicht zuletzt deshalb, weil bislang große Teile des französischen Atomstroms exportiert werden und im Jahr 2020 in der EU 20 Prozent des Energiebedarfs aus erneuerbaren Quellen stammen sollen.