Brigadisten Gegangen, um zu bleiben
Sie zogen für die Revolution nach Nicaragua und blieben im Land, als der sandinistische Traum vorbei war. Dreißig Jahre danach blicken Schweizer Brigadisten zurück
Vor dem Parlamentsgebäude in Managua tanzen Zehntausende von Menschen im Takt der Gitarren, Gewehre in der Hand. Sie feiern den Sturz des Diktators Anastasio Somoza Debayle, der zwei Tage zuvor aus dem Land geflüchtet ist. 43 Jahre Dynastie gehen zu Ende.
Es ist der 19. Juli 1979. Tausende Kilometer entfernt, in Zug, hört Marielle Vogler im Radio vom Sieg der Sandinisten, während sie ihren Kaffee trinkt. Sie hält inne, lauscht bewegt. Gerechtigkeit und Gleichheit sind für sie mehr als vage Träume, und Marielle Vogler, die Operationsschwester aus Obwalden, 25 Jahre alt, wird diesen Moment nie vergessen. Wie Somozas Nationalgarde gefoltert hat, wie dessen Flugzeuge die Häuser im eigenen Land beschossen – all das kann sich die Frau am Küchentisch nicht ausmalen. Aber als sie vernimmt, dass der Diktator nach Miami geflüchtet ist und die Guerilleros die Macht ergriffen haben, freut sie sich.
In Managua nimmt eine Regierungsjunta die Geschicke des Landes in die Hand – aber auch wenn die Diktatur beendet ist, der Krieg ist es nicht. Ehemalige Nationalgardisten rüsten sich in den Nachbarländern Honduras und Costa Rica, um das Vorhaben der sandinistischen Bewegung FSLN zu vereiteln. Die konterrevolutionären Kräfte, die »Contras«, werden unter Schirmherrschaft der USA aufgebaut – jener Vormacht, die jahrelang das Somoza-Regime unterstützt hatte. Doch auch die weltweite Solidarität mit Nicaraguas Revolutionären lässt nicht lange auf sich warten. Das Deutungsmuster im Raster des Kalten Krieges scheint klar: David gegen Goliath.
Als sich der Krieg gegen die Contras schon sechs Jahre hingezogen hatte, meldete 1985 das Zentralamerika-Sekretariat in Zürich, Nicaragua brauche Krankenschwestern. Mal sehen, ob ich den Anforderungen gewachsen bin, dachte sich Marielle Vogler und kündigte ihre Stelle an der Zürcher Universitätsklinik. »Ich verliebte mich in das Projekt der Revolution. Nicaragua vorwärtsbringen – das war für mich der Horizont«, sagt sie heute. Mit anderen teilen, für andere handeln. Darum sei es ihr gegangen. Nicht um Politik.
Zwischen 1984 und 1990 arbeiteten 50 Schweizer Ärzte und Krankenschwestern in einer Gesundheitsbrigade in Nicaragua. In San Dionisio, 170 Kilometer nördlich der Hauptstadt, half Marielle Vogler beim Aufbau eines Gesundheitszentrums. Sie impfte Kinder, beriet Mütter, hielt Vorträge über Hygiene und darüber, wie man Krankheiten vermeiden kann. »Das Ziel war: gleich viel Gesundheit und Bildung für alle. Dieser Plan für das ganze Land hat mich fasziniert.«
Bald stellte sie fest, dass die Einheimischen kaum je so viel Elan für die Sache der Revolution aufbrachten wie die cheles, die Ausländer. »Unter Fortschritt verstanden sie selten größere politische Freiheit«, sagt Vogler, »sie dachten eher an materielle Unabhängigkeit. Aber das ist ja alles nicht eingetroffen.«
800 Schweizerinnen und Schweizer pflückten in den 1980er Jahren nicaraguanischen Kaffee, bauten Wohnhäuser und verlegten Wasserleitungen. Mario Steg, Maurer aus dem Laufental, war 1986 mit dem Rucksack von Mexiko nach Panama unterwegs. In Nicaragua blieb er hängen und leitete eineinhalb Jahre lang die Kurzzeitbrigaden in der Stadt Matagalpa. Alle sechs Wochen holte er neue Brigadisten in Managua ab – »junge Anwälte, Hausfrauen, Studenten, alles Mögliche« – und wies ihnen eine Aufgabe auf den Kaffeeplantagen La Fundadora oder La Parranda zu. »Ich fühlte mich als Teil der Solidaritätsbewegung«, sagt Steg, »das Leben im Sozialistenstil war eine gute, neue Erfahrung. Mit der Rationskarte holten wir Reis, pro Person gab es eine Rolle Toilettenpapier im Monat.«
Als Schweizer ums Leben kamen, stoppte der Bundesrat die Hilfe
Mit der Zeit bekam er allerdings den Eindruck, die sandinistischen Funktionäre versuchten die Brigadisten für politische Zwecke einzuspannen oder eigene Leute unter die Brigadisten zu mischen. Und rückblickend hält er die damaligen Solidaritätsprojekte für zu wenig nachhaltig: »Begeistert stellte man einen Kindergarten hin, wunderschön gebaut, dann ging man wieder. Der Kindergarten kam nie in Betrieb, weil sich keiner gefragt hatte, wer denn die Betreuerinnen bezahlen würde.«
Trotzdem scheint die »Nica-Bewegung« als Phänomen, für eine ganze Generation wichtig gewesen zu sein. »Die Revolution gab den Jungen einen anderen, frischen Standpunkt in der Welt und ermöglichte ihnen, direkt am politischen und gesellschaftlichen Wandel teilzunehmen«, sagt Dora María Téllez, frühere Kommandantin der FSLN. Und der Historiker Thomas Kadelbach meint: »Die Arbeit vor Ort war sicher mehr als ein symbolischer Akt und für die Brigadisten als persönliche und berufliche Erfahrung bereichernd. Auf den Erfolg oder Misserfolg der Revolution aber hatten die Brigaden keinen Einfluss.«
Das Engagement nicht staatlicher Organisationen in Nicaragua polarisierte die Schweiz. Im Oktober 1985 strich der Bundesrat einen Beitrag von elf Millionen für ein Entwicklungsprojekt: Zuerst müsse man sehen, wie es mit den Menschenrechten weitergehe. 1986 kamen bei Contra-Überfällen zwei Schweizer Helfer ums Leben. Darauf stoppte der Bundesrat Gelder für Projekte in sogenannten unsicheren Zonen. Die Solidaritätskomitees kritisierten diese Entscheide. Doch dann zog der Wahlsieg der bürgerlichen Opposition im Februar 1990 den Solidaritätsbewegungen den Boden unter den Füßen weg. Das Zentralamerika-Sekretariat meldete, man überprüfe die Unterstützung der nicaraguanischen Partnerorganisationen – die Brigaden seien schließlich nicht »zur Unterstützung der Bourgeoisie im Lande«.
»Ich wollte wissen, ob ich mit dem Minimum zufrieden leben kann«
Die Arzthelferin Sandra de Berti aus Zug arbeitete damals im Gesundheitsministerium in Managua, im Auftrag des Vereins für medizinische Mittelamerikahilfe des SP-Politikers Franco Cavalli. Eine Woche nach den Wahlen informierte man sie aus der Schweiz, ihr Vertrag werde nicht mehr verlängert. Die neue Regierung unter Violeta Barrios de Chamorro war laut Cavalli an der Zusammenarbeit nicht mehr interessiert. »Ich war wütend und fand, ich sei hier für das Volk, nicht wegen der Regierung.« Die Solidarität mit der Bevölkerung ging ihr und vielen Freiwilligen weiter als jede Ideologie, jede politisch begründete Motivation.
1987 war Sandra de Berti als 21-Jährige nach Nicaragua gezogen, »aus egoistischen Gründen«, wie sie sagt, »weil ich wissen wollte, ob ich mit dem Minimum zufrieden leben kann«. Ein Recht auf Bildung und Gesundheit, gratis für alle: Dies seien die Pfeiler der Revolution gewesen. »Doch die Sandinisten haben zu sehr geträumt. Der Staat muss für die Leute da sein, aber es braucht auch eine intakte Privatwirtschaft.« Noch heute lebt sie in Nicaragua. Die Hoffnung auf einen sandinistischen Weg hegt sie weiter; sie glaubt, das Land wäre ohne die jetzige Regierung noch höher verschuldet.
Mario Steg, heute Inhaber eines Bauunternehmens in Managua, sieht das anders. Seit die Sandinisten mit Daniel Ortega 2007 die Macht erneut übernommen hätten, gehe es mit der Wirtschaft bergab. »Wer nicht der richtigen Partei angehört, findet keine Arbeit oder kriegt keine Aufträge.« Der Traum einer sozialistischen Gesellschaft gehört für ihn der Vergangenheit an. Der jetzige Regierungsstil habe nichts mehr gemein mit jenem der achtziger Jahre, sagen auch ehemalige Gefährten Ortegas wie der Schriftsteller Sergio Ramírez: »Die Idee der Revolution, des Sandinismus als einer Kraft, welche die Gesellschaft verändern kann, hat sich bürokratisiert und sich in die Macht einer Familie verwandelt.« Ramírez spielt damit auf die Rolle der Präsidentengattin an. Rosario Murillo sitzt bei den wichtigen Entscheiden an der Seite ihres Mannes.
»Nicaragua hat den Präsidenten, den es verdient und gewählt hat«, sagt Marielle Vogler. »Warum hat das Land so viele Probleme? Weil wir die eigene Verantwortung jemand anderem oder dem Herrgott überlassen. So, wie wir den Abfall in den Hinterhof kehren; dort bleibt er, weil jeder denkt, den könne man auch später entsorgen.« Heute arbeitet sie in einem Netzwerk von Naturheilpraktikerinnen für das Gesundheitsministerium. Dem Nächsten helfen, gemeinsam an einer gerechten Gesellschaft bauen: Dieses Projekt verfolgt sie weiter. Heute aber fordert sie vom Nächsten etwas mehr Eigenverantwortung. Auf dass einer den Abfall wegräume.
Mitarbeit:
Mauricio Miranda
- Datum 16.07.2009 - 09:48 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 16.07.2009 Nr. 30
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