Brigadisten Gegangen, um zu bleibenSeite 2/2

Trotzdem scheint die »Nica-Bewegung« als Phänomen, für eine ganze Generation wichtig gewesen zu sein. »Die Revolution gab den Jungen einen anderen, frischen Standpunkt in der Welt und ermöglichte ihnen, direkt am politischen und gesellschaftlichen Wandel teilzunehmen«, sagt Dora María Téllez, frühere Kommandantin der FSLN. Und der Historiker Thomas Kadelbach meint: »Die Arbeit vor Ort war sicher mehr als ein symbolischer Akt und für die Brigadisten als persönliche und berufliche Erfahrung bereichernd. Auf den Erfolg oder Misserfolg der Revolution aber hatten die Brigaden keinen Einfluss.«

Das Engagement nicht staatlicher Organisationen in Nicaragua polarisierte die Schweiz. Im Oktober 1985 strich der Bundesrat einen Beitrag von elf Millionen für ein Entwicklungsprojekt: Zuerst müsse man sehen, wie es mit den Menschenrechten weitergehe. 1986 kamen bei Contra-Überfällen zwei Schweizer Helfer ums Leben. Darauf stoppte der Bundesrat Gelder für Projekte in sogenannten unsicheren Zonen. Die Solidaritätskomitees kritisierten diese Entscheide. Doch dann zog der Wahlsieg der bürgerlichen Opposition im Februar 1990 den Solidaritätsbewegungen den Boden unter den Füßen weg. Das Zentralamerika-Sekretariat meldete, man überprüfe die Unterstützung der nicaraguanischen Partnerorganisationen – die Brigaden seien schließlich nicht »zur Unterstützung der Bourgeoisie im Lande«.

»Ich wollte wissen, ob ich mit dem Minimum zufrieden leben kann«

Die Arzthelferin Sandra de Berti aus Zug arbeitete damals im Gesundheitsministerium in Managua, im Auftrag des Vereins für medizinische Mittelamerikahilfe des SP-Politikers Franco Cavalli. Eine Woche nach den Wahlen informierte man sie aus der Schweiz, ihr Vertrag werde nicht mehr verlängert. Die neue Regierung unter Violeta Barrios de Chamorro war laut Cavalli an der Zusammenarbeit nicht mehr interessiert. »Ich war wütend und fand, ich sei hier für das Volk, nicht wegen der Regierung.« Die Solidarität mit der Bevölkerung ging ihr und vielen Freiwilligen weiter als jede Ideologie, jede politisch begründete Motivation.

1987 war Sandra de Berti als 21-Jährige nach Nicaragua gezogen, »aus egoistischen Gründen«, wie sie sagt, »weil ich wissen wollte, ob ich mit dem Minimum zufrieden leben kann«. Ein Recht auf Bildung und Gesundheit, gratis für alle: Dies seien die Pfeiler der Revolution gewesen. »Doch die Sandinisten haben zu sehr geträumt. Der Staat muss für die Leute da sein, aber es braucht auch eine intakte Privatwirtschaft.« Noch heute lebt sie in Nicaragua. Die Hoffnung auf einen sandinistischen Weg hegt sie weiter; sie glaubt, das Land wäre ohne die jetzige Regierung noch höher verschuldet.

Mario Steg, heute Inhaber eines Bauunternehmens in Managua, sieht das anders. Seit die Sandinisten mit Daniel Ortega 2007 die Macht erneut übernommen hätten, gehe es mit der Wirtschaft bergab. »Wer nicht der richtigen Partei angehört, findet keine Arbeit oder kriegt keine Aufträge.« Der Traum einer sozialistischen Gesellschaft gehört für ihn der Vergangenheit an. Der jetzige Regierungsstil habe nichts mehr gemein mit jenem der achtziger Jahre, sagen auch ehemalige Gefährten Ortegas wie der Schriftsteller Sergio Ramírez: »Die Idee der Revolution, des Sandinismus als einer Kraft, welche die Gesellschaft verändern kann, hat sich bürokratisiert und sich in die Macht einer Familie verwandelt.« Ramírez spielt damit auf die Rolle der Präsidentengattin an. Rosario Murillo sitzt bei den wichtigen Entscheiden an der Seite ihres Mannes.

»Nicaragua hat den Präsidenten, den es verdient und gewählt hat«, sagt Marielle Vogler. »Warum hat das Land so viele Probleme? Weil wir die eigene Verantwortung jemand anderem oder dem Herrgott überlassen. So, wie wir den Abfall in den Hinterhof kehren; dort bleibt er, weil jeder denkt, den könne man auch später entsorgen.« Heute arbeitet sie in einem Netzwerk von Naturheilpraktikerinnen für das Gesundheitsministerium. Dem Nächsten helfen, gemeinsam an einer gerechten Gesellschaft bauen: Dieses Projekt verfolgt sie weiter. Heute aber fordert sie vom Nächsten etwas mehr Eigenverantwortung. Auf dass einer den Abfall wegräume.

Mitarbeit: Mauricio Miranda

 
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