Vor einigen Tagen erhielt ich – quasi als Reaktion auf meinen beim Ingeborg-Bachmann-Wettlesen vorgetragenen Text – ein Schreiben, in dem ein Mann seinen geplanten Freitod erläutert. Ein Tumor wächst im Hirnstamm des Mannes. Chemotherapie und Bestrahlung könnten das Wachstum allenfalls verzögern; statistisch gesehen, käme die Heilung einem Wunder gleich. Im Laufe der Zeit würde der Tumor Nervenbahnen zersetzen, den Mann bewegungs- und weitestgehend hilflos werden lassen. Er will sich daher mit Heliumgas töten, das er über den Schlauch einer gebräuchlichen Überdruck-Atemmaske inhaliert. Die Maske hat ihm der Hausarzt wegen eines Schlafapnoe-Syndroms rezeptiert; Helium gibt es in jedem gut sortierten Spielzeuggeschäft. Der Mann bezeichnet sich selbst in dem Schreiben als »schwäbischen Tüftler«; während er stirbt, möchte er Schostakowitsch hören.

Ich glaube, ein solch reflektierter Mann wäre zu unterstützen. Der erste selbst gebackene Kuchen gelingt in den wenigsten Fällen; wie sollte dann ein erster Suizidversuch gelingen? Ein prägender Eindruck meines Medizinstudiums war die Fotografie einer Frau, die versucht hatte, sich mit einem Gewehr zu suizidieren, und sich, da der Lauf ein wenig länger war als ihr Arm und die Mündung beim Schuss ins Kinn ein wenig nach vorne rutschte, eine Schneise mitten durch den Gesichtsschädel pflügte. Unterkiefer, Nase und Stirn wurden dadurch zerstört. Eines der Augen baumelte noch an einem Muskelstrang. Die Frau überlebte.

Das Schreiben des »schwäbischen Tüftlers« umfasst vier Seiten. Er legt seinen Leidensweg und seine enttäuschten Hoffnungen dar. Am Ende erklärt er die Gründe seines geplanten Suizids, hergeleitet vom Aufenthalt in einer südschwäbischen Klinik: »Den entwürdigenden Stress durch übellaunige Sanitäter und eine chaotische Krankenhausstruktur (ohne meinen Protest hätte ich glatt 3 Bestrahlungstermine verbummelt) tu ich mir kein zweites Mal an!«

Es mag sich um einen Hilferuf handeln. Das Problem dabei: Meinte es der »schwäbische Tüftler« ernst, dann hätte er kaum seine wahren Beweggründe ins Feld führen können. Der Wunsch, einfach nicht länger dem Getriebe im Spital ausgeliefert zu sein, wird von den wenigsten als ausreichender Grund für einen Suizid gesehen.

Die Beihilfe zum Suizid ist erwünscht, aber bitte nicht in der Nachbarschaft

Hätte er allerdings die Schweizer Sterbehilfeorganisation Dignitas kontaktiert. Man hätte ihn unterstützt. Beobachter glaubten vielleicht, ihm würde Gutes getan, indem man ihm zum Tode verhilft und so verhindert, dass er sich »in Exkrementen wälzt« und während der letzten Lebenswochen per Sonde ernährt werden muss.

Es fiele andererseits schwer, diesen Gekränkten gesprächshalber von den Segnungen der Palliativmedizin zu überzeugen. Man müsste ihm die Möglichkeiten von Schmerzlinderung, psychologischer Betreuung, optimaler Pflege und Seelsorge nicht nur zeigen, sondern sie ihn am eigenen Leib erfahren lassen. Aber das Dogma der palliative care stellt den Schmerz ins Zentrum des Leidens und schablonisiert so die menschliche Psyche. Die Illusion des friedlich und schmerzfrei zu Hause Sterbenden findet im Alltag vielmals keine reale Entsprechung. Ein Leidender, der schlicht ablehnt, abhängig zu sein, existiert im palliativmedizinischen Weltbild nicht. Dem Tüftler bliebe so nur der Weg in die Schweiz – vorausgesetzt, er kann 7000 Franken für »Betreuung« und »Material« aufbringen.

Literatur fasst Zweifel in Worte; Thesen vermögen das nicht. Die Hauptfiguren der Schweizer Sterbehilfediskussion wirken oft wie Agitatoren ihrer Pfründe. Ludwig A. Minelli, Generalsekretär von Dignitas, erläuterte bei einem Vortrag vor einer St. Galler Studentenverbindung angesichts eines 19-Jährigen, der unter Liebeskummer leidet: »Aber wir würden doch niemals einem solchen Menschen bei einem Suizid behilflich sein, wenn wir nicht vorher ausreichend Gelegenheit gehabt hätten, ihm zu erläutern, dass andere Mütter auch schöne Töchter haben.« Wer ein Verständnis für Sprache hat, den müsste die Bestialität dieses Konjunktivs eigentlich wundernehmen (Minelli selbst ist nicht nur Anwalt, sondern war auch jahrelang Journalist).

Sterbehilfeorganisationen können – so wird kolportiert – Menschen vom Suizid abbringen, aber wie viele derer, die sich dennoch für Suizid entscheiden, hätten durch größere Anstrengung noch davon abgebracht werden können? Sterbehelfer müssten sich fragen, wie sie Patienten ein Optimum an Palliativversorgung zukommen lassen können. Palliativmediziner müssten sich eigentlich fragen, wie denn der Selbstbestimmung des Menschen besser Rechnung zu tragen sei. Zuvor muss das Netz palliativmedizinischer Angebote dichter gewoben werden; dies fängt bei der Ausbildung und bei der Raumschaffung an. Manch junger Arzt hat über Sterbende schon den Satz gehört: »Da machen wir jetzt mal eine gute Palliation«, um sich die Grundsätze dieser sogenannten Palliation zwischen Visite und Kaffeepause per Google anzueignen. Ich selbst war als Medizinstudent als Nachtwache tätig und habe erlebt, wie ein Pflegender einen Sterbenden mit dem Waschlappen regelrecht malträtierte – »Damit du auch gut riechst!« –, um kurze Zeit später die Tür des Krankenzimmers aufzureißen und verwundert zu rufen: »Der schnappt ja immer noch!«

Eine Sterbehilfeorganisation wie Exit oder Dignitas wird dieses palliativmedizinische Optimum nicht anstreben; es widerspräche, knapp gefasst, ihrem Selbstzweck. Auch Uneigennutz wird solch einer Organisation nie mit letzter Sicherheit zu attestieren sein, zumal das Erleben der »Sterbehelfer« nicht den Statuten entsprechen muss (der existenzielle »Kick«, zum Tode zu verhelfen, mag für manchen Menschen schon eine Form von Eigennutz sein). Zuletzt ist die Akzeptanz der Idee, nicht aber die der Institutionen in der Bevölkerung groß: Dass in der Schweiz Sterbewillige an der Autobahn ihr Schlafmittel trinken und dass deren Asche nachts in einen See gekippt wird, spiegelt auch eine Gesellschaft wider, die Beihilfe zum Suizid zwar wünscht – aber, bitte, nicht in der Nachbarschaft.

Das Heilsversprechen der modernen Palliativmedizin bedient die ewige Sehnsucht des Menschen, zur Erlösung zu finden. Würde dieses Versprechen gebrochen, könnte dann nicht ein »weicher« Suizid an letzter Stelle der »Therapie« stehen?

Warum müssen Suizidenten in fremden Wohnungen sterben?

Sollten wir diese Option nicht in unser Lebensbild integrieren, statt ihr den Platz in der schmuddeligsten Ecke zu überlassen? Mir war nie klar, warum Suizidenten zum Zweck des Suizids fremde Wohnungen aufsuchen und von Fremden »betreut« werden müssen. Unternehmen sind selbstreferenziell; sie schaffen Bedeutung aus nichts und lassen vergessen, dass niemand auf sie angewiesen ist.

Aktive Sterbehilfe, in Deutschland aufgrund der NS-Krankenmorde mit angemessener Schärfe debattiert, mag in der Theorie individuelle Berechtigung finden. In der Praxis – wie sich in den Niederlanden zeigt – ist sie zu anfällig für die Fehlbarkeit der Agierenden.

Den Hauptdarstellern der schrillen Sterbehilfediskussion könnte ein unvoreingenommener Blick nach Oregon dienen. In diesem amerikanischen Bundesstaat hat der Death With Dignity Act seit Jahren zum bewussten Umgang mit Leben geführt, was sogar wissenschaftlicher Statistik standhielt. Es sind nicht die Ärzte, die dort die Verantwortung übernehmen; es sind keine »Organisationen«, die schon durch ihre Präsenz Anreiz zu jener Nutzung bieten, die sie verwehren sollten. Es sind – nach strengstem Reglement, das Missbrauch nie ausschließen kann – die Betroffenen selbst.