Sterbehilfe Ein Höchstmaß an LinderungSeite 2/2
Eine Sterbehilfeorganisation wie Exit oder Dignitas wird dieses palliativmedizinische Optimum nicht anstreben; es widerspräche, knapp gefasst, ihrem Selbstzweck. Auch Uneigennutz wird solch einer Organisation nie mit letzter Sicherheit zu attestieren sein, zumal das Erleben der »Sterbehelfer« nicht den Statuten entsprechen muss (der existenzielle »Kick«, zum Tode zu verhelfen, mag für manchen Menschen schon eine Form von Eigennutz sein). Zuletzt ist die Akzeptanz der Idee, nicht aber die der Institutionen in der Bevölkerung groß: Dass in der Schweiz Sterbewillige an der Autobahn ihr Schlafmittel trinken und dass deren Asche nachts in einen See gekippt wird, spiegelt auch eine Gesellschaft wider, die Beihilfe zum Suizid zwar wünscht – aber, bitte, nicht in der Nachbarschaft.
Das Heilsversprechen der modernen Palliativmedizin bedient die ewige Sehnsucht des Menschen, zur Erlösung zu finden. Würde dieses Versprechen gebrochen, könnte dann nicht ein »weicher« Suizid an letzter Stelle der »Therapie« stehen?
Warum müssen Suizidenten in fremden Wohnungen sterben?
Sollten wir diese Option nicht in unser Lebensbild integrieren, statt ihr den Platz in der schmuddeligsten Ecke zu überlassen? Mir war nie klar, warum Suizidenten zum Zweck des Suizids fremde Wohnungen aufsuchen und von Fremden »betreut« werden müssen. Unternehmen sind selbstreferenziell; sie schaffen Bedeutung aus nichts und lassen vergessen, dass niemand auf sie angewiesen ist.
Aktive Sterbehilfe, in Deutschland aufgrund der NS-Krankenmorde mit angemessener Schärfe debattiert, mag in der Theorie individuelle Berechtigung finden. In der Praxis – wie sich in den Niederlanden zeigt – ist sie zu anfällig für die Fehlbarkeit der Agierenden.
Den Hauptdarstellern der schrillen Sterbehilfediskussion könnte ein unvoreingenommener Blick nach Oregon dienen. In diesem amerikanischen Bundesstaat hat der Death With Dignity Act seit Jahren zum bewussten Umgang mit Leben geführt, was sogar wissenschaftlicher Statistik standhielt. Es sind nicht die Ärzte, die dort die Verantwortung übernehmen; es sind keine »Organisationen«, die schon durch ihre Präsenz Anreiz zu jener Nutzung bieten, die sie verwehren sollten. Es sind – nach strengstem Reglement, das Missbrauch nie ausschließen kann – die Betroffenen selbst.
- Datum 17.07.2009 - 10:41 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 16.07.2009 Nr. 30
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Jens Petersen fragt zu Recht:
"Warum müssen Suizidenten in fremden Wohnungen sterben?
Sollten wir diese Option nicht in unser Lebensbild integrieren, statt ihr den Platz in der schmuddeligsten Ecke zu überlassen?"
Weil wir den Freitod verdrängen. Zur Zeit in die Schweiz, die wir Reichsdeutschen zu unserer schmuddeligen Ecke erkoren haben. Warum verdrängen wir den Suizid? Weil er uns kränkt. Wer sich vom einem Kusch beim Sterben helfen lässt, empfindet sein Leben offensichtlich nicht mehr als lebenswert und erinnert uns daran, dass menschliches Leben, also auch mein eigenes Leben, lebensunwert werden kann, und das darf einfach nicht sein. Sterbehilfe - und vielleicht auch noch in der Wohnung unter mir, nein, das muss verboten bleiben! Und unserer Eitelkeit und Verdrängung kam als Nothelfer die BRD-Justiz zu Hilfe, die Kusch das Handwerk legte.
Ich denke dass die Gesellschaft verdrängen will dass das Leben endlich ist und sie über diese Endlichkeit keinerlei Kontrolle hat. Selbstverständlich ist ihr die Endlichkeit bewusst, allerdings kann sie nicht akzeptieren dass manche Menschen am Ende ihres Lebens, auch durch Umstände die nicht direkt medizinischer Natur sind, lieber die wenige Selbstbestimmung die sie noch haben dazu nutzen in Frieden mit sich selbst zu gehen als ihr Leben so weiter zu Leben.
Manche Probleme kann man nicht wegquatschen und auch nicht wegspritzen - das anzunehmen fällt uns schwer.
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