Mein Deutschland (18) Der Obrigkeitsstaat demontiert sich selbst

Die "Spiegel"-Affäre 1962 wird zur Ouvertüre der freien, vom Untertanengeist entlüfteten deutschen Demokratie

Im Jahre 1962 gab es noch keine Fünftagewoche. Auch die ZEIT- Redaktion arbeitete am Sonnabendvormittag. Normalerweise versammelte sich das Politische Ressort um elf Uhr im Zimmer von Gräfin Dönhoff, um die Ausgabe der nächsten Woche zu besprechen. Doch am Samstag, dem 27. Oktober 1962, war dies mit einigen Schwierigkeiten verbunden. Es war kaum ein Herankommen an das Hamburger Pressehaus. Überall um den Speersort herum standen Mannschaftswagen der Polizei, Polizisten in Uniform, Polizisten in Zivil. An der Pförtnerloge wurde jeder streng kontrolliert. Passieren durften nur die Mitarbeiter von Morgenpost und Hamburger Echo , von Wild und Hund , stern und ZEIT und Spiegel – sie alle saßen damals im Pressehaus. Zur Spiegel - Redaktion im sechsten und siebten Stock wurde jedoch niemand durchgelassen. Deren Räume waren am Abend vorher, kurz vor halb zehn, von Angehörigen der Sicherungsgruppe Bonn gestürmt, besetzt, durchsucht, verschlossen und versiegelt worden. Die Obrigkeit hatte, Landesverrat und Bestechung witternd, mit harter Hand zugeschlagen.

Eigentlich hatten wir uns alle für das Treffen im Büro von Marion Dönhoff auf das Thema vorbereitet, das seit Tagen an jedermanns Nerven zerrte: die Weltkrise, die sich unausweichlich anzubahnen schien, seit die Amerikaner entdeckt hatten, dass Nikita Chruschtschow auf Kuba Abschussrampen für Mittelstreckenraketen bauen ließ, die mit ihren Atomsprengköpfen einen großen Teil der Vereinigten Staaten erreichen konnten.

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Am 19. Oktober verhängte Präsident John F. Kennedy eine »Quarantäne« über die Castro-Insel. Hunderte von US-Kriegsschiffen standen bereit, der Seeblockade Durchschlagskraft zu verleihen. Mit einer Ladung Atomraketen dampfte der sowjetische Frachter Poltawa dem amerikanischen Blockadering entgegen. Am 22. Oktober forderte Kennedy die Sowjets ultimativ auf, den Bau der Raketenstellungen abzubrechen und die Poltawa heimzubeordern. Der Präsident veranschlagte die Wahrscheinlichkeit, dass es Krieg gäbe, auf 1:3 bis 1:1.

Wie würde sich Chruschtschow angesichts des amerikanischen Ultimatums verhalten? Würde er es auf einen Atomkrieg ankommen lassen? Würde er klein beigeben? Oder würde er einen Kuhhandel vorschlagen: West-Berlin gegen Raketenabzug?

Wir wussten, als wir an jenem Samstagvormittag bei der Gräfin saßen, einige leger auf dem Fußboden, nichts von den back channel- Verhandlungen zwischen dem Weißen Haus und dem Kreml. Noch war nicht zu erkennen, dass Chruschtschow am nächsten Tag in die Knie gehen würde. Ohnehin beschäftigten uns mehr die Vorgänge im eigenen Haus.

Am Vorabend schon waren Claus Jacobi und Johannes K. Engel festgenommen worden, die beiden Chefredakteure des Spiegels . Ihre Wohnungen wurden durchsucht, sogar die Kinderbetten durchwühlt, private Notizen und Briefe fortgeschafft. Den Spiegel - Herausgeber Rudolf Augstein fanden die Beamten nicht; er saß mit seinem Verlagsdirektor Hans Detlev Becker (der eine Woche später verhaftet wurde) beim Wein, stellte sich jedoch am nächsten Tag. Der Wirtschaftschef des Magazins, Leo Brawand, versteckte sich im Kleiderschrank seines Büros; Setzer schafften ihn dann über das hintere Treppenhaus hinaus. In Bonn wurde zur selben Zeit der Bürochef Hans-Peter Jaene sistiert, sein Kollege Hans Schmelz nach der Rückkehr von einer Ungarnreise in Haft genommen. Dem stellvertretenden Chefredakteur Conrad (»Conny«) Ahlers, der mit seiner Frau in Torremolinos Urlaub machte, hetzte Bundesverteidigungsminister Franz Josef Strauß über seinen Militärattaché in Madrid (»Augstein ist bereits in Kuba«) die spanische Polizei auf den Hals.

Ein Kollege brachte eine Tickermeldung in die Dönhoff-Runde – die Verlautbarung der Bundesanwaltschaft: »Mehrere Mitarbeiter des Spiegels sind wegen des Verdachts des Landesverrats, der landesverräterischen Fälschung und der aktiven Bestechung vorläufig festgenommen worden.« Den Anlass hätten Artikel gegeben, »die sich mit wichtigen Fragen der Landesverteidigung in einer Art und Weise befassen, die den Bestand der Bundesrepublik sowie die Sicherheit und Freiheit des deutschen Volkes gefährden«.

Gefährdung der Sicherheit und Freiheit? Alle in der Runde kannten die einschlägigen Spiegel - Artikel, natürlich auch den von Ahlers und Schmelz am 10. Oktober veröffentlichten Text Bedingt abwehrbereit. Ich schrieb damals selber viel über Strategie und Verteidigungspolitik. An dem nicht sonderlich aufregend geschriebenen Artikel fand ich nichts auszusetzen. Seinem Tenor stimmte ich durchaus zu: weg von den Weltuntergangsszenarien der reinen Atomstrategie, hin zur konventionellen Verteidigung, die Deutschland im Kriegsfall eine Überlebenschance ließ. Geheimnisverrat? Ich entdeckte nichts in der Ahlers-Analyse, was nicht schon x-mal gedruckt zu lesen war. Warum also der obrigkeitliche Holzhammer? Die »Vollstreckung zur Nachtzeit« – so ausdrücklich angeordnet, wie in den düsteren Zeiten des »Dritten Reiches«? Die ganze hoheitliche Aufplusterung?

Leser-Kommentare
    • Komabe
    • 19.07.2009 um 22:29 Uhr

    Der Artikel ist sehr interessant geschrieben und lesenswert.
    Aber ich habe zwei Dinge anzumerken:
    Erstens: Die Spiegel-Aktion des Staates muss, damals wie heute, als unrechtens bezeichnet werden. Aber -ohne ein Freund der Spekulation zu sein-, ist Ihnen einmal der Gedanke gekommen, dass hintergründig das Grundsatzproblem der Pressefreiheit angegangen wurde? Ich meine in unserer Demokratie stellen Politiker oder Parteien ihr Programm vor. Die Medien vermitteln dies. Quintessenz dieses Gedanken ist doch, dass die Art und Weise der Vermittlung unmittelbaren Einfluss auf das Wahlverhalten der Bürger hat. Ja, das ist vermutlich zu stark verallgemeinert, ein durchaus großer Teil bildet sich die politische Meinung, in dem für sie interessante Darstellungen aus der medialen Berichterstattung herausgefischt werden, quasi eine Art Quellenarbeit. Nur ist der Mensch nun mal auch ein Herdentier, und die Medien haben vermutlich einen nicht unerheblichen Anteil daran, was als allgemeine Auffassung registriert wird. Sie schreiben doch selber, dass der Spiegel damals eine dicke Kampagne gegen Strauß abgezogen hat. An sich nichts verwerfliches, jede öffentliche Person sollte sich angebrachter Kritik stellen können und müssen. Aber Pressefreiheit, dieses Wort lese ich so oft in den Medien, darf doch nicht bedeuten, dass jeder Beliebiges postulieren darf, unabhängig von seinem Wahrheitsgehalt, wobei an dieser Stelle sicherlich angemerkt werden muss, dass selbst so etwas wie "die Wahrheit" mitunter im subjektiven Erkenntnisbereich eines jeden Einzelnen und daher grundsätzlich schwer vermittelbar ist. Ich sehe die Spiegel-Aktion hauptsächlich als einen -auf falschen Fakten wie falscher Herangehensweise basierende- Versuch, klarzustellen, dass die durch das Volk legitimierte Regierung Chef im Ring ist, und nicht Journalisten, die hetzen.

    Zweitens:
    Auch in diesem Artikel sehe ich oftmals Tendenzen, eine vorgefertigte Meinung einseitig an den Mann/die Frau zu bringen. Mal ehrlich, ob Strauß jetzt in die Büsche kotzt oder nicht - sowas ist einfach persönlich diffamierend und hat mit dem in diesem Artikel so häufig angedeuteten tiefergehenden politischen Spektrum doch einfach nichts zu tun., genauso wenig ob Strauß und Augstein sich nun riechen können oder nicht. Klar, viele -und ich auch - sind Helmut Schmidt-Fans, aber wieso sollte er überhaupt verhaftet werden? Ich weiß das nicht, aber der Artikel legt nahe, dass es irgendein fadenscheiniger, von der Regierung gar inszenierte Grund gewesen ist.

    Fazit:
    Klärt (ZEIT-Redaktion und Medien generell) uns doch bitte einfach über Situationen auf und lasst nicht ständig irgendwelche Details raus, die der Auslegung zuwider laufen. Genau DAS machen nämlich unsere Politiker und es ist eure moralische Pflicht, beide Seiten zu beleuchten. Wir haben nicht so einen Zugang zu den zahlreichen Informationen wie Ihr, wir -oder besser gesagt ich, kann nur für mich sprechen- bin auf diese Artikel angewiesen, auch um mir letztlich eine politische Meinung zu bilden. Aber ohne super-präzise Medienkompetenz ist das einfach nicht mehr möglich und Bauernfängerei (sage ich als Ostfriese).

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ... ich fürchte, dass sie hier fehl am Platze ist.

    Die Serie 60 Jahre BRD sammelt Zeitgenossen-Kommentare zu einschlägigen historischen Ereignissen. Vielmehr als selbst historisch einwandfreier Bericht sollen sie zur Auseinandersetzung mit den Themen anregen und an Erfahrungen erinnern.

    ... ich fürchte, dass sie hier fehl am Platze ist.

    Die Serie 60 Jahre BRD sammelt Zeitgenossen-Kommentare zu einschlägigen historischen Ereignissen. Vielmehr als selbst historisch einwandfreier Bericht sollen sie zur Auseinandersetzung mit den Themen anregen und an Erfahrungen erinnern.

  1. Über SPIEGEL-Affäre, deren Ursachen und Folgen, Strauß, Augstein, tausend Mal gelesen. Alles abgehoben, theoretisch.
    Jetzt der Sommer-Artikel. Lebendig erlebtes Geschehen. Grandios. Warum nicht mehr davon?
    Lassen Sie von sich hören, Herr Sommer: Benno Ohnesorg, RAF, Korea, Vietnam, Barschel, was weiß ich: Erlebtes Geschehen aus der ZEIT-Redaktion. Bitte mehr!

  2. ... ich fürchte, dass sie hier fehl am Platze ist.

    Die Serie 60 Jahre BRD sammelt Zeitgenossen-Kommentare zu einschlägigen historischen Ereignissen. Vielmehr als selbst historisch einwandfreier Bericht sollen sie zur Auseinandersetzung mit den Themen anregen und an Erfahrungen erinnern.

    Antwort auf "....und die Kehrseite?"
  3. Artikel. Meinen Dank dafür.

    Und ein paar Schlussfolgerungen:

    1. Wir erleben heute, was Pressefreiheit beinhaltet. Denn -mal ehrlich- über einen Artikel wie den seinerzeitigen des Spiegel würde sich heute wohl kaum mehr jemand in der damaligen Weise aufregen und ihn -wie erfolgt- bewerten können.

    2. Gerade z. B. die ZEIT zeigt uns eine Lehre, die aus den damaligen Vorkommnissen hätte gezogen sein können. Sie eröffnet einem breiten Publikum die Möglichkeit, eigene Artikel einzustellen und vorhandene zu kommentieren.

    • keox
    • 23.07.2009 um 14:34 Uhr
    5. Aha

    "Dem Sicherheitsbedürfnis des Staates wurde kein Vorrang mehr vor den Grundrechten eingeräumt..."

    Zweifel sind angebracht

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