Energie
Afrikas Sonne
Setzt Desertec die Geschichte des technischen Größenwahns fort? Der Historiker Dirk van Laak im Gespräch

© Getty Images
"Bisher ist nicht zu erkennen, dass ergebnisoffen, mit Zeit und auf gleicher Augenhöhe mit den Afrikanern verhandelt würde", sagt der Historiker Dirk von Laak über das Wüstenstromprojekt Desertec
DIE ZEIT: Die Sonne über der Sahara soll nach dem Plan eines Firmenkonsortiums Europa künftig mit Energie versorgen. Ist das für Sie als Historiker der technischen Großprojekte ein neues Exempel der europäischen Hybris?
Dirk van Laak: An neue Energieträger haben sich immer überschüssige Hoffnungen und Erwartungen geknüpft, ob an die Kohle im 19. Jahrhundert oder an die Wasserkraft um 1900, an die Atomkraft in der Mitte des 20. Jahrhunderts. Immer spielte der Ewigkeitsaspekt eine Rolle: Das Ende aller Not sei mit dieser Energie nun gekommen.
ZEIT: Ist das Desertec-Vorhaben für den Technikhistoriker gleichwohl vernünftig?
van Laak: In einem instrumentellen Sinne ja, in der ökologisch-aufgeklärten Denkungsart nämlich, die unverändert von großem Energiebedarf ausgeht. Als unvernünftig erscheint das Vorhaben, wenn man fragt, ob wir noch auf diesem Niveau Energie verschlingen und derart groß denken müssen, ob wir solche kontinentübergreifenden Lösungen wollen und den Wachstumspfad weiterverfolgen, von dem wir seit über dreißig Jahren wissen, dass wir ihn uns nicht mehr leisten können. Interessant ist die Frage, wie es uns gelingt, dieser Erkenntnis auszuweichen.
ZEIT: Tragen solche Riesenprojekte dazu bei, dieser Einsicht aus dem Wege zu gehen?
van Laak: Aus der Geschichte solcher Großplanungen kann man lernen, dass in deren Zentrum immer ein starkes Motiv steht, das alles vermeintlich Nebensächliche verdrängt und also die Komplexität nivelliert.
ZEIT: Was genau wird verdrängt?
van Laak: Vor allem die Frage der Macht und der Legitimation; dann die Frage, ob bei der Implementierung die Bevölkerungen und ihre ästhetischen, sozialen und kulturellen Wahrnehmungen respektiert werden. Solche Vorhaben sind auch Machtdemonstrationen, ihr symbolischer Mehrwert soll schmeichelhaft auf die Gesellschaft ausstrahlen, aus der das Großprojekt kommt. Die produktive Nutzung von Ressourcen gilt seit Langem in Europa als wünschenswert. Die Nebenwirkungen für andere gingen aufs Konto des Fortschritts. Die abendländische Vernunft hat sich zu ihrem Gottesdienst auch immer Energiekathedralen gebaut.
ZEIT: Europa feiert sich selbst, wenn es in der Sahara eine neuartige Kathedrale baut?
van Laak: Jedenfalls ist bisher nicht zu erkennen, dass ergebnisoffen, mit Zeit und auf gleicher Augenhöhe mit den Afrikanern verhandelt würde. Die Zeit und die Dauer sind aber Ausweis demokratischer Qualität. Solche Großprojekte wollen begeistern und faszinieren, statt nach Legitimation zu suchen. Desertec wird von einem Firmenkonsortium getragen: Das spiegelt auch wider, wer sich heute als Akteur versteht und meint, die Politik nur nebenherlaufen zu lassen. Doch so scheitern Projekte.
ZEIT: Kann Europa sich unabhängig von technischen Großutopien machen?
van Laak: Aus den Zwickmühlen der industriellen Revolutionen könnte sich Europa aus eigener Kraft befreien, wenn es sich auf Energiesparen verlegte und mit der Verlogenheit des uneinheitlichen Maßstabs aufhörte, dass andere weniger verbrauchen sollten als wir.
Das Gespräch führte Elisabeth von Thadden
Dirk van Laak, 48, ist Professor für Zeitgeschichte in Gießen
- Datum 3.8.2009 - 12:34 Uhr
- Serie Energie
- Quelle DIE ZEIT, 16.07.2009 Nr. 30
- Kommentare 17
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Die fehlt, das ist absolut zutreffend. Frau von Thadden, Herr van Laak, Danke für diesen Aspekt!
Für dieses Interview. Ein Segen.
dem ist nichts hinzuzufügen.
dem ist nichts hinzuzufügen.
Dieser Beitrag ist nichts außer einem kritischen Beitrag.
Es werden sicher viele Menschen mit ihrer Fachkompetenz, sei sie technischer , kaufmännischer oder politischer Natur, notwendig sein um die zukünftigen Energieprobleme der Menschheit zu lösen.
Wo kommen die Menschen her, die im Mittelmeer jämmerlich ersaufen?
Aus den Staaten mit denen wir in Augenhöhe das Projekt Desertec planen sollen.
Wir werden sicher die politischen Kräfte in Nordafrika einbinden müssen, ohne die geht es nicht. Aber direkten Einfluss auf das Geschehen werden wir nicht haben.
In dem Projekt liegt auch eine Riesenchance für Nordafrikaner, bis hin zur Befriedung von feindlichen Ländern.
Ich kann mit dem Begriff "überschüssige Erwartungen" des Herrn van Laak nicht viel Anfangen, aber ohne Visionen wurde auch nicht der Suez-Kanal gebaut, würde es kein Telefonkabel im Atlantik geben und würden keine Satelliten beim Umweltschutz oder bei der Navigation unverzichtbare Hilfe leisten.
Wer einen Historiker -- also ausgerechnet einen Spezialisten für die Vergangenheit -- über ein technisches Zukunftsprojekt befragt, kann kaum etwas anderes erwarten als derartig lahme negative Rückspiegelperspektiven. Man lese hingegen zum Kontrast, was der visionäre, aufgeklärte, ewig junge und vorwärtsschauende Greis Johann Wolfgang von Goethe einst über den projizierten Panamakanal zu sagen hatte.
die sollen doch froh sein, wenn jemand 25 km x 25 km von ihrer trockenen, heißen Wüste pachtet.
...einiges zu kritisieren. interessant, daß herr van laak es schafft, keinen der naheliegenden kritikpunkte auch nur anzuschneiden und sich stattdessen in diffuser fortschrittsfeindlichkeit und schuldgefühlen verliert. fast möchte man glauben, daß hier jemand sein weltbild ins wanken geraten sieht. wohlstandssicherung/mehrung für europäer UND afrikaner? und das noch klima- und ressourcenkompatibel? das kann nicht sein, wachstum und wohlstand sind doch böse. immerhin haben die verzichtsprediger in den letzten jahrzehnten keine möglichkeit ausgelassen, diese glaubenssätze zu predigen. und jetzt so was.
sicherlich ist der gedanke, "dass andere weniger verbrauchen sollten als wir" verlogen, aber wie dieser sich gerade bei der errichtung von solarkraftwerken in der afrikanischen wüste bemerkbar macht, erschließt sich mir nicht . äußerst naiv wäre es darüberhinaus, zu ignorieren, daß besagte "andere" einiges dafür geben würden, genauso viel zu verbrauchen wie wir, man werfe nur einen blick nach china. projekte wie desertec sind somit letztlich unumgänglich, wenn man die gefahr von verteilungskriegen reduzieren möchte. sie können zwar nur teil einer umfassenderen strategie sein, sie zu verdammen ist jedoch töricht.
wie das halt so mit den ökologisch einwandfreien, regenerativen Energien so ist.
Aber wir haben´s ja. Und gemessen am Photovoltaikstrom vom Dach, der 47 ct. in der Gestehung kostet, sind wir mit 20 ct. für den Saharastrom ausgesprochen günstig dran.
Die Franzosen machen es uns vor, wie das Energieproblem zu CO2-frei zu lösen wäre. Dort kostet der Atomstrom in der Herstellung 4 ct und nachdem der Atom-Stromanteil mit 85% relativ hoch ist, brauchen die privaten Haushalte für 1 kWh nur 10,4 ct. bezahlen
4 ct. ist sicherlich weniger als 20 ct. Aber bei ideologisch gefestigten rot-grün-fundierten AKW-Gegener hat die Mathematik schlechte Chancen. Die bringen es fertig und setzen glatt 400 Mrd. Euro in den Sand.
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