Rhetorik Ich, der Tausendfüßler
Ein Plädoyer für die Kunst der Rede in der Welt der Politik
Was ist eigentlich Rhetorik? Rhetorik, übersetzbar als Redekunst, stammt aus der griechischen Antike und spielte insbesondere bei den meinungsbildenden Prozessen in Athen eine herausragende Rolle. Als Aufgabe der Rede galt, die Zuhörer von einer Aussage zu überzeugen oder zu einer bestimmten Handlung oder Unterlassung zu bewegen. Schon bald gab es Rhetoriklehrer, einige hatten einen schlechten Ruf, insofern sie es auf bloße Überredung anlegten und der sophistischen Meinung anhingen, dass eine Wahrheit nicht existiere oder, wenn doch, diese nicht erkennbar sei. Letzteres stimmt ja gelegentlich bis heute.
So konnte der Rhetorik in Platon, dessen Zerrbild der Sophistik bis heute nachwirkt, ein wirkungsmächtiger Gegner erwachsen, der die Redekunst als Überredung, Scheinkunst und Schmeichelei kritisierte und für zur Wahrheitserkenntnis untauglich erklärte. Rehabilitierung kam dann von dem Platon-Schüler Aristoteles, der mit seiner Rhetorik das bis heute folgenreichste Lehrbuch einer rhetorischen Argumentationstheorie schrieb und ihre Aufgabe darin bestimmte, jetzt zitiere ich: »nicht zu überreden, sondern zu untersuchen, was an jeder Sache Glaubwürdiges vorhanden ist«.
Der Niedergang der Rhetorik als wissenschaftliche Disziplin (als Redepraxis blieb sie erhalten) ist in allen Nationalkulturen seit den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts zu verzeichnen, zeigte aber in keiner so durchschlagende und anhaltende Wirkung wie in Deutschland. Der einzige Lehrstuhl für Rhetorik, den es in Deutschland seit 1963 gab, hatte seinen Sitz in Tübingen und war durch Professor Walter Jens besetzt worden. Ich sage das nur deshalb, weil es an jeder Universität in den USA einen Lehrstuhl für Rhetorik gibt, in Großbritannien auch. Walter Jens hat übrigens schon zutreffend gesagt, dass zur Rede immer die Gegenrede gehört. »Deshalb kann es in Diktaturen keine große Rhetorik geben, weil jede Gegenrede mit dem Knüppel oder dem Revolver unwirksam gemacht wird«, so Walter Jens.
Und tatsächlich spielte in den staatssozialistischen Ländern die Rhetorik keine Rolle. Es wurde auch niemand danach ausgewählt, zumindest kann ich mir das weder bei Walter Ulbricht noch bei Erich Honecker vorstellen, das müssen andere Kriterien gewesen sein. Es gab, wie ich finde, nur einen Ausnahmeberuf, den hatte ich natürlich, und er war die Ausnahme deshalb, weil du als Rechtsanwalt ja benachteiligt warst gegenüber den staatlichen Organen, und wenn du dann nicht mal rhetorisch besser warst, hattest du überhaupt keine Chance.
Ich will versuchen, zu erklären, wie unterschiedlich das ist, was man rhetorisch zu leisten hat, wenn man vor Gericht auftritt. Wenn ich zum Beispiel einen Gegner zu einem Vergleich bringen will, dann muss ich rhetorisch auf ihn eingehen. Um auf ihn eingehen zu können, muss ich wissen, was er eigentlich will. Das heißt, ich muss mich in seine Rolle hineinversetzen. Das gilt auch gegenüber den Richtern. Nehmen wir an, dass man einen Berufsrichter hat und zwei Schöffen. Da muss man sich entscheiden: Spreche ich für den Berufsrichter, oder spreche ich für die Schöffen? In aller Regel wird man für den Berufsrichter sprechen, weil man ahnt: Wenn man den überzeugt hat, überzeugt der auch die Schöffen. Wenn du den Berufsrichter aber schon verloren hast, kannst du versuchen, auf die Schöffen einzureden in der ganz, ganz schwachen Hoffnung, dass die plötzlich sagen, sie machen nicht mit, was sehr selten der Fall ist.
Dann gibt es natürlich die Hohen Gerichte. Bei den Hohen Gerichten sitzen nur Berufsrichter, und je höher die Gerichte, desto schlauer die Richterinnen und Richter, völlig klar. Da musst du dann schon ein anderes Vokabular benutzen, um nicht als Dilettant dazustehen. Da musst du dann die juristischen Begriffe benutzen, du musst dich damit abfinden, dass dein Mandant nicht versteht, worum es geht, geschweige denn das Publikum. Dann kommt die nächste Kunst, das ist die, dem Mandanten zu erklären, worum es gegangen ist.
Es gibt aber auch Anwälte, die haben beim Gericht schon verloren und reden fürs Publikum. Oder es ist ihnen egal, ob sie beim Gericht verlieren, sie reden so oder so fürs Publikum. Nachvollziehbar daran ist der Wunsch, neue Mandanten zu kriegen. Das heißt, du redest dann nicht, um diesen Prozess zu gewinnen, sondern du redest, damit die im Zuschauersaal alle sagen: »Das war aber wirklich höchste Zeit, dass das mal so gesagt worden ist.« Und damit erntest du dann auch die entsprechenden Sympathien.
- Datum 16.07.2009 - 07:31 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 16.07.2009 Nr. 30
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Da gibt die ZEIT einem durchaus guten Rethoriker ein Mal die Chance über seine Kunst zu reden und anstatt das zu tun nutzt er sie um Politik zu machen. Schade.
Der Titel sagt es schon: die Kunst der Rede IN der Politik. Gysi ist nicht nur rhetorisch gut, er hat auch was zu sagen. Das ist heute selten.
Hallo Rukelie
Man kann auch die Rhetorik politisieren. Die Politiker tun das ja auch. Was einem Politiker recht ist sollte einem Rhetoriker billig sein...8-)
Nicht nur wer Reden kann, ist im Vorteil. Im allerletzten Satz nach dem Artikel steht, daß es nur ein Auszug einer freien Rede von Gysi war. Die ZEIT hatte damit gar nichts am Hut.
Zetti
Der Titel sagt es schon: die Kunst der Rede IN der Politik. Gysi ist nicht nur rhetorisch gut, er hat auch was zu sagen. Das ist heute selten.
Hallo Rukelie
Man kann auch die Rhetorik politisieren. Die Politiker tun das ja auch. Was einem Politiker recht ist sollte einem Rhetoriker billig sein...8-)
Nicht nur wer Reden kann, ist im Vorteil. Im allerletzten Satz nach dem Artikel steht, daß es nur ein Auszug einer freien Rede von Gysi war. Die ZEIT hatte damit gar nichts am Hut.
Zetti
Der Titel sagt es schon: die Kunst der Rede IN der Politik. Gysi ist nicht nur rhetorisch gut, er hat auch was zu sagen. Das ist heute selten.
Na, vielleicht hätte ich statt Politik Wahlkampf schreiben sollen. Denn nichts anderes ist das.
Vor allem so reden dass es alle verstehen. Gysi kann das meistens - vor allem wenn er langsam redet. Andere können das auch. Zu sagen hat er sicher was. Das haben andere auch. Es kommt immer darauf an wer Redezeit im Fernsehen bekommt. Das sind die denen der Sprung in die Parteispitzen gelingt.
Na, vielleicht hätte ich statt Politik Wahlkampf schreiben sollen. Denn nichts anderes ist das.
Vor allem so reden dass es alle verstehen. Gysi kann das meistens - vor allem wenn er langsam redet. Andere können das auch. Zu sagen hat er sicher was. Das haben andere auch. Es kommt immer darauf an wer Redezeit im Fernsehen bekommt. Das sind die denen der Sprung in die Parteispitzen gelingt.
Na, vielleicht hätte ich statt Politik Wahlkampf schreiben sollen. Denn nichts anderes ist das.
... den Nachsatz unter dem Artikel lesen können: "Transkription: Gudrun Baltissen", "Der Text folgt einer Rede, die Gregor Gysi am 12. Juli im Rahmen des Antikenprojekts der Volksbühne Berlin frei gehalten hat"
Gregor Gysi hat also gar nichts für die Zeit geschrieben und die Zeit hat ihm die Chance für gar nichts gegeben.
Insofern passt seine Rede doch gut zu Ihrem Kommentar: Er hat Sie ganz einfach nicht erreicht und das demonstriert sehr anschaulich das von Gysi angesprochene Problem für Rhetoriker.
Alles Gute
Kai Hamann
... den Nachsatz unter dem Artikel lesen können: "Transkription: Gudrun Baltissen", "Der Text folgt einer Rede, die Gregor Gysi am 12. Juli im Rahmen des Antikenprojekts der Volksbühne Berlin frei gehalten hat"
Gregor Gysi hat also gar nichts für die Zeit geschrieben und die Zeit hat ihm die Chance für gar nichts gegeben.
Insofern passt seine Rede doch gut zu Ihrem Kommentar: Er hat Sie ganz einfach nicht erreicht und das demonstriert sehr anschaulich das von Gysi angesprochene Problem für Rhetoriker.
Alles Gute
Kai Hamann
Zitat:"Rede immer die Gegenrede gehört. »Deshalb kann es in Diktaturen keine große Rhetorik geben, weil jede Gegenrede mit dem Knüppel oder dem Revolver unwirksam gemacht wird«, so Walter Jens." Ach, was - kommt mir bekannt vor.
Also wenn ich den Text lese finde ich keinerlei Bezug zur Thematik
Rhetorik - dieser Text verliert sich in anfänglichen Eigenlob, mit folgender
Darlegung seiner vergangenen Tätikkeit, vermengt mit einem
Stück weit Selbstüberschätzung - Anwälte in der DDR hatten zu unterschreiben,
und sich in einem eng geschnürrten Korsett von Bestimmungen, mehr
schlecht als Recht, zu bewegen.
Darauf hin folgt: Blah, blah, nebulöses Rentengefasel - die Übersetzung
bleibt er uns leider schuldig - gefolgt von erneutem Eigenlob und
anschließenden Schulterklopfen - dann im letzten Viertel des Textes
findet er dann Gottlob zurück zum Thema, nur leider bleibt er auch
hier, uns als Leser, eine Erklärung, warum nun Rhetorik so wichtig ist
letztendlich schuldig.
Brilliant - wirklich - Rhetorik ist halt wichtig, weil sie wichtig ist...
Toll !! Danke Herr Gysi. UNDERDOG
sie reden weniger und tun mehr!
Was sollen Politiker anderes tun als Reden halten und diskutieren? Zum Gesetzemachen muss man auch reden, bei Veranstaltungen werden die Reden sehnsüchtig erwartet. Das ist nun mal Politik.
Von einem Niedergang der Rhetorik spüre ich nichts.
JoshWolf, SLDD
ihr Tun sein, das nicht Reden wäre ?
Was sollen Politiker anderes tun als Reden halten und diskutieren? Zum Gesetzemachen muss man auch reden, bei Veranstaltungen werden die Reden sehnsüchtig erwartet. Das ist nun mal Politik.
Von einem Niedergang der Rhetorik spüre ich nichts.
JoshWolf, SLDD
ihr Tun sein, das nicht Reden wäre ?
Schweigen ist Gold, unterlassen häufig auch.
Mir würden auch 100 Parlamentarier genügen ...
Hallo Rukelie
Man kann auch die Rhetorik politisieren. Die Politiker tun das ja auch. Was einem Politiker recht ist sollte einem Rhetoriker billig sein...8-)
Vor allem so reden dass es alle verstehen. Gysi kann das meistens - vor allem wenn er langsam redet. Andere können das auch. Zu sagen hat er sicher was. Das haben andere auch. Es kommt immer darauf an wer Redezeit im Fernsehen bekommt. Das sind die denen der Sprung in die Parteispitzen gelingt.
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