Rhetorik Ich, der TausendfüßlerSeite 3/3

Ich kann auch noch das Zweite sagen, dass es im Westen mehrere Altersvorsorgeinstrumente gibt, nämlich neben der gesetzlichen Rente noch die Lebensversicherung, noch Betriebsrenten. Die Betriebsrenten im Osten sind alle gestrichen worden, und Lebensversicherungen in dieser Form gab es gar nicht. Das heißt: Während die Menschen im Osten ausschließlich von der gesetzlichen Rente leben, leben viele im Westen nicht nur von der gesetzlichen Rente, sondern noch von was anderem. Ist schon komplizierter, kriege ich auch noch hin.

Und jetzt kommt der dritte, der entscheidende Unterschied, und dafür reichen die eineinhalb Minuten nie. Es gibt im Osten keine Pensionen. Das heißt übersetzt, dass hier Leute eine gesetzliche Rente beziehen, die im Westen eine Pension beziehen. Also nehmen wir mal den berühmten Gerichtsmediziner Professor Prokop. Der war Chef des Gerichtsmedizinischen Instituts der Charité und hat sich dann durchgeklagt bis zum Bundesverfassungsgericht und bekam eine relativ hohe Rente zugebilligt, aber als gesetzliche Rente. Im Westen bezöge ein Mann wie Professor Prokop aber immer eine Pension und keine gesetzliche Rente. Deshalb geht die Durchschnittsrechnung nicht, weil im Osten lauter Leute einbezogen werden mit einer hohen Rente, die im Westen gar keine gesetzliche Rente beziehen. Das heißt, wenn ich überhaupt den Durchschnitt ausrechne, müsste ich erst alle Leute im Osten herausrechnen, die im Westen eine Pension beziehen würden. Zu dieser Erklärung habe ich keine Chance im Fernsehen, kriege ich nicht hin. Und das ärgert mich.

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Also: Ist Rhetorik nun wichtig, oder ist sie nicht wichtig? Gehört sie zur politischen Professionalität oder nicht? Wenn ich sage, eine rhetorische Begabung gehört zur Professionalität eines Bundestagsabgeordneten, denke ich insbesondere an die kleineren Fraktionen, bei denen die Abgeordneten häufiger zu reden haben. Wenn ich in der letzten Reihe der CDU/CSU-Bundestagsfraktion sitze, kann es mir passieren, dass ich in vier Jahren gar nicht drankomme. Gibt’s. Und dann gibt’s welche, die kommen ein Mal ran, na, da herrscht vielleicht Aufregung in dem Büro, ist ja klar, wenn du ein Mal fünf Minuten lang in vier Jahren sprichst, das kann ich mir ja alles vorstellen. Und dann bitte ich Sie, sich mal einen Linken-Parteitag vorzustellen. Da spricht einer, der ideologisch exakt mit der Mehrheit übereinstimmt, und dann spricht einer, der liegt doch mal um fünf Zentimeter daneben. Der Zweite ist rhetorisch deutlich besser als der Erste. Der Zweite hat trotzdem keine Chance, gewählt zu werden, weil die natürlich nach ideologischer Übereinstimmung wählen und nicht nach Professionalität. Als wir anfingen, hatte ich niemanden für den Gesundheitsausschuss, wir hatten keinen, der davon irgendwas verstand. Da musste ich zu unserer armen Ruth Fuchs, der Olympiasiegerin im Speerwerfen, und habe sie davon überzeugt, in den Gesundheitsausschuss zu gehen, ich meine, sie musste sich dann erst damit beschäftigen, weil wir sonst niemanden hätten hinschicken können.

Das Problem ist, wenn ich zu einem Landesparteitag gegangen wäre und gesagt hätte: Ich bitte euch, die Ärztin X oder den Arzt Y oder die Gesundheitspolitikerin Z zu wählen, weil wir sie oder ihn brauchen, dann hätten die gesagt: Ja, wie kommst du uns denn vor? Du kannst doch nicht hier einfach herkommen und uns sagen, wen wir wählen sollen, wir haben ja eine Demokratie, geh mal hübsch wieder nach Hause. Das heißt, das hätten die gar nicht gemacht. Ich sage Ihnen nur, es wird in der Politik nicht nach Professionalität gewählt. Es wird nach allen möglichen Kriterien gewählt. Ich weiß auch gar nicht, ob es richtig wäre, nur nach Professionalität zu wählen, das fände ich sogar falsch, denn wenn sich jemand ideologisch immer weiter von mir entfernt, kriege ich natürlich auch meine Hemmungen, ihn zu wählen, aber dass es so gar keine Rolle spielt, ist natürlich auch ein Problem. Und dann gibt’s immer eine gewisse Klugheit der Parteien, die wissen schon, auf welche Leistungen es wann ankommt. Das heißt, es ist ja nicht ganz zufällig, wie zum Beispiel die SED vor 89 gewählt hat und wie sie Ende 89 gewählt hat. Einen Typen wie mich hätten die früher nie gewählt, weil ich gar nicht dazu gepasst hätte, aber in der Not, verstehen Sie, in der Not, wo alles den Bach runtergeht, sagst du: Jetzt müssen wir uns mal so eine Type holen. Ich finde ja, dafür habe ich es noch ganz nett gemacht, und sie waren ja auch nicht alle unzufrieden.

Aber was ich zum Ausdruck bringen will, ist: Überschätzen Sie nicht den Grad der Professionalität bei Wahlentscheidungen aller Art. Es sind ganz andere Kriterien, die dabei eine Rolle spielen, und das gilt für jede Partei. Und ich bin mir da auch nicht sicher, aber ein bisschen mehr Professionalität diesbezüglich wünschte ich mir. Und letztlich würde ich mir noch wünschen, dass wir die Rhetorik nicht so unterschätzen, wie das in Deutschland bisher geschehen ist, ein einziger Lehrstuhl, finde ich, ist zu wenig. Wir brauchen nun auch nicht achtzehn, aber vielleicht so an drei, vier, fünf könnte man ja mal denken, um die Vielfalt der Rhetorik, und zwar sowohl als Wissenschaft als auch als Praxis, anders zu studieren. Und was das Training betrifft, bin ich davon überzeugt, bestimmte Dinge kann man, bestimmte Dinge kann man nicht, und bestimmte Dinge sind reiner Schwindel. Ich habe in einer Talkshow einen Trainer erlebt, der so an die fünftausend Leute unterrichtete, ihnen Selbstbewusstsein beibrachte und so, ich halte das alles für Quark, was der machte, aber dem passierte es dann im Gespräch mit mir und anderen, dass ihm das Glas umfiel, und das ging dann auf den Schoß eines anderen. Da habe ich gesagt: Mach dir jetzt nichts draus, bleib jetzt stark und so. Ich habe sein Vokabular benutzt, aber ich war der Einzige, der das witzig fand.

Transkription: Gudrun Baltissen

Der Text folgt einer Rede, die Gregor Gysi am 12. Juli im Rahmen des Antikenprojekts der Volksbühne Berlin frei gehalten hat

 
Leser-Kommentare
  1. Da gibt die ZEIT einem durchaus guten Rethoriker ein Mal die Chance über seine Kunst zu reden und anstatt das zu tun nutzt er sie um Politik zu machen. Schade.

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    Der Titel sagt es schon: die Kunst der Rede IN der Politik. Gysi ist nicht nur rhetorisch gut, er hat auch was zu sagen. Das ist heute selten.

    Hallo Rukelie

    Man kann auch die Rhetorik politisieren. Die Politiker tun das ja auch. Was einem Politiker recht ist sollte einem Rhetoriker billig sein...8-)

    • zetti
    • 16.07.2009 um 7:29 Uhr

    Nicht nur wer Reden kann, ist im Vorteil. Im allerletzten Satz nach dem Artikel steht, daß es nur ein Auszug einer freien Rede von Gysi war. Die ZEIT hatte damit gar nichts am Hut.
    Zetti

    Der Titel sagt es schon: die Kunst der Rede IN der Politik. Gysi ist nicht nur rhetorisch gut, er hat auch was zu sagen. Das ist heute selten.

    Hallo Rukelie

    Man kann auch die Rhetorik politisieren. Die Politiker tun das ja auch. Was einem Politiker recht ist sollte einem Rhetoriker billig sein...8-)

    • zetti
    • 16.07.2009 um 7:29 Uhr

    Nicht nur wer Reden kann, ist im Vorteil. Im allerletzten Satz nach dem Artikel steht, daß es nur ein Auszug einer freien Rede von Gysi war. Die ZEIT hatte damit gar nichts am Hut.
    Zetti

  2. Der Titel sagt es schon: die Kunst der Rede IN der Politik. Gysi ist nicht nur rhetorisch gut, er hat auch was zu sagen. Das ist heute selten.

    Antwort auf "Da gibt die ZEIT einem"
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    Na, vielleicht hätte ich statt Politik Wahlkampf schreiben sollen. Denn nichts anderes ist das.

    Vor allem so reden dass es alle verstehen. Gysi kann das meistens - vor allem wenn er langsam redet. Andere können das auch. Zu sagen hat er sicher was. Das haben andere auch. Es kommt immer darauf an wer Redezeit im Fernsehen bekommt. Das sind die denen der Sprung in die Parteispitzen gelingt.

    Na, vielleicht hätte ich statt Politik Wahlkampf schreiben sollen. Denn nichts anderes ist das.

    Vor allem so reden dass es alle verstehen. Gysi kann das meistens - vor allem wenn er langsam redet. Andere können das auch. Zu sagen hat er sicher was. Das haben andere auch. Es kommt immer darauf an wer Redezeit im Fernsehen bekommt. Das sind die denen der Sprung in die Parteispitzen gelingt.

  3. Na, vielleicht hätte ich statt Politik Wahlkampf schreiben sollen. Denn nichts anderes ist das.

    Antwort auf "Erst lesen"
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    ... den Nachsatz unter dem Artikel lesen können: "Transkription: Gudrun Baltissen", "Der Text folgt einer Rede, die Gregor Gysi am 12. Juli im Rahmen des Antikenprojekts der Volksbühne Berlin frei gehalten hat"

    Gregor Gysi hat also gar nichts für die Zeit geschrieben und die Zeit hat ihm die Chance für gar nichts gegeben.

    Insofern passt seine Rede doch gut zu Ihrem Kommentar: Er hat Sie ganz einfach nicht erreicht und das demonstriert sehr anschaulich das von Gysi angesprochene Problem für Rhetoriker.

    Alles Gute
    Kai Hamann

    ... den Nachsatz unter dem Artikel lesen können: "Transkription: Gudrun Baltissen", "Der Text folgt einer Rede, die Gregor Gysi am 12. Juli im Rahmen des Antikenprojekts der Volksbühne Berlin frei gehalten hat"

    Gregor Gysi hat also gar nichts für die Zeit geschrieben und die Zeit hat ihm die Chance für gar nichts gegeben.

    Insofern passt seine Rede doch gut zu Ihrem Kommentar: Er hat Sie ganz einfach nicht erreicht und das demonstriert sehr anschaulich das von Gysi angesprochene Problem für Rhetoriker.

    Alles Gute
    Kai Hamann

  4. Zitat:"Rede immer die Gegenrede gehört. »Deshalb kann es in Diktaturen keine große Rhetorik geben, weil jede Gegenrede mit dem Knüppel oder dem Revolver unwirksam gemacht wird«, so Walter Jens." Ach, was - kommt mir bekannt vor.

    Also wenn ich den Text lese finde ich keinerlei Bezug zur Thematik
    Rhetorik - dieser Text verliert sich in anfänglichen Eigenlob, mit folgender
    Darlegung seiner vergangenen Tätikkeit, vermengt mit einem
    Stück weit Selbstüberschätzung - Anwälte in der DDR hatten zu unterschreiben,
    und sich in einem eng geschnürrten Korsett von Bestimmungen, mehr
    schlecht als Recht, zu bewegen.

    Darauf hin folgt: Blah, blah, nebulöses Rentengefasel - die Übersetzung
    bleibt er uns leider schuldig - gefolgt von erneutem Eigenlob und
    anschließenden Schulterklopfen - dann im letzten Viertel des Textes
    findet er dann Gottlob zurück zum Thema, nur leider bleibt er auch
    hier, uns als Leser, eine Erklärung, warum nun Rhetorik so wichtig ist
    letztendlich schuldig.

    Brilliant - wirklich - Rhetorik ist halt wichtig, weil sie wichtig ist...

    Toll !! Danke Herr Gysi. UNDERDOG

  5. sie reden weniger und tun mehr!

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    Was sollen Politiker anderes tun als Reden halten und diskutieren? Zum Gesetzemachen muss man auch reden, bei Veranstaltungen werden die Reden sehnsüchtig erwartet. Das ist nun mal Politik.
    Von einem Niedergang der Rhetorik spüre ich nichts.

    JoshWolf, SLDD

    ihr Tun sein, das nicht Reden wäre ?

    Was sollen Politiker anderes tun als Reden halten und diskutieren? Zum Gesetzemachen muss man auch reden, bei Veranstaltungen werden die Reden sehnsüchtig erwartet. Das ist nun mal Politik.
    Von einem Niedergang der Rhetorik spüre ich nichts.

    JoshWolf, SLDD

    ihr Tun sein, das nicht Reden wäre ?

  6. Schweigen ist Gold, unterlassen häufig auch.

    Mir würden auch 100 Parlamentarier genügen ...

  7. Hallo Rukelie

    Man kann auch die Rhetorik politisieren. Die Politiker tun das ja auch. Was einem Politiker recht ist sollte einem Rhetoriker billig sein...8-)

    Antwort auf "Da gibt die ZEIT einem"
  8. Vor allem so reden dass es alle verstehen. Gysi kann das meistens - vor allem wenn er langsam redet. Andere können das auch. Zu sagen hat er sicher was. Das haben andere auch. Es kommt immer darauf an wer Redezeit im Fernsehen bekommt. Das sind die denen der Sprung in die Parteispitzen gelingt.

    Antwort auf "Erst lesen"

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