Was ist das? Eine private Tragödie oder ein brisantes Politikum? Das furchtbare Ende eines Konflikts zwischen zwei ethnischen Minderheiten oder der Beginn eines neuen Kulturkampfes?

Die Zeugin im Beleidigungsprozess vor dem Dresdner Landgericht am Vormittag des 1. Juli ist gerade angehört worden. Da bittet der Angeklagte, der die kopftuchtragende Ägypterin auf einem Spielplatz als »Islamistin«, »Terroristin« und »Schlampe« beschimpft hatte, darum, eine Frage stellen zu dürfen. Die Kammer lässt sie zu. »Haben Sie überhaupt ein Recht, in Deutschland zu sein?«, fragt Alex W. Marwa al-Scherbiny. Er selbst gibt die Antwort: »Sie haben hier nichts zu suchen.« Dann droht Alex W., so berichten Anwesende, »wenn die NPD an die Macht kommt, ist damit Schluss!«

Schließlich, als die 31 Jahre alte Mutter schon zur Tür des Verhandlungssaals geht, zieht der 28-Jährige ein Messer, stürzt auf die Muslimin, die im dritten Monat schwanger ist, und sticht auf sie ein. 18 Mal in 32 Sekunden, heißt es. Der Ehemann wirft sich dazwischen, auch er wird durch drei Messerstiche schwer verletzt. Zwei Bundespolizisten eilen zu Hilfe, die in einem anderen Verfahren aussagen sollen. Im Tumult verwechselt einer der Polizisten den Ehemann mit dem Messerstecher. Ein Schuss aus der Dienstwaffe trifft ein Bein des Ägypters.

Wenige Minuten später ist die Frau tot. Sie hatte auf die deutsche Justiz vertraut, hatte bei ihr Schutz vor dem Ausländerhass gesucht – und ist in einem deutschen Gerichtssaal schutzlos gestorben. Das ist das furchtbare Paradox, das ist auch die politische Explosivität des Falls.

Wenn man einmal Mutmaßungen über das (west-)deutsche Mehrheitsbewusstsein anstellen darf, dann spielten sich dort nach dieser Tat folgende Gedankengänge ab: 1. Wie furchtbar, die arme Frau, was für ein Unglück. 2. Die Tat geschah nicht wirklich in Deutschland, sondern im Osten. 3. Der Täter ist ein Russlanddeutscher, bekanntermaßen die problematischste Minderheit, die in diesem Land lebt, also keiner von uns. 4. Ein Einzelfall also: Übergang zur Tagesordnung.

So wurde die Sache mental marginalisiert, auch die Politik nahm das alles zunächst nur aus dem Augenwinkel wahr. Die Dresdner Justiz hatte die Verhandlung für eine Routinesache gehalten. Was anderswo Standard ist – Taschenkontrolle, Metalldetektoren –, bildet die Ausnahme in sächsischen Gerichtsgebäuden. Für eine solche Ausnahme aber, so Justizminister Geert Mackenroth (CDU), waren »keine besonderen Sicherheitsrisiken erkennbar«.

Die Wahrnehmungsschwäche wirkte weiter, als das Verbrechen schon geschehen war. Nach dem Mord erkannten nur wenige deutsche Journalisten mit einer eigenen Einwanderungsgeschichte (wie die Publizistin Hilal Sezgin) die Brisanz sofort: Die 31-jährige Ägypterin sei das erste Todesopfer islamfeindlicher Hetze in Deutschland. Reaktionen aus der deutschen Politik auf den Mord ließen so lange auf sich warten, bis man sich aus dem muslimischen Ausland massiven Vorwürfen von Islamfeindlichkeit ausgesetzt sah.