Pubertät Die Liebe von Paul und Paula
Generation Porno? Unsinn. Die Keenies sind die Generation der großen Gefühle
"Wann hat der Herr Janssen denn mal Zeit für mich?", schrieb Paula aus der 9.3 dann schließlich an Paul aus der 9.5, damals vor dreieinhalb Monaten, nachdem Paul ihr in den Hofpausen und im Schulbus immer laaaaange Blicke zugeworfen hatte.
"Hab. Ich. Nicht", sagt Paul. "Paula hat mit mir geflirtet."
"Ich habe nicht mit dir geflirtet", sagt Paula. "Du hast mich die ganze Zeit so angeguckt und angezwinkert."
"Gezwinkert? Hä?" Und dann, bevor Paula den Mund aufmachen kann, um zu widersprechen: "Wir haben uns beide immer so angeguckt." Paula beugt sich über den Tisch. Kussi.
Paul Janssen, die Schultern noch schmal, die Brust schon breit, das Kinn noch rund, die Gesten leicht ungelenk, als könne er mit den Zauberkräften, die ihm gerade zuwachsen, noch nicht umgehen. Vor einem Jahr war er zehn Zentimeter kleiner. Wenn er sich aus dem Stuhl stemmt, wundert man sich, dass er Paula um einen halben Kopf überragt. An seinen Waden kräuseln sich blonde Härchen, aber sein Gesicht ist glatt wie ein Pfirsich. Man erkennt den Jungen, der er gerade noch war, aber noch nicht den Mann, der er bald sein wird.
Paula hingegen hat schon ihr Erwachsenengesicht bekommen. Und einen Körper, an dem alles genau zusammenpasst. Sie könnte sich an jedem Türsteher Berlins vorbeischlängeln, vorausgesetzt, sie ließe beim Lächeln ihre Zahnspange nicht aufblitzen. Ebenso gut kann man sie sich auf dem Beifahrersitz eines Autos vorstellen, einen 21-jährigen Angeber neben sich. Aber nein. Paul sollte es sein. Paul aus der Parallelklasse. Dass ein Mädchen ihres Alters sich einen gleichaltrigen Jungen sucht, hat die statistische Wahrscheinlichkeit eines Meteoriteneinschlags.
Paul bemerkte an Paula zuerst ihr Lächeln, das meistens glücklich wirkte, wenn die anderen morgens um halb acht im Schulbus noch apathisch in den Sitzen hingen. Im Winter erkundigte er sich bei ihrer Freundin nach ihr und erfuhr: Paula glaubt nicht an Schulbeziehungen. Weil man sich, wenn man jeden Tag aufeinanderglucke, bald annerve, sich nichts mehr zu sagen habe und so weiter. Daraufhin stellte Paul bei seinem Profil bei Jappy, der Internet-Community, bei der die meisten aus ihrer Schule angemeldet sind, unter der Rubrik "Status" ein gebrochenes Herz ein. Was Paula nicht entging, natürlich ohne dass sie es weiter ernst nahm.
Bis zu jenem Tag im Februar, als sie mit ihrer Freundin in der Pause das Schulgelände verließ. Paul stand mit seinen Kumpels bei Kaiser’s an der Ecke, und sie bemerkte zum ersten Mal, wie gut er aussah mit der Schiebermütze, die er in diesem Winter immer aufhatte. Sie sah seine langen Haare, länger als die der anderen Jungs, die ihm in die Augen fielen, in denen sie wiederum eine Verschmitztheit erkannte, die sie geheimnisvoll fand.
Herr Janssen konsultierte, wie er sich ausdrückte, also seinen Terminkalender, und er sah, dass er Zeit hatte. Samstag. Kino. Lichtenberg. Paula trug Lederstiefel und eine enge schwarze Jeans sowie eine taillierte schwarze Jacke mit hohem Kragen, von der sie hoffte, dass sie "weiblich-attraktiv" wirken würde. Darunter eine graue Strickjacke, die Lässigkeit ausstrahlen sollte. Weil: Sicher war sie sich da noch nicht. Erst mal sehen, wie er so ist, dachte sie. Ob man sich mit ihm unterhalten kann. Ihn gerne küssen würde. FALLS es so weit kommen sollte, zu einer Beziehung.
Was dachte Paul? "Ich freu mich aufs Popcorn."
Der Film mit Jennifer Aniston und Owen Wilson handelte von einem jungen Pärchen, das sich, als Generalprobe fürs Familienleben, einen Hund anschafft, der sich als so wild und unkontrollierbar entpuppt wie das Leben selbst – und der sie mehrere Kinder und Krisen später daran erinnert, worauf es im Leben wirklich ankommt. Paula drehte sich zu Paul. "Wir schaffen uns später auch mal einen Hund an", sagte sie leise.
"Hund find ich gut", sagte Paul.
Nach dem Film begleitete er sie zur Tram. An der Haltestelle öffnete er langsam seinen Gürtel. Und er bekam zu sehen, was er sehen wollte: Paulas schreckgeweitete Augen. Dann machte er den Gürtel wieder zu. Und fing an zu lachen.
- Datum 28.07.2009 - 17:03 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 16.07.2009 Nr. 30
- Kommentare 7
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Was ist das denn bitte für eine Redewendung? Find ich ja klasse übersetzt^^
was zum teufel ist das für ein wortmonster?
bitte nicht alle buzzwords aus amiland übernehmen, liebe ZEIT.
(entfernt. Bitte geben Sie Ihren Kommentaren etwas mehr Substanz. Die Redaktion/jk)
Als Lehrerin kann ich die in diesem Artikel beschriebenen Phänomene jeden Tag beobachten. Allerdings bleibt er doch sehr an der Oberfläche. Die scheinbar so selbstbewussten keenies treten zwar so auf, sind psychisch aber äußerst instabil und sehr stark abhängig von ihrer peergroup.
Die ach so hilflosen Eltern, die scheinbar plötzlich völlig machtlos vor ihren Kindern stehen, haben diese Entwicklung selbst zum größten Teil zu verantworten. Auf der Jagd nach Selbstverwirklichung und Geld koppeln sie ihre Kinder immer früher von ihrer Erziehungsverantwortung ab und wundern sich dann plötzlich, wenn ihre Sprösslinge völlig autonom leben wollen. Die Widersprüche werden in den Familien selbst erzeugt.
Aber zum Glück sehe ich auch, dass der Sozialisationsprozess in der Mehrzahl der Familien nicht grundsätzlich anders abläuft als vor dreißig, vierzig Jahren. Auch damals gab es schon verliebte Grundschüler und Zwölfjährige, die mal allein mit ihrem Taschengeld einkaufen gingen.
Ihre Reportage richtet nach meiner Meinung die Aufmerksamkeit einseitig auf (nach außen) selbstbewusste Mädchen, die zudem noch aus einer relativ privilegierten Schicht stammen. Haben Ihre Journalisten tatsächlich nicht mehr Mädchen getroffen, die sich für Bücher interessieren, aktiven Sport treiben oder ein Instrument spielen?
Haben sich Ihre Journalisten nicht getraut, Mädchen aus sozial schwachen oder sogenannten "bildungsfernen " Schichten nach ihrem Lebensgefühl zu fragen?
Wo bleiben die Recherchen bei Kindern und Jugendlichen aus Kreuzberg, Moabit oder Marzahn?
Bedauerlich finde ich auch, dass Jungen nicht mit dem gleichen Feingefühl behandelt werden. Ihre inneren Konflikte werden kaum dargestellt. In meinem Erfahrungs-bereich als Hauptschullehrer kann ich aber gerade bei ihnen eine zunehmende Verunsicherung beobachten. Auch Ihre Berichte über "Tresor" oder "Shoppen" sympatisieren mir zu sehr mit einem einseitigen Mädchenbild und hinterlassen von Jungen nur ein Zerrbild. Die ZEIT nimmt hier pars pro toto und schreibt an der gesellschaftlichen Realität vorbei.
Das sehe ich ganz genauso.
Setzen Sie mal für Paul und Paula, Dilara und Mehmet ein, dann sieht die Welt schon ganz anders aus. Und die Zeilen dementsprechend. Ich weiß, wie es sich anhört, spricht man zum Thema Porno mal mit zwei Jugendlichen, deren Eltern nicht als Gespann "er- Selbstständiger im Handwerk und sie- Hausfrau" auftreten, sondern als arbeitsloses, alkoholabhängiges Tandem. Wobei allein die Anwesenheit von Mutter und Vater in vielen in Deutschland lebenden Familien immer seltener wird. Dann doch mal die alleinerziehende Mutter mit 3mal wöchentlich wechselnden Geschlechtspartnern und übermäßigem Zigarettenkonsum .
und so weiter und so weiter...
Schön, dass es auch andere Jugendliche gibt, aber damit aufmerksam zu machen i. S. der Entschärfung des "Generation Porno"- Stigmatas......fraglich!
20. Juli 2009
Zeit Redaktion
Zeit Magazin
Betrifft: Die Liebe von Paul und Paula
Sehr verehrte Frau Faller.
Beim Lesen des obigen Artikels ist mir etwas aufgefallen, und ich hoffe, dass ich nicht in Ungnade falle, wenn ich Ihnen mit diesen Zeilen auf die Nerven falle.
Mir ist bekannt, dass man aus
allen Himmeln,
aufs Kreuz,
mit der Tür ins Haus,
vom Fleisch,
oder anderen sogar auf den Wecker
fallen
kann. Mir ist bekannt, dass die Liebe selbst hinfallen kann, aber seit wann fallen Menschen in unserem Sprachraum in Liebe? Dann müssten sie auch dem englischen Original entsprechend wieder aus der Liebe herausfallen. Geht das?
Vielleicht fallen diese Zeilen auch dem Rotstift zum Opfer.
Weitere Worte wollen mir jetzt nicht mehr einfallen.
Ihre
Ursula Detering
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