Fünfzehn Minuten pro Schicksal müssen reichen. In Saal 112 des Hamburger Arbeitsgerichts geht es Schlag auf Schlag: Um 9 Uhr ist eine russische Putzfrau dran, die gegen ihre Entlassung klagt, um 9.15 Uhr ein Hafenarbeiter, um 9.30 Uhr eine Erzieherin, danach eine Kosmetikerin, ein Handwerksmeister, ein Fensterputzer. Damit der Terminplan eingehalten werden kann, ist im Gericht alles auf Tempo getrimmt. Ziehen sich Anwälte und Mandanten einmal zur Beratung zurück, ruft Richter Volker Stelljes gleich die Nächsten nach vorn und sagt: »Stören Sie sich nicht an den Jacken über den Stuhllehnen!«

Die wichtigsten Hilfsmittel des Arbeitsrichters sind ein Taschenrechner und eine weiße Mappe mit Klarsichthüllen. Mit dem Taschenrechner kalkuliert er Abfindungen. Auf die sollen sich die Konfliktparteien einigen, um den Streit zu beenden. Gelingt das, sucht Stelljes in den Klarsichthüllen nach passenden Textbausteinen und diktiert sie zusammen mit Namen und Daten der Protokollantin. Einen Augenblick später schiebt ein Drucker am Tischende das Ergebnis der 15-Minuten-Verhandlung heraus. Ein Blatt Papier, auf dem meist eine Zahl steht. Irgendeine Abfindungssumme. Damit ist der Fall erledigt.

So sieht bisher die Routine aus, wenn in deutschen Gerichtssälen um Kündigungen gerungen wird. »Wir wandeln hier nur Prozesschancen in Geldbeträge um«, sagt Stelljes und meint damit: Wenn ein Arbeitnehmer gute Karten in seinem Prozess hat, erhält er Geld, damit er doch die Kündigung akzeptiert. Aber inzwischen mehren sich die Fälle, in denen es anders läuft. In denen es zu keiner schnellen Einigung kommt, sondern erbittert gestritten wird. Der Kampf um die Jobs wird härter geführt denn je – auf beiden Seiten.

Viele Arbeitnehmer fürchten: In dieser Krise finde ich woanders keinen Job. Viele Arbeitgeber sorgen sich: In dieser Krise kann ich mir nicht mal Abfindungen leisten. »Das prallt dann vor Gericht aufeinander«, sagt der Münchner Arbeitsrechtler Knut Müller. »Die Bereitschaft, sich zu einigen, ist drastisch gesunken.« Chefs und Arbeitnehmer finden sich immer häufiger in einem langwierigen Kleinkrieg wieder, einem Schlagabtausch voller Finten und Fallen.

Die Zahl der Klagen steigt sprunghaft an

Wenn Johann Schlüter (Name geändert) von seiner Kündigung erzählt, wählt er drastische Worte, als so schlimm hat er sie empfunden. »Wir wurden wie die Lämmer zur Schlachtbank geführt«, sagt er. Den Hafenarbeiter traf es am Ende einer Nachtschicht. Fast zwölf Stunden lang hatte er am Südwestterminal des Hamburger Hafens Kupferplatten aus Chile umgeladen. Als er fertig war, wurde er zum Gespräch in einen kleinen Büroraum gebeten. Dort wartete sein Vorgesetzter, auf dem Tisch lag ein großer Umschlag. Die Geschäfte würden schlecht laufen, sagte sein Chef, die Firma müsse sich von Personal trennen und ihm leider kündigen. Bis zum Abend erhielten 43 von 93 Arbeitern der Firma TransPack ihre Papiere. Wer keinen Dienst hatte, wurde zu Hause rausgeklingelt. Die Entlassungen sollten unbedingt noch vor dem Monatsende ausgesprochen sein.

Früher hätte Schlüter geschimpft, aber er hätte sich nicht gewehrt. Der gelernte Schiffsmechaniker hat noch immer irgendwas im Hafen gefunden. Eine Bewerbung musste er nie schreiben. Jetzt ist alles anders. An manchem Kai legt tagelang kein Schiff mehr an. »Es gibt keine Jobs im Hafen, das ist aussichtslos«, sagt Schlüter. Seine Frau ist auch schon in Kurzarbeit. 5000 Euro Abfindung hat TransPack angeboten. »Aber was hilft mir das?«, fragt Schlüter. Die Krise, hat er im Hamburger Abendblatt gelesen, dauert noch bis 2010. »Ich bekomme aber nur zwölf Monate Arbeitslosengeld und danach nicht mal Hartz IV!« Schlüter besitzt ein Grundstück, das er wohl verkaufen müsste, bevor er Hilfe vom Staat erhielte.