Klassik-Betrieb Singen, bis der Arzt kommt

Der Festspielsommer geht ohne seinen Star Rolando Villazón über die Bühne: Der Tenor muss pausieren. Wie konnte es so weit kommen? Ein Blick hinter die schönen Kulissen eines gnadenlosen Betriebs

So richtig appetitlich sieht das nicht aus: zwei kleine Muskelstränge, von glänzender Schleimhaut und Äderchen überzogen, dazwischen ein rötlich dunkler Schlund – die menschlichen Stimmbänder im Kehlkopfspiegel. Sind sie gesund, entlockt der Sänger ihnen seit Orpheus’ Tagen die schönsten, höchsten Töne, sirenenhafte Sinnlichkeit, pure Erotik und Magie. Sind sie es nicht, säumen Polypen, Knötchen, allerlei Entzündlichkeiten oder Schwellungen das Gewebe. Der Schuldige für diese Fehlentwicklungen ist rasch gefunden: Der Stimmbandbesitzer selbst, der Sklave, die Hure des Betriebs, hat es mal wieder fehlen lassen an der nötigen Sorgfalt und Disziplin. »Uns Sängern«, sagt die Mezzosopranistin Brigitte Fassbaender, »ist die Selbstüberschätzung angeboren.«

Einer, der sich in letzter Zeit pathologisch überschätzt und überhoben hat, ist der mexikanische Startenor Rolando Villazón, Jahrgang 1972. Ein Medienkobold und zugleich der Existenzialist unter den amtierenden »Rittern vom hohen C«. Ein Multitalent, das schreibt und zeichnet (wie einst Caruso!) und 30 bis 40 Bücher pro Jahr liest. Einer, der im VIP-Glanz der Salzburger Festspiele ebenso zu Hause ist wie auf den Bühnen von Wien, Paris, Berlin und London. Mit seiner Sängerdevise »Schneller! Höher! Schwerer!« hat es Villazón inzwischen bis zum OP-Tisch gebracht: Ende April wurde bei ihm eine sogenannte Stimmbandzyste diagnostiziert, ein mit Flüssigkeit gefülltes Bläschen, welches – je nach Lage – mal günstiger, mal weniger günstig zu operieren ist. Villazón sagte sämtliche Termine für 2009 ab; der diesjährige Festspielrummel geht ohne ihn über die Bühne. Jetzt streichen sie um sein Krankenbett herum, die Agenten und Veranstalter, die Intendanten, Sängerkollegen, Journalisten, und fragen sich: Wird das wieder? Kommt er zurück? Und wenn nicht: Was dann?

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Angenommen, der erste Tenorissimo des 21. Jahrhunderts kommt nicht zurück. Angenommen, Villazóns Stimme ist kaputt, ruiniert durch Auftritte wie im Januar an der New Yorker Met (Edgardo in Donizettis Lucia di Lammermoor), als er schwer indisponiert war und auf offener Szene abbrechen musste: Wer hat ein solches Schicksal zu verantworten? Nur Villazón selbst? Oder rückt nicht seine Krise die Usancen einer ganzen Branche ins Licht, die an der Rampe dem schönen Schein huldigt, hinter deren Kulissen aber schier unmenschliche Druckverhältnisse herrschen? Er könne eine ganze Latte prominenter Intendanten, Dirigenten und Regisseure herunterbeten, sagt der Wiener Laryngologe Reinhard Kürsten, die von Stimmen nicht die geringste Ahnung besäßen. Das sogenannte Umfeld, die Entourage, der Betrieb. Ein Betrieb, der aus unzähligen Parasiten und wenigen Wirten zu bestehen scheint.

Villazón, der Wuschelkopf mit den Chaplin-Brauen, ist ein Getriebener, ein Ikarus, darüber sind sich alle einig, mit denen man spricht. Fragt sich nur, wer oder was ihn treibt. Ist es der Markt, dessen turbodarwinistische Zwänge und Gesetze auch für die klassische Musik gelten? Ist es der Mensch Rolando, der an Leib und Seele Raubbau treiben muss? Oder ist am Ende die Musik schuld, von der man doch nichts anderes erwartet, als dass sie Mauern einreißt und Grenzen sprengt: zwischen Leben und Tod, Kunst und Wirklichkeit. Ein Sänger, der sich so verzehrt, dass er darüber seine Stimme verliert – was für ein Melodram! Zumal es gemeinhin dem »schwachen Geschlecht« vorbehalten bleibt.

Er könne Geschichten erzählen, sagt Andreas Mölich-Zebhauser, der sehr emsige Intendant des Festspielhauses in Baden-Baden, da habe Villazón singend noch ganze Premierenfeiern unterhalten. Mölich-Zebhauser wehrt sich gegen den Vorwurf, das System – in dem er heftig mitmischt – sei parasitär. Und macht es sich ein bisschen leicht, wenn er sagt: »Man greift daneben, wenn man glaubt, Rolando sei ein Opfer der Betriebe. Er ist einfach ein Feuerkopf, einer, der die Welt aus den Angeln heben will.« In Baden-Baden sollte Villazón Mitte Juli neben Anna Netrebko den Vaudemont in Tschaikowskys selten gespieltem Einakter Jolanthe geben. Eine Partie des schwereren Fachs, von der er sich wie auch vom Don José in Carmen wohlweislich wieder verabschiedete – vor allen Zysten. Solche Entscheidungen, betont Mölich-Zebhauser, treffe der Sänger ganz allein. Was auch bedeutet: Auf internationalem Niveau agiert der Intendant als Zuhälter und williger Vollstrecker. Er nimmt, was er kriegen kann, solange er’s kriegen kann – und wäscht ansonsten seine Hände in Unschuld.

Der Wiener Staatsoperndirektor Ioan Holender, immerhin selbst ausgebildeter Sänger und langjähriger Betreiber einer Künstleragentur, sieht das ganz nüchtern: »Soll ich sagen, in Berlin unter Barenboim singt der Villazón den Don José – und bei uns 2010 nicht?« Das Gewissen ist eben das Gewissen der anderen. Aber auch Peter Jonas, ehedem Chef der Bayerischen Staatsoper, beziffert die Verantwortung des Intendanten auf maximal 50 Prozent. »Den Rest besorgt der Quotendruck, alles andere wäre naiv. Das Publikum eines großen Hauses hat ein Recht auf gewisse Namen.« Es lässt sich solche Exklusivität ja auch bis zu 400 Euro pro Karte kosten.

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