Klassik-Betrieb Singen, bis der Arzt kommtSeite 3/3

Was sich an alldem auch ablesen lässt: Die Strategie, die Stars als Selbstläufer feilzubieten, ist eine Sackgasse. In Verdis Traviata oder Puccinis Bohème mag das Traumpaar Netrebko/Villazón funktionieren, auch weil das Publikum im Grunde nichts anderes hören will als È strano und Wie eiskalt ist dies Händchen . Bei Tschaikowsky, Gounod oder noch Entlegenerem wird das schwierig. Weil die Stücke hörbar wenig(er) taugen – und weil es für den Interpreten ein Wahnsinn ist, sich für ein, zwei Galas eine Partie reinzubimsen, die ihm nie wieder begegnen wird. Ein Star, hieß es früher, könne mit einem Besenstiel in der Hand auftreten, und jeder Saal liege flach. Das 21. Jahrhundert, in dem so militant vermarktet wird wie nie, stellt an diesen Besenstiel kannibalistische Ansprüche. Das kann nicht gut gehen.

Bei einem seiner letzten Talkshow-Auftritte hatte man Villazón, weil er so lustig zeichnen kann, Block und Stift in die Hand gedrückt. Da saß er nun mit bleicher Miene mitten im Quasselrund und kritzelte und krakelte. Ein hyperaktives Kind, ein Melancholiker und finsterer Fatalist zugleich, der sich seines Dilemmas sehr bewusst schien: Bediene den Betrieb, auf dass er dich auffrisst. Tenöre in der Krise, sagt Brigitte Fassbaender, tendierten entweder zum Baritonfach hin oder entwickelten sich zu »Säuslern« wie José Carreras, der seit Jahren nur mehr Pianissimo-Folklore zum Besten gibt. Problematisch ist beides. Einen Villazón, der gegen sein Latin-Lover-Image ansingt, ansingen muss, wird die Musikwelt nicht lange goutieren.

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Am bitteren Ende sieht sich der Stimmbandbesitzer so ziemlich von allen verlassen. Peter Jonas findet, Singen sei immer schon eine Frage der physischen und psychischen Konstitution gewesen, der eine habe eben mehr Glück mit seinen Genen, der andere weniger. Ioan Holender zuckt mit den Achseln und meint, derartige »Villazónaden« habe es früher nicht gegeben. Andreas Mölich-Zebhauser sagt, das Schlimmste für Rolando wäre, wenn man ihm seine Bücher nähme. Und Dr. Kürsten verrät, dass sich sehr viel mehr berühmte Sänger unters Messer gelegt hätten und legen würden, als die Welt ahne. Als könne man wegoperieren, was der raue Markt in einer goldenen Kehle so anrichtet. Viele aber, das sagt Kürsten auch, sängen hinterher besser als vorher.

Ist der Markt klug, begreift er Villazóns Krise als seine ureigene. Und aktiviert alle Selbstheilungskräfte, die er noch hat.

Mitarbeit: Claus Spahn

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