Politisches Buch Ubuntu heißt GemeinsinnSeite 2/2

Viele Commons-Verfechter analysieren zudem eher eine »Tragik der Märkte«: Die einseitige Liberalisierungspolitik seit den achtziger Jahren habe Gemeingüter mehr denn je degradiert. Wo Bildung, Gesundheit, Transport, Kultur, ja möglichst alles zur Ware werden sollte, da sei vor allem der Reichtum großer Konzerne vermehrt worden – während Qualität und Pflege der Gemeingüter gelitten hätten, Preise gestiegen und Ärmere von der Nutzung ausgeschlossen worden seien. Auch um die natürlichen Ressourcen stehe es schlecht. Tatsächlich wird ja das Wasser von Spanien über Brasilien bis Indien vielerorts auch infolge privatwirtschaftlichen Raubbaus knapp; so wie Ackerböden erodieren und die Biodiversität mit Wäldern und Mooren schwindet.

Solcher Übernutzung und Ungerechtigkeit wegen, aber vor allem als Folge der Finanzkrise ist das vorherrschende kapitalistische Modell zwar weltweit in Verruf geraten. Die Diskussion über seine Zähmung allerdings blieb in den alten ideologisch verkrusteten, allzu schlichten binären Formeln erstarrt: »Kapitalismus versus Sozialismus«, »Markt versus Staat«. Als wäre der Noteinsatz der Regierungen, den das Vabanquespiel der Finanzmarkt-Hasardeure erzwungen hat, mit irgendeiner Sehnsucht nach dem Sozialismus vergleichbar.

In diesem politischen wie intellektuellen Vakuum gehören die Theoretiker der Commons zu den wenigen, die sich auf die Suche nach einer Art neuem Dritten Weg begeben – und Differenzierung fordern. Privateigentum, staatliches Eigentum und Gemeineigentum hätten, analysiert Helfrich, »allesamt ihre Wirksamkeit und ihr Scheitern zugleich bewiesen«. So richtet sich der Blick auf »erfolgreiche Prinzipien, Organisationsformen und Institutionen des Wirtschaftens«, die ein »neues Gleichgewicht zwischen einer lebendigen Bürgergesellschaft, dem Markt und dem Staat« herstellen könnten, wie Barbara Unmüßig, Leiterin der Böll Stiftung, im Vorwort formuliert. Mehr Institutionen und Formen der Selbstverwaltung müssten, schreibt die Politikwissenschaftlerin Elinor Ostrom, der Vielfalt der Gemeingüter gemäß, »polyzentrisch« sein.

Die Aufsätze liefern wichtige Denkanstöße, auch wenn sich einige eher hölzern lesen und manches redundant oder widersprüchlich ist, wie oft bei solchen Readern. Beispiele werden zwar genannt, die vom gemeinschaftlichen Wald-Management in Mexiko bis zum aus Öleinnahmen finanzierten Treuhand-Fonds für Naturschutz in Alaska reichen. Doch man wünschte sich mehr ehrliche Nahaufnahmen auf jene Internet-»Communities«, die, noch am Rande der Gesellschaft, statt Windows lieber freie Software mit dem Betriebssystem Ubuntu nutzen (der Name steht in der Sprache der Zulu für »Gemeinsinn«) – oder auf Nachbarschaften, die Solar- und Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen betreiben. Auch sie dürften mit Konflikten zu kämpfen haben, und ohne einen scharfen Blick darauf bekommt das Lob der »Kümmerer« leicht etwas Schwärmerisches. In einer zutiefst individualistischen Gesellschaft möchte keineswegs jeder gern »Mit-Besitzer, Mit-Verantworter und Mit-Nutzer« sein. Unklar bleibt zudem bei vielen Beispielen, wie Commons, Staat und Markt konkret ineinandergreifen; die Rolle der Parlamente, die schließlich auch Bürger repräsentieren, wird gänzlich ausgespart.

Doch das Nachdenken steht ja erst am Anfang. Das Buch dokumentiert eine Suchbewegung, die in die richtige Richtung weist. Anknüpfungspunkte für Debatten könnten viele Gruppen der Gesellschaft finden, und mit Ausnahme kategorischer Wirtschaftsliberaler auch politische Parteien. Die CDU etwa kennt die Wertschätzung gemeinschaftlicher Organisationsformen aus der katholischen Soziallehre. Und die zerrissene SPD könnte mit einer Modernisierung ihrer Commons-Traditionen neue Begründungen dafür entdecken, warum ihre Mitstreiter einander Genossen nennen.

Silke Helfrich ist Publizistin aus Jena

 
Leser-Kommentare
  1. Ein altes Thema, welches immer wieder brisant ist: Ressourcen+Ideen und deren möglichst optimale Nutzung durch die Gesellschaft.

    Viele dieser Probleme und Themen sind automatisch dem "Kommunismus"-Tabu belegt - zuerst kommt immer die "Enteignungsdebatte", die alle weiteren und möglicherweise auch sinnvollen Diskussionen erschlägt.

    Eine solchem Buch wäre zu wünschen, dass es auch auf diese Problematik eingeht und beim Ausloten der jeweiligen Pro-/Contra-Argumente je Thema hilft. Dies geht leider meist nur mit quantitativen Zahlen, die ja leider oftmals fehlen, die aber oft den Unterschied in der Debatte ausmachen.

    Zwischen Gewinn und Schaden für die Allgemeinheit liegt irgendwo ein Punkt der nicht Enteignung, aber auch nicht Gewinnmaximierung bis zum bitteren Ende ist. Über das erreichen dieses Bereiches sollte auch jenseits von CSR-Reports gesprochen werden, auch wenn OpenAccess und ein neues Patenrecht für viele (auch in der ZEIT) schon zu heikel ist.

    • Timo K
    • 19.07.2009 um 10:18 Uhr

    Die Kommunismuskeule gleicht einer degenerierten Gliedmaße.
    Eine echte Chance hatte dieser nicht. Schon weil die Technologie nicht weit genug vorran geschritten war. Und verglichen mit den Alternativen, die sich in seinem Scheitern suhlen, hatte er auch wenig Zeit.
    Dazu noch der Aufgezwungene Schaukampf der Systeme, bei welchem der Bewertungsmaßstab uns durch unsere Werbemaschinerie aufoktruiert wurde.

    Die Ideen des Venusprojektes sollten diskutiert werden.
    Nicht das unser derzeitiges System nicht toll wäre, die Frage bleibt halt nur für wen, und für wie wenige.

    http://www.thezeitgeistmo...

    Nicht durch die beiden reisserischen Zeitgeist-Filme abschrecken lassen.

  2. http://commonsblog.wordpr...

    Die Zusammenhänge zwischen der "Magna Charta" und dem Allgemeinrecht hat Peter Linebaugh herausgearbeitet:

    The Magna Carta Manifesto: Liberties and Commons for All (University of California Press: Berkeley, California 2008)

    Vom selben Autor gibt es in deutscher Übersetzung das hervorragende Buch Die vielköpfige Hydra: Die verborgene Geschichte des revolutionären Atlantiks

    - das ich nur empfehlen kann!

    @ Autor Grefe: "In einer zutiefst individualistischen Gesellschaft möchte keineswegs jeder gern »Mit-Besitzer, Mit-Verantworter und Mit-Nutzer« sein." - ist meineserachtens kein Argument, sondern beschreibt das gegenwärtige Leitbild zur Vereinzelung der Menschen zur bequemeren Beherrschung nach dem Prinzip "Divide et Impera".
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    Niemand ist hoffnungsloser versklavt als der, der fälschlich glaubt frei zu sein. [J. W. Goethe]

  3. da bei einer wachsenden Weltbevölkerung die Frage der Resscourcennutzung immer dringlicher wird, während große Kapitaleigner immermehr nach der Weltbeherrschung mittels Besitz greifen. Patente auf alles was nicht niet und Nagelfest ist..
    Die Frage lautet für mich auch, wieso ich eigentlich zum Beispiel Markenware oder Markennamen gesetzlich schützenswert finden sollte, obwohl deren Vertreiber sich nicht an die BEI UNS geltenden Produktionsbedingungen halten müssen, obwohl sie das Zeug hier teuer verkaufen dürfen.. Dies ist ein Teilaspekt, versteht sich.
    Und uns wollen die weiss machen, dass wir dafür verantwortlich sind, weil wir aus Unwissen (welches zu vor verordnet wird) heraus den unter menschenunwürdigen Bedingungen produzierten Schrott erworben haben.

    Denkbar wäre beides...

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    "während große Kapitaleigner immermehr nach der Weltbeherrschung mittels Besitz greifen"
    Nicht Besitz, sondern Eigentum.
    Besitz ist etwas völlig Natürliches, "Eigentum" hingegen ist nichts weiter als ein zweifelhaftes juristisches Konstrukt.

    "während große Kapitaleigner immermehr nach der Weltbeherrschung mittels Besitz greifen"
    Nicht Besitz, sondern Eigentum.
    Besitz ist etwas völlig Natürliches, "Eigentum" hingegen ist nichts weiter als ein zweifelhaftes juristisches Konstrukt.

  4. ohne dafür bezahlt zu werden. Anerkennung kriegen sie selten. Die Open-Source-Aktivisten agieren zumeist im Unsichtbaren und ihr Engagement wird weitgehend ignoriert. Öffentliche Anerkennung bekommt nur, wer sich für sein Engagement fürstlich bezahlen läßt und die PR-Trommel rührt wie die Leute von Transfair und NABU oder die Gewerkschaftsfunktionäre.

  5. "während große Kapitaleigner immermehr nach der Weltbeherrschung mittels Besitz greifen"
    Nicht Besitz, sondern Eigentum.
    Besitz ist etwas völlig Natürliches, "Eigentum" hingegen ist nichts weiter als ein zweifelhaftes juristisches Konstrukt.

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