BelletristikEs gibt keine Sieger, nur Überlebende

Der mexikanische Autor Jorge Volpi rechnet in seinem Roman »Zeit der Asche« mit dem 20. Jahrhundert ab von Walter van Rossum

Mit Jorge Volpis Roman kommt man ganz schön rum im 20. Jahrhundert. Die Geschichte von der Zeit der Asche beginnt mit den explodierenden Brennstäben von Tschernobyl 1986 – dem, wenn man so will, Mündungsfeuer der UdSSR –, geht dann weiter zurück in der Zeit bis zu einem westlichen Potlatch: dem Börsencrash von 1929. Man lernt den Spekulanten Edgar J. Moore kennen, der ein ansehnliches Vermögen aus der Asche retten kann, später wird er Senator der Vereinigten Staaten von Amerika und Vater zweier Töchter: Jennifer und Allison. Jennifer, die ältere, wird bald eine der berühmt-berüchtigten Chefökonominnen des Internationalen Währungsfonds. Wir begleiten sie auf Einsätze nach Zaire, Mexiko und später nach Russland. Allison, die jüngere Schwester, macht eine Karriere von der esoterischen Heilssucherin zur Globalisierungskritikerin. Wir begleiten sie auf Einsätze nach San Francisco, auf das Mururoa-Atoll mit der Rainbow Warrior – dem Greenpeace-Schiff, das der französische Geheimdienst versenkte – und nach Palästina, wo sie von israelischen Panzern zermalmt wird.

Und dann wäre da noch Éva Halász, eine gebürtige Ungarin, die als Kind mit ihrer Familie in den Westen flieht. Éva bezahlt die Höhenflüge extremer Intelligenz mit depressiven Schüben – aufgehellt durch manisches sexuelles Begehren. Ein Genie als ratlose Intelligenzkapazität. Sie stürzt sich in die Erforschung der künstlichen Intelligenz, später spielt sie eine wichtige Rolle als Informatikerin bei der Gensequenzierung. Die – authentische – Geschichte des irren Wettlaufs um die Dechiffrierung des menschlichen Genoms bildet einen weiteren Erzählstrang in diesem Roman.

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Die Figur der Éva veranschaulicht in Reinform einen Gedanken des Philosophen Georg Simmel, dass nämlich unsere Zivilisation durch einen Überhang der Mittel über die Zwecke geprägt sei. Obwohl der Mensch unvorstellbares Wissen in die Technik investiert, funktioniert seine Orientierung indes weitgehend im Rahmen außerordentlich trivialer Reiz-Reaktions-Schemata, bestenfalls folgt er einer »inneren« Stimme als Kompass durch eine unbegreifliche Welt.

Der Schriftsteller Jorge Volpi – geboren 1968 in Mexiko-Stadt, im wirklichen Leben Programmdirektor des mexikanischen Kulturfernsehens – bietet eine erzählte Inventur des 20. Jahrhunderts. Sein Roman räumt auf mit den Ordnungsfantasien des vergangenen Jahrhunderts. Er erzählt vom Scheitern des Humanen, indem er das Überleben der Anpassungsfähigsten berichtet.

Die Oper vom Untergang des Sozialismus ist jetzt so oft als Hymne aufgeführt worden, dass man meinen möchte, niemand kann das mehr hören. Aber Volpi erzählt die Geschichte noch einmal neu – befreit von aller triumphierenden Rhetorik –, und man begreift, dass das System nicht allein an seiner Zahlungsunfähigkeit zugrunde gegangen ist. Allen Fünfjahresplänen von Steinbrück & Co zum Trotze könnte es sein, dass bald auch der Kapitalismus an Zahlungsunfähigkeit eingeht, im schwarzen Loch seiner digitalen Nullen verschwindet. Aber Zeit der Asche (im Original No será la tierra) ist zwischen 2003 und 2006 entstanden. Da war es noch nicht so weit. Und es war auch nicht die Implosion der Finanzmärkte, die den Romancier am Kapitalismus interessierte. Eher die Frage, welchen Beitrag der Kapitalismus zu den erklärten Zielen der Moderne leistet – liberté, égalité, fraternité.

Die Kühnheit des Romans besteht darin, dass er zwei Ebenen zusammenführt, die unser Denken leichtfertig zu trennen pflegt – und deshalb vielleicht so wenig der Komplexität des Konkreten gewachsen ist: die Ebene des Systems und die des Menschen. So begegnen wir in diesem Roman bekannten Momenten, Prozessen und Ereignissen des 20. Jahrhunderts: dem Reaktorunfall von Tschernobyl, der Übernahme der Sowjetunion durch die Oligarchen, den Interventionen des IWF in Zaire oder Mexiko, dem Rattenrennen um die Verwertungsrechte der Gendechiffrierung. Das liest sich teilweise wie minutiös recherchierte Reportagen, doch Volpi brilliert nicht als investigativer Journalist, sondern als scharfsinniger Verfasser von Krankenberichten. Die Kranken sind die Menschen – die historisch verbürgten wie die fiktiven –, die sich als Kettenhunde oder Zombies auf den Fluren ihres Lebens aus den Augen verlieren. Es gibt keine Sieger – nur Überlebende.

Nein, Zeit der Asche beweist nichts, sondern ist einfach ein großartiger Roman, der es wagt, mit dem 20. Jahrhundert abzurechnen.

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Leserkommentare
    • wmebh
    • 22. Juli 2009 11:30 Uhr

    Der Kapitalismus ist genauso wie der Kommunisms dem sterben nahe.
    Wenn das Kaptal weiter von unten nach oben geleitet wird,dann stimmt der Satz."Das Kapital vernichtet sich durch seine Gier selbst."

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