Es begann wie ein fast normaler Arztbesuch. Dass sich der Fall zu einem Politikum auswachsen würde, der demnächst sogar vor dem Bundesgerichtshof verhandelt wird, konnten Thomas und Claudia Rudnik kaum ahnen, als sie in der Praxis des Berliner Fortpflanzungsmediziners Ingo Stiftler saßen. Dass sowohl das Paar als auch der Arzt ihre wahren Namen lieber nicht in der Öffentlichkeit genannt sehen möchten, wird dagegen sehr schnell verständlich. Denn schließlich geht es in ihrem Fall um eine medizinische Methode, die bislang offiziell als verboten gilt.

Dabei hatten sich die Rudniks nichts anderes gewünscht als ein zweites Kind. Allerdings hatten sie bereits eine schwerbehinderte Tochter und wussten, dass ein zweites krankes Kind ihre Kräfte übersteigen würde. Über den Rudniks schwebte die Diagnose »chromosomale Translokation«. Bei dieser Erbkrankheit sitzen die Träger des Erbguts an der falschen Stelle, meist sind zwei Chromosomen vertauscht. Menschen können damit in der Regel zwar gut leben, aber nur selten gesunde Kinder bekommen. Deshalb wollten die Rudniks nicht noch einmal die übliche Lotterie am Anfang des Lebens riskieren und fragten Stiftler, ob er ihnen nicht mithilfe geeigneter Methoden zu gesundem Nachwuchs verhelfen könnte.

Der Berliner Fortpflanzungsmediziner tat nicht, was seine Kollegen normalerweise in solchen Fällen tun: Paare wie die Rudniks wieder nach Hause schicken oder ihnen – unter der Hand – eine Adresse in Spanien oder Belgien zustecken. Anders als in den meisten Staaten ist nämlich in Deutschland eine Embryonenauswahl nach herkömmlicher Rechtsauffassung verboten. Wer dennoch Embryonen nach den Ergebnissen eines Gentests selektiert, dem drohen bis zu drei Jahre Haft.

Stiftler ließ sich davon nicht schrecken – weder im Falle der Rudniks noch bei zwei weiteren Paaren mit ähnlicher Diagnose. Insgesamt acht Eizellen befruchtete der Arzt, kontrollierte sie mithilfe der Präimplantationsdiagnostik (PID) – und pflanzte keinen einzigen Embryo in den jeweiligen Mutterleib ein. Denn alle befruchteten Zellen hatten sich als schadhaft erwiesen. Der Arzt ließ sie absterben und schüttete sie anschließend weg.

Das ist rein rechtlich in Deutschland eigentlich verboten. Doch Stiftler war überzeugt, kein Unrecht getan zu haben. Warum auch sollten seine Patientinnen gezwungen werden, sich einen möglicherweise kranken Embryo einpflanzen und ihn zu einem Fötus reifen zu lassen, nur um ihn nach einigen Monaten wieder abzutreiben? Genau das ist hierzulande bislang die Praxis. Weder die betroffenen Paare noch ihre Ärzte verstehen das. Und weil Stiftler endlich Klarheit wollte, ging er noch einen Schritt weiter und zeigte sich Anfang 2006 selbst an. Nach mehrjähriger komplizierter Rechtssuche – die Staatsanwaltschaft wollte die Anzeige erst nicht zur Verhandlung bringen – übernahm das Berliner Landgericht den Fall und sprach Stiftler im Mai dieses Jahres frei.

Das Urteil, gegen das die Berliner Staatsanwaltschaft mittlerweile Berufung eingelegt hat, ist eine biorechtliche Sensation. Es zeigt, dass sich, unbemerkt von der Öffentlichkeit, in der Reproduktionsmedizin derzeit ein erstaunlicher Umbruch vollzieht. Noch gibt es dazu keine aussagekräftige Statistik, doch nach Recherchen der ZEIT steht fest: Auch in Deutschland werden seit Jahren Embryonen ausgewählt und einer Qualitätsprüfung unterzogen. In Dutzenden Fertilitätspraxen bleiben Embryonen übrig, werden zur späteren Verwendung auf Eis gelegt oder – in vielen Fällen – vernichtet.

Dabei dürfte es all dies nach dem deutschen Embryonenschutzgesetz gar nicht geben. Das Gesetz ist eines der restriktivsten der Welt. Ihm liegt die Annahme zugrunde, dass bereits mit der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle vollwertiges menschliches Leben beginnt. Deshalb ist – laut bisheriger Interpretation – nach einer künstlichen Befruchtung alles verboten, was nicht dazu dient, die entstandenen Embryonen mit dem Ziel einer Schwangerschaft in den Mutterleib einzusetzen. Faktisch ist damit die mikroskopisch kleine Zellmenge in der Petrischale besser geschützt als jeder Fötus in der Gebärmutter, der bis zur zwölften Woche abgetrieben werden darf – in Notlagen sogar bis kurz vor der Geburt.

Seit Langem kritisieren Fortpflanzungsmediziner das ungenau formulierte Gesetz als »widersprüchlich«, »patientenfeindlich« und »völlig veraltet«. Mehrmals hat der Bundestag zaghafte Anläufe genommen, das 1990 erlassene Paragrafenwerk auf den neuesten Stand der Heilkunst zu bringen. Doch aus Angst vor einer kontroversen Debatte über den Beginn des menschlichen Lebens ließen die Parlamentarier die Gesetzentwürfe stets wieder in der Schublade verschwinden (siehe Infokasten).

Nun könnte die Praxis in Fortpflanzungslabors und Gerichtssälen die Abgeordneten dazu zwingen, sich erneut mit dem Embryonenschutz zu befassen. Denn offensichtlich ignorieren Fortpflanzungsmediziner seit Jahren die strenge Auslegung des Gesetzes. Führende Medizinrechtler unterstützen sie dabei, indem sie die alten restriktiven Regelungen neu interpretieren. Und die Richter, so scheint es, folgen diesen überraschend liberalen Deutungen.

Zum Beispiel argumentieren manche, das Embryonenschutzgesetz verbiete gar nicht grundsätzlich die Präimplantationsdiagnostik, sondern nur den Gencheck kurz nach einer Befruchtung. So sieht es etwa Monika Frommel, Direktorin des Instituts für Sanktionsrecht und Kriminologie an der Universität Kiel. Bei der PID in einem frühen Stadium trennt der Arzt von dem Zellhaufen zur Untersuchung sogenannte totipotente Zellen ab, die selbst noch die Fähigkeit haben, sich zu einem eigenen Menschen zu entwickeln. Der Berliner Fortpflanzungsmediziner Stiftler untersuchte die Zellen der acht strittigen Embryonen dagegen zu einem späteren Zeitpunkt, als diese pluripotent geworden waren, sich also nur noch zu verschiedenen Organen entwickeln konnten (siehe Grafik oben). Eine solche – technisch kompliziertere – Untersuchung hält die Rechtsprofessorin Frommel für vergleichbar mit der gängigen vorgeburtlichen Diagnostik wie der Fruchtwasseruntersuchung oder einer Diagnose der Plazenta (Chorionzottenbiopsie) – und deshalb sei sie erlaubt.

Vor noch nicht allzu langer Zeit hatten Juristen das ganz anders gesehen. Im Jahr 2005 hatte die Enquetekommission »Recht und Ethik in der Medizin« genetische Untersuchungen an Embryonen ebenso als rechtswidrig abgelehnt wie ihre Produktion auf Probe. Genau dies habe der Fortpflanzungsmediziner Stiftler aber gemacht – Pluripotenz hin oder her, meinte die Berliner Staatsanwaltschaft und legte deshalb Berufung ein. Jetzt muss der Bundesgerichtshof die Streitfrage entscheiden. Im kommenden Jahr könnte das Urteil erfolgen. Sollten die obersten Richter Stiftler freisprechen, wäre das Embryonenschutzgesetz hinfällig – von Realität und Rechtsprechung überholt.

Denn der Gencheck am Embryo ist zwar ein Extremfall, aber nicht die einzige reproduktionsmedizinische Technik, die trotz Verbots seit Jahren eingesetzt wird. Auch auf dem Feld der häufiger praktizierten künstlichen Befruchtung ohne PID wird der rigide Embryonenschutz – je nach Lesart – gebrochen oder liberal umgedeutet. Über 60000-mal im Jahr vereinen Biologen in der Petrischale Ei- und Samenzelle, um Paaren zu Nachwuchs zu verhelfen; nur jeder vierte oder fünfte Versuch führt zu einer Schwangerschaft. Seit 1982 verdanken hierzulande rund 140000 Kinder ihr Leben der In-vitro-Fertilisation.

Doch bisher gibt die Bundesärztekammer unter Berufung auf das Embryonenschutzgesetz vor: Bei der Zeugung im Labor dürfen höchstens drei Embryonen entstehen. Eine Selektion ist verboten, alle erzeugten Zellhaufen müssen der Frau eingesetzt werden – auch die nicht lebensfähigen. »Wir behandeln unsere Patientinnen damit schlechter, als wir könnten, und setzen sie unnötigen Risiken aus«, sagt Klaus Diedrich, Direktor der Universitätsfrauenklinik in Lübeck. Die größte Gefahr stellen Mehrlinge dar. 90 Prozent aller Drillingsschwangerschaften sind Folge einer künstlichen Befruchtung. Schon Zwillinge gelten als Risikogeburt. Erwartet eine Frau drei Kinder, droht ein medizinischer Notfall. Die Kinder kommen zu früh auf die Welt, nicht selten behindert. Die Belastungen für Eltern wie Nachwuchs sind enorm. Im Extremfall müssen die Mediziner sogar einen Fötus töten, um das werdende Leben der anderen beiden zu schützen.

Im Ausland setzt sich deshalb zunehmend der sogenannte Single-Embryo-Transfer (SET) durch. Unter mehreren befruchteten Eizellen fahnden die Mediziner nach den erfolgversprechendsten und setzen nur diese in den Mutterleib ein. Die restlichen Embryonen werden eingefroren, kranke verworfen. Belgische Krankenkassen zahlen sogar nur denjenigen Frauen die erste Fruchtbarkeitsbehandlung, die sich für SET entscheiden und damit eine riskante Mehrlingsgeburt weitgehend ausschließen.

Bisher dachte man, in Deutschland komme das Verfahren nicht infrage. Nun stellt sich heraus: Auch hierzulande stellen Praxen bewusst mehr Embryonen her, um diejenigen mit den besten Überlebenschancen auszusuchen, wenngleich etwas vorsichtiger als im Ausland. »Wir schauen uns jede Patientin an und entscheiden dann individuell, wie viele befruchtete Eizellen wir weiterreifen lassen, damit wir am Ende wahrscheinlich zwei gute haben«, sagt der Freiburger Fortpflanzungsmediziner Franz Geisthövel. Er geht – wie alle anderen Kollegen, welche die neue Technik praktizieren, ohne sich öffentlich dazu bekennen zu wollen – das Risiko ein, dass am Ende überzählige Embryonen entstehen.

Geisthövel schätzt, dass in Dutzenden deutscher Kinderwunschzentren so vorgegangen wird, besonders in Süddeutschland. Dort droht die Konkurrenz aus Österreich oder Tschechien, wo die Gesetze liberaler sind. Der Berufsverband Reproduktionsmedizin Bayern wirbt in einer Presseinformation vom Juni 2007 sogar damit, dass auch in Deutschland die Zahl der befruchteten Zellen »höher sein kann als die Zahl der zu übertragenden Embryonen« und es »keinen Vorteil für ein Paar mit unerfülltem Kinderwunsch gibt, diese Behandlung im Ausland vorzunehmen«.

Was mit überzähligen Embryonen bislang geschieht, ist unklar. Kranke Zellhaufen dürften in der Regel vernichtet, gesunde für spätere Behandlungen eingelagert werden. Auch könnten Embryonen einfach zu ethisch unbedenklichen »Vorkernen« umdeklariert werden, bei denen Ei- und Samenzelle noch nicht verschmolzen sind. »Wer schaut einem anderen Fortpflanzungsmediziner schon in den Brutschrank?«, fragt ein Kinderwunschexperte, der anonym bleiben möchte.

Führende Juristen halten die neue Praxis sogar für erlaubt. Folgt man dem Mannheimer Medizinrechtler Jochen Taupitz, Mitautor des maßgeblichen Kommentars zum Embryonenschutzgesetz, dann ist der Arzt so lange auf der sicheren Seite, wie er jeden Fall individuell abwägt und nicht aufs Geratewohl Embryonen auf Vorrat herstellt. Zudem, schreibt Taupitz in der neuesten Ausgabe der Zeitschrift Der Gynäkologe, sei es keiner Frau zuzumuten, einen Embryo ohne Chance auf Entwicklung austragen zu müssen. Das verstoße gegen ihr Selbstbestimmungsrecht.

Im bislang einzigen Prozess gegen einen Mediziner, der mehr als die drei erlaubten Eizellen befruchtet hatte, kam das Amtsgericht im bayerischen Wolfratshausen zum gleichen Schluss. Der Richter gab dem Arzt im April vergangenen Jahres recht und setzte sich in der Urteilsbegründung bewusst von der »herkömmlichen Auslegung« ab. Er argumentierte ganz pragmatisch: Die neue Praxis schone die behandelten Frauen, schmälere das Risiko von Mehrlingen und sei auch »im Interesse der Versichertengemeinschaft«, weil sie Kosten spare.

Andere Rechtsexperten wie Ulrike Riedel, einst Mitarbeiterin der grünen Gesundheitsministerin Andrea Fischer, halten eine solche Interpretation für contra legem, also gegen den Geist des Gesetzes gerichtet. Juristen beider Seiten drängen den Bundestag, den Streit zu klären und endlich ein moderneres Gesetz zur Fortpflanzungsmedizin zu beschließen. »Die Sache muss klar geregelt werden – wie auch immer«, sagt Riedel.

Alle fürchten eine neue Debatte über die Frage: Wann beginnt das Leben?

Doch das Parlament sträubt sich. Das Gesetz von 1990 erlaubt sowohl liberalen wie auch konservativen Vertretern, ihr Gesicht zu wahren. Beide Lager fürchten, eine neue Debatte über den Embryonenschutz bringe Streit über sehr grundsätzliche Fragen: Wann beginnt das Leben? Gilt der Zellhaufen nach der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle tatsächlich als vollwertiger Mensch, den es wie ein neugeborenes Kind zu schützen gilt? Dann wäre die Aussonderung selbst kranker Embryonen – überspitzt formuliert – der Tötung eines behinderten Kindes vergleichbar.

Gestattete man dagegen die Auswahl von Embryonen, müsste man ehrlicherweise sagen, was mit den überzähligen geschehen soll. Einen kleinen Teil könnte man wie in den USA zur Adoption durch kinderlose Paare freigeben. Am Ende würden dann aber immer noch befruchtete Zellhaufen übrig bleiben. Was tun? Klaus Diedrich ringt nach Worten: »Nach Abschluss der fortpflanzungsmedizinischen Behandlungsmöglichkeiten können diese überzähligen Embryonen dem Absterbenlassen zugeführt werden. Dies sollte gesetzlich geregelt werden.« Statt »Absterbenlassen« könnte man auch Vernichten sagen, denn die Konsequenz der Technik ist der Überschuss.

Doch wenn man Embryonen vernichten dürfte, müsste es dann nicht erst recht erlaubt sein, sie für die Wissenschaft zu nutzen? Etwa um Stammzelllinien zu züchten, um Heilmethoden gegen todbringende Krankheiten zu entwickeln? Anders als im Ausland ist das in Deutschland streng verboten.

Fest steht: Die Untätigkeit der Politik sollte ein Ende haben. Schon heute, klagt Ulrike Riedel, sei die Rechtsunsicherheit für Ärzte wie für die behandelten Paare »unzumutbar«. Zu Recht fordern Mediziner und Juristen, diese Rechtsunsicherheit zu beenden und auch in Deutschland einen Single-Embryo-Transfer zuzulassen – und damit überzählige Embryonen. Dann müssten nicht mehr Einzelne die ethische Gratwanderung verantworten, sondern die Gesellschaft. Denn eine reine Moral, darauf weisen die Experten ehrlicherweise hin, kann es auf dem Feld der Fortpflanzungsmedizin ohnehin nicht mehr geben.

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