Museumsführer Goldener Fisch an der Alster

ZEIT-Museumsführer (11): Die Hamburger Kunsthalle

Hinge draußen ein Plakat: Hier superklasse Caspar David Friedrichs zu sehen, dann stünde gewisslich bald eine Schlange vor der Tür des Hauses. Aber das hängt da nicht. Und so ist man auch am Sonntagnachmittag recht allein mit dem Eismeer und dem Wanderer über dem Nebelmeer, und das ist wirklich superklasse!

Serie Museumsführer
Im ZEIT-Museumsführer stellen wir Ihnen jede Woche eines der schönsten Museen Deutschlands vor. Um alle bisher veröffentlichten Museumsführer der ZEIT aufzurufen, klicken Sie bitte auf das Bild

Im ZEIT-Museumsführer stellen wir Ihnen jede Woche eines der schönsten Museen Deutschlands vor. Um alle bisher veröffentlichten Museumsführer der ZEIT aufzurufen, klicken Sie bitte auf das Bild

Natürlich nicht für die Direktion der Hamburger Kunsthalle. Die mag’s gerne voll. Doch die Ära der großen Ausstellungen, wie sie zu Werner Hofmanns Zeiten Besucher aus ganz Deutschland und Europa nach Hamburg lockten, ist, aus welchen Gründen auch immer, lange vorbei. Einige große und kleine Retrospektiven – Mark Rothko oder Helene Schjerfbeck – sorgen noch für Zulauf, ansonsten ist es still geworden im Dreihäuserhaus neben dem Hauptbahnhof, von der Innenstadt durch eine sechsspurige Stadtautobahn brutal abgeschnitten.

Anzeige

Hamburgs Kunsthalle ist ein klassisches Immerhin-Museum. Kein Vergleich mit Louvre und Eremitage, mit den Galerien von Dresden oder den Münchner Pinakotheken. Aber immerhin: Für eine Stadt wie Hamburg, die sich im Gegensatz zu den Residenzstädten, zu anderen Bürgerstädten in Holland oder im deutschen Süden niemals in ihrer glanzvollen Geschichte der Kunst hingegeben hat, ist sie, dank einer Stiftung da und einer Stiftung dort, recht gut gefüllt. Auch gab es im 19. Jahrhundert beachtliche Sammler hier, von deren Schätzen einige den Weg in die Kunsthalle nahmen; noch heute gerühmt werden die bürgerfürstlichen Kollektionen des Salpeter-Kaufmanns Eduard F. Weber und der Bankiersfamilie Behrens. Verteilt ist das Museum auf drei miteinander verbundene Gebäude: auf ein postbiedermeierliches Backsteinkästlein von 1869, einen postklassizistischen Neubau mit flacher Kuppel von 1921 und die postmoderne Galerie der Gegenwart von 1995, ein Monument edler Einfallslosigkeit von Oswald Mathias Ungers.

Drei Eingänge führen hinein; entsprechend verschlungen sind die Wege durchs Haus. Angenehm ist es, im Kuppelbau zu beginnen, wo auch das reiche Kupferstichkabinett seinen Platz hat. Übers weite kahle Treppenhaus mit dem hausmeisterlichen Hamburger Linoleum auf den Stufen geht es hinauf, zu ein bisschen mittelalterlicher Malerei, gruppiert um den herrlichen Altar des Meister Bertram. Die Renaissance ist rasch bekuckt, schon steht man in Hollands Goldenem 17. Jahrhundert. Von hier an bietet das Haus einen lehrbuchtreuen Rundgang durch die europäische Kunstgeschichte. Oft gibt es zwar nur ein, zwei »Belegbilder« (etwa für die arg unterrepräsentierte spanische Kunst). Doch immer wieder betritt man tolle Räume wie den Caspar-David-Friedrich-Saal – neben dem üppigst ausgebreiteten Werk von Philipp Otto Runge, dessen wunderlichen Hamburger Ruhm schon Samuel Beckett bei seinem Besuch 1936 nicht so ganz nachvollziehen konnte: » a whole room of quatsch« . Auch der Saal der Expressionisten mit Nolde und Kirchner begeistert, die Lovis-Corinth-Galerie, der Lehmbruck-Raum. Dazwischen großartige Einzelstücke, Meisterwerke, von Jan Massys’ Flora bis Manets Nana, von Fragonards wildem Philosophen bis Picassos Kunsthändler Sagot. Oder die Paul-Klee-Wand mit dem Goldenen Fisch im Zentrum. Und natürlich jene Bilder, die man immer wieder sehen will, wenn man das Haus betritt, und man ist gleich beleidigt, wenn die Räume mal wieder in restauro sind (wie zurzeit leider einige, im August soll aber alles fertig sein!). Bilder, die man ganz für sich nebeneinanderhängen möchte: die Selbstporträts von Dietrich Ernst Andreae (1720) und Victor Emil Janssens ergreifendes Selbstbildnis (1829) neben Max Beckmanns frühes von 1907, Paula Modersohns Alte Bäuerin neben Thomas Herbsts Bauernmädchen, Jan van Goyens Flusslandschaft neben Pierre Bonnards Blick über die abendliche Außenalster. Hinreißende Impressionisten gibt es auch, schließlich war der legendäre Gründungsdirektor der Kunsthalle, Alfred Lichtwark, 1897 der erste Museumschef in Deutschland, der ein Bild von Monet kaufte.

Aber am allerliebsten? Am allerliebsten das Zitronenmädchen von Anita Rée. Joachim Ringelnatz’ Hafenkneipe! Lyonel Feiningers Alte Lokomotive. Und Julius von Ehrens Alstermöven: Hamburgs Blick auf die Künstler, wie sie über den Zylindern der Bürger durch die Luft turnen – ein bisschen belacht, ein bisschen bewundert und ein bisschen gefüttert.

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service