Musiktheater Apokalypse grauSeite 2/2

Man fühlt als Betrachter von Kiefers düsteren Visionen, wie einem das Bedeutungsblei aufs Gehirn drückt, das Aschgrau das Gemüt verfinstert und der Staub den Lebensatem raubt. Wenn es da nicht noch die Musik des jungen deutschen Komponisten Jörg Widmann gäbe. Kiefer hat ihn als Partner auserkoren, die erhabene Weltendzeitdämmerung mit Klängen auszustatten, und der im Programmbuch abgedruckte Briefwechsel dokumentiert, wie der Großkünstler den Jungkomponisten einschwört, alles Lebendige und Dramatische wegzulassen. »Deine wunderbaren Klangfarben müssen ergrauen und vergeheimnist werden«, schreibt Kiefer.

Widmann scheint sich mit seiner Partitur auch auf die Vorgaben einzulassen. Mit tonlosen Anblasgeräuschen schält sich die siebzigminütige großorchestrale Klangszenerie aus der Stille, bleibt lange Zeit amorph in ihren Erscheinungsformen, setzt auf die ätherischen Klangfarben eines Trios aus Glasharmonika, Akkordeon und Klarinette, akzentuiert pathetisch das Grollen der großen Trommel und geräuschhaftes Reiben von Bogenholz auf Kontrabasssaiten. Widmanns Zeitmaß ist ein Ewigkeitsadagio, der Duktus der Musik ist flächig, gedeckelt, gründelnd. Und passagenweise hat man das Gefühl, hier schreibe einer nahe am Klischee einer Anselm-Kiefer-Musik.

Aber mitten hinein in das Vergänglichkeitsraunen erklingen irritierende Vitalitätsschübe, Solopassagen der Klarinette und einer Geige, jähe Orchesteraufschwünge, hell schimmernde Farben. Als wolle sich das Orchester (unter der Leitung des Komponisten) von der Kieferschen Asche nicht vollständig bedecken lassen. Es sind die stärksten Momente des Abends. Weil man spürt, dass Musik gar nicht anders kann, als der »Negation des Seins« entgegenzuwirken. Die Wüste lebt.

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service