»Entfremdung« und »Verdinglichung« sind keine antiquierten Begriffe

Honneth verfährt mit großer hermeneutischer Sensibilität, wenn er seine leitende Intuition an Beispielen aus der Literatur oder an behutsam analysierten Alltagsphänomenen erläutert. Dem verletzbaren Anderen können wir nur gerecht werden, wenn wir durch Zuwendung und Unterstützung, durch Bestätigung und Anerkennung sein Ich stärken und sein Selbstvertrauen, seine Selbstachtung, sein Selbstwertgefühl fördern.

Um es auf den kontroversen Punkt zuzuspitzen: Nicht die Ermöglichung der moralischen Freiheit unter egalitären Gesetzen ist für Honneth der entscheidende normative Bezugspunkt, sondern die soziale Ermöglichung der ethischen Freiheit einer gelingenden Selbstbeziehung. Und diese wird als Ergebnis einer kooperativen Beziehung gedacht, die die Selbstverwirklichung eines jeden von der reziproken Wertschätzung aller anderen abhängig macht.

Honneth weiß, dass er nicht in eine Psychologie der Anerkennung abgleiten darf, wenn die Anerkennungstheorie ein Schlüssel für soziale Pathologien sein soll. Je schärfer er das Mikroskop auf einfache Interaktionen einstellt, umso größer ist die Gefahr des Gesellschaftsdiagnostikers, über die Köpfe der Betroffenen hinweg zu bestimmen, was ihnen wehtut, was mithin als Symptom gesellschaftlich entstellter Verhältnisse gelten kann. Im Bewusstsein dieser Schwierigkeiten hat Honneth seine Theorie der Anerkennung während der letzten zwei Jahrzehnte mit großer Konsequenz ausgearbeitet. Er hat mit Nancy Fraser eine viel beachtete Diskussion über die Frage geführt, ob mit dem Begriff der Anerkennung auch die drängenden Probleme der Verteilungsgerechtigkeit erfasst werden können. Er hat in den Tanner-Lectures einen höchst originellen Versuch unternommen, den klassischen Begriff der Verdinglichung als »vergessene« Anerkennung zu rehabilitieren. Er hat elementare Anerkennungsbeziehungen auch unter Aspekten der Erkenntnistheorie untersucht.

Diese losen Enden will Honneth nun in einer Rekonstruktion der Hegelschen Rechtsphilosophie zusammenführen. Es geht dabei um ein Resetting: Honneth tut den historischen Schritt von Marx zu Hegel zurück, um das Programm »von Hegel zu Marx« neu einzustellen. Darin lässt sich auch der riskante Versuch einer formalen Ethik wiedererkennen. Ein neues sozialethisches Vokabular soll den Beschreibungen der komplexen Gegenwartsgesellschaft wieder die kulturkritische Kraft verleihen, die nach Adorno im plappernden Tiefsinn versickert ist. Es fehlen beispielsweise nicht nur die aufspießenden Begriffe, um die Obszönität der jetzigen Krise anzuzeigen, sondern auch die denunzierenden Worte, um die tonlos eingewöhnten sozialen Verwerfungen blitzartig zu beleuchten.

Ich kann auf den Lebensabschnitt zurückblicken, den Honneth nun vor sich hat. Der 60. Geburtstag ist das richtige Datum, um ihm für sein anspruchsvolles Projekt Erfolg zu wünschen.