PhilosophieArbeit, Liebe, AnerkennungSeite 2/2

»Entfremdung« und »Verdinglichung« sind keine antiquierten Begriffe

Honneth verfährt mit großer hermeneutischer Sensibilität, wenn er seine leitende Intuition an Beispielen aus der Literatur oder an behutsam analysierten Alltagsphänomenen erläutert. Dem verletzbaren Anderen können wir nur gerecht werden, wenn wir durch Zuwendung und Unterstützung, durch Bestätigung und Anerkennung sein Ich stärken und sein Selbstvertrauen, seine Selbstachtung, sein Selbstwertgefühl fördern.

Um es auf den kontroversen Punkt zuzuspitzen: Nicht die Ermöglichung der moralischen Freiheit unter egalitären Gesetzen ist für Honneth der entscheidende normative Bezugspunkt, sondern die soziale Ermöglichung der ethischen Freiheit einer gelingenden Selbstbeziehung. Und diese wird als Ergebnis einer kooperativen Beziehung gedacht, die die Selbstverwirklichung eines jeden von der reziproken Wertschätzung aller anderen abhängig macht.

Honneth weiß, dass er nicht in eine Psychologie der Anerkennung abgleiten darf, wenn die Anerkennungstheorie ein Schlüssel für soziale Pathologien sein soll. Je schärfer er das Mikroskop auf einfache Interaktionen einstellt, umso größer ist die Gefahr des Gesellschaftsdiagnostikers, über die Köpfe der Betroffenen hinweg zu bestimmen, was ihnen wehtut, was mithin als Symptom gesellschaftlich entstellter Verhältnisse gelten kann. Im Bewusstsein dieser Schwierigkeiten hat Honneth seine Theorie der Anerkennung während der letzten zwei Jahrzehnte mit großer Konsequenz ausgearbeitet. Er hat mit Nancy Fraser eine viel beachtete Diskussion über die Frage geführt, ob mit dem Begriff der Anerkennung auch die drängenden Probleme der Verteilungsgerechtigkeit erfasst werden können. Er hat in den Tanner-Lectures einen höchst originellen Versuch unternommen, den klassischen Begriff der Verdinglichung als »vergessene« Anerkennung zu rehabilitieren. Er hat elementare Anerkennungsbeziehungen auch unter Aspekten der Erkenntnistheorie untersucht.

Diese losen Enden will Honneth nun in einer Rekonstruktion der Hegelschen Rechtsphilosophie zusammenführen. Es geht dabei um ein Resetting: Honneth tut den historischen Schritt von Marx zu Hegel zurück, um das Programm »von Hegel zu Marx« neu einzustellen. Darin lässt sich auch der riskante Versuch einer formalen Ethik wiedererkennen. Ein neues sozialethisches Vokabular soll den Beschreibungen der komplexen Gegenwartsgesellschaft wieder die kulturkritische Kraft verleihen, die nach Adorno im plappernden Tiefsinn versickert ist. Es fehlen beispielsweise nicht nur die aufspießenden Begriffe, um die Obszönität der jetzigen Krise anzuzeigen, sondern auch die denunzierenden Worte, um die tonlos eingewöhnten sozialen Verwerfungen blitzartig zu beleuchten.

Ich kann auf den Lebensabschnitt zurückblicken, den Honneth nun vor sich hat. Der 60. Geburtstag ist das richtige Datum, um ihm für sein anspruchsvolles Projekt Erfolg zu wünschen.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. Wo sind heute noch Orte der Gesellschaftskritik? Haben wir nicht schon viel erreicht? Trägt nicht der Exportweltmeister D. entscheidend zur Globalisierung bei? Brauchen wir da noch Gesellschaftskritik? Ist nicht Mitwirkung und Problemlösung gefragt? Muss die Soziologie nicht zur Entspannung beitragen?

    Die Gefahr der Gesellschaftskritik ist ihr möglicher Beitrag zur Unzufriedenheit wo kein Grund für Unzufriedenheit besteht. Der deutsche Sozialstaat ist trotz Kritik der Komplexität der Moderne gut angepasst. Die Emanzipation der Frauen auf dem Arbeitsmarkt trägt entscheidend zur Zufriedenheit bei. Er beendet die Vorherrschaft der Männer. Das muss erstmal verkraftet werden.

    Wo liegen die Themen der Gesellschaftskritik?

    Es sind die alten Themen der vertikalen hierarchischen Gesellschaftsordnung. Wir kennen keine andere Ordnung. Die Alternative des Kommunismus wird konsequent tabuisiert.

    Wo bleibt neben der Gesellschaftskritik das Lob der Gesellschaft? Wirkt Gesellschaftskritik nicht als Self-fulfilling Prophecy? Davor kann man wirklich Angst bekommen.

  2. Eine schöne Gratulation, keine Frage. Und auch Freude, wieder von Habermas lesen zu dürfen. Ich erlaube mir aber, die Intention des Gedankens "zurück zu Hegel" in Frage zu stellen:
    http://grigorip.blogspot....

  3. Sicher war Philosophie alleine noch nie in der Lage die Realität zu bestimmen. Immer schon war Philosophie eine Sache einer absoluten Minderheit. Leider und schade. Vor allem wegen der Qualität philosophischer Texte. Wir sollten die Hoffnung auf weiteren geistigen Fortschritt nicht aufgeben der in einer Verbreiterung der philosophischen Bildung besteht. Verzicht auf Fortschrittsglauben wäre mMn tragisch.

  4. "DER PHILOSOPHISCHE DISKURS DER MODERNE" liess Grösse und Geist im Lande der Dichter und Denker zu buchhalterischer Mashaberei verkümmern. Im Schatten dieses Buches jonglieren noch immer die Akrobaten kleinkarrierten Denkens mit ihren rechthaberischen Phrasen. Eine aktuelle Beweiskette wird immer länger ...
    Anscheined hat sich Peter Sloterdijk seit "ZORN UND ZEIT" auch dorthin verirrt. - besuchen Sie mein Profil!

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service